Gefährliche Blutkrankheit Mediziner feiern erfolgreiche Gentherapie

Zum ersten Mal haben Ärzte mit einer Gentherapie eine erbliche Blutkrankheit geheilt. Mit Hilfe von veränderten Viren reparierten die Forscher ein defektes Gen eines 19-jährigen Patienten. Doch noch ist der Erfolg ein Einzelfall - und das Verfahren birgt große Risiken.
Von Cinthia Briseño
Rote Blutkörperchen: Defekte Gene verursachen Blutarmut

Rote Blutkörperchen: Defekte Gene verursachen Blutarmut

Foto: Corbis

Die Gentherapie hat einem jungen Mann das Leben lebenswerter und leichter gemacht - vorerst zumindest. 33 Monate verfolgten Ärzte und Mediziner den Zustand des Patienten T.* ständig. Regelmäßig musste der 19-Jährige zur Blutabnahme, unzählige Blutwerte sind jetzt im Fachblatt "Nature" nachzulesen.

Seit seinem dritten Lebensjahr musste T., wie alle Patienten mit dieser Krankheit, immer und immer wieder in die Klinik. Alle paar Wochen unterzog er sich einer mehrstündigen Bluttransfusion. Mit sechs Jahren wurde ihm die Milz entfernt. Sein Körper bildet nicht genügend Blutfarbstoff. Durch die vielen Transfusionen kommt es nach und nach zu einem Eisenüberschuss, der für Organe wie die Leber giftig sein kann - doch ohne sie würde T. kaum älter als 20 Jahre werden. Heilen könnte ihn eine Stammzelltransplantation, einen passenden Spender hat man aber bisher nicht finden können. Und so stimmte T. der experimentellen Gentherapie zu.

Die Ursache für die Krankheit ist erblich: In den rund drei Milliarden Bausteinen der DNA verbirgt sich ein winziger Fehler, der zu einem defekten Gen führt. So klein diese Veränderung des Erbguts auch ist, die Folgen sind verheerend. Denn das mutierte Gen liefert der Zelle nicht die richtige Bauanleitung für das Beta-Globin, ein wichtiges Protein und Bestandteil des roten Blutfarbstoffs Hämoglobin, das den Sauerstoff transportiert. Bei etwa 60.000 Kindern weltweit pro Jahr wird dieser Gendefekt festgestellt. Am häufigsten kommt er bei Menschen in Ländern des Mittelmeerraums und in Afrika vor.

Seit 21 Monaten transfusionsfrei

Dank der Gentherapie braucht T. seit 21 Monaten keine Transfusionen mehr, schreibt das internationale Forscherteam um Philippe Leboulch von der Harvard University jetzt in "Nature" . Sein Körper produziere wieder ausreichende Mengen Beta-Globin. Plötzlich hat die Krankheit Beta-Thalassämie, wie der Gendefekt genannt wird, ihren Schrecken verloren. T. wird ein langes und normales Leben führen, ohne die langwierigen Sitzungen in der Klinik. Das ist die Hoffnung der Mediziner, und es ist seine Hoffnung.

Das Verfahren, dem sich T. unterzog, klingt vergleichsweise einfach: Aus seinem Knochenmark isolierten die Mediziner sogenannte hämatopoetische Stammzellen, kurz HSC ("hematopoietic stem cells"). Das sind jene Vorläuferzellen, die der Körper in die lebenswichtigen Blutzellen verwandelt. Anschließend züchteten die Mediziner die Zellen in Kulturflaschen heran - und reparierten darin zugleich das defekte Gen.

Die Genreparatur geschieht mit Hilfe von kleinen Genschnipseln, die die richtige DNA-Sequenz enthalten. Spezielle Viren, in diesem Fall Lentiviren, funktionieren als eine Art Genfähre und schmuggeln die korrekten Genschnipsel in den Zellkern. Dort werden sie in das Erbgut eingebaut - und die Zelle hat wieder einen korrekten Bauplan für das Beta-Globin zur Verfügung.

Der gefürchtete Nebeneffekt blieb nicht aus

Noch sind Genreparaturen dieser Art selten, aber sie haben bereits einigen schwerkranken Patienten mit anderen Gendefekten geholfen. Nahezu blinden Kindern hat man beispielsweise das Augenlicht zurückgegeben. Die aktuelle Studie könnte bahnbrechend sein, denn sie trägt die ersten Früchte von fast drei Jahrzehnten Grundlagenforschung: Es ist das erste Mal, dass Mediziner mit Hilfe der lentiviralen Gentherapie einen Menschen mit Beta-Thalassämie heilen.

Doch, und das räumen Leboulch und seine Kollegen selbst ein: Die Blutwerte von T. geben zu denken. Wie die Mediziner berichten, haben die Lentiviren möglicherweise doch den seit jeher gefürchteten Nebeneffekt produziert. Denn prinzipiell birgt jedes Virus, das DNA-Sequenzen in das Erbgut einschleust, die Gefahr, das ansonsten intakte Genom des Patienten auch in anderer Weise zu beeinflussen.

Bei T. hätten die Effekte der Lentiviren die Aktivität eines anderen Gens namens HMGA2 beeinträchtigt, heißt es im Fachartikel. HMGA2 kontrolliert das Verhalten der Blutstammzellen. Noch habe das zwar keine merklichen Auswirkungen - aber der Effekt habe zu einer milden, gutartigen Ausbreitung dieser Zellen geführt. Und diese können auch eine Vorstufe von Blutkrebs sein.

T., der zwar vorerst frei von langwierigen Bluttransfusionen ist, muss nun mit der Gefahr leben, eines Tages bei einer Routinekontrolle mit der Diagnose Leukämie konfrontiert zu werden. Noch müssen also Genforscher und Mediziner an sichereren Genfähren arbeiten. Doch veränderte Lentiviren, so die Vision von Ärzten und auch des Unternehmens bluebird bio, das die Studie mitfinanziert hat, könnten eines Tages auch andere erbliche Krankheiten heilen. In einem "Nature"-Begleitartikel kommentiert Derek Persons vom St. Jude Children's Research Hospital in Memphis den ersten Erfolg dieser Gentherapie: "Diese Arbeit ist ein wesentlicher Schritt für die Gentherapie von Blutkrankheiten."

* Der richtige Name des Patienten wird im "Nature"-Artikel nicht genannt.

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