Gefährliche Brustimplantate Deutsche Firma lieferte Industrie-Silikon an PIP

Industrielle Dichtungsmasse statt medizinischem Kunststoff: Die Billig-Brustimplantate der französischen Firma PIP, die für Entzündungen und Krebsfälle verantwortlich gemacht werden, enthalten auch Industrie-Silikon und -Chemikalien. Ein deutsches Unternehmen belieferte den Implantate-Hersteller.
Silikonkissen der Firma PIP: Wie gefährlich sind die Implantate?

Silikonkissen der Firma PIP: Wie gefährlich sind die Implantate?

Foto: ERIC GAILLARD/ REUTERS

Berlin - Neue Erkenntnisse im Medizinskandal um die gefährlichen Silikonimplantate: Der deutsche Chemikalienhändler Brenntag hat Industrie-Silikon an den französischen Hersteller von Brustimplantaten PIP geliefert, berichtet die Nachrichtenagentur Reuters. "Wir haben das Produkt an PIP geliefert und sind mit den französischen Gesundheitsbehörden in Kontakt", sagte ein Brenntag-Sprecher. Es habe sich um ein unter dem Namen "Baysilone" bekanntes Material gehandelt, das etwa als Dichtungsmasse in der Baubranche eingesetzt werde. Darüber hinaus wollte sich der Sprecher nicht äußern.

Zudem berichtet der französische Radiosender RTL, in den Silikonkissen seien auch der Schmierstoff Baysilone, ein Erdölprodukt, sowie die Stoffe Silopren und Rhodorsil gefunden worden, die in der Kautschuk-Industrie zum Einsatz kämen. Die französische Arzneimittelaufsicht Afssaps habe gewusst, dass es sich um ein "gepanschtes Gel" handele, das eher in der Nahrungsmittel- und Computerindustrie eingesetzt werde, sagte der medizinische Berater einer Vereinigung betroffener Frauen, Dominique-Michel Courtois. Er hob aber hervor: "Man konnte nicht ahnen, dass das Gel Schmierstoffe enthält."

Das französische Unternehmen Poly Implant Prothese (PIP) hatte Brust-Implantate mit Industrie-Silikon gefüllt statt mit einem medizinischen Kunststoff. Bei zahlreichen Kissen sind inzwischen Risse aufgetreten - das Silikon soll sich in den Körpern der betroffenen Frauen verteilt haben. Kritiker fürchten, der Stoff könnte krebserregend sein. Ein wissenschaftlicher Nachweis dafür fehlt allerdings.

Frankreich hat deshalb Alarm geschlagen und rund 30.000 Patientinnen aufgefordert, sich die Implantate wieder herausoperieren zu lassen. Deutschland, Großbritannien und Brasilien haben betroffene Frauen aufgefordert, einen Arzt aufzusuchen. Insgesamt sollen weltweit bis zu 300.000 Frauen die Produkte des französischen Unternehmens PIP eingesetzt bekommen haben, viele davon leben in Lateinamerika. Wie viele Frauen in Deutschland die schadhaften Implantate erhalten haben, ist unklar. Seit 2004 wurden jedoch 19 Fälle von gerissenen PIP-Implantaten bekannt. Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) hat betroffenen deutschen Frauen geraten, zur individuellen Risikoabwägung mit ihrem Arzt zu sprechen.

Der Anwalt des PIP-Gründers Jean-Claude Mas versicherte, die industriellen Bestandteile kämen auch in der Schönheitsindustrie vor. Auch Hautcremes können Erdölprodukte wie Silikone enthalten.

Hersteller des Silikonprodukts Baysilone ist nach Angaben auf der Website von Brenntag das US-Unternehmen Momentive Performance Materials. Dieses Unternehmen ist aus GE Bayer Silicones hervorgegangen, einem 1998 gegründeten Gemeinschaftsunternehmen des deutschen Chemiekonzerns Bayer mit dem US-Industriekonzern GE. 2006 hatte Bayer seine Anteile daran an GE verkauft.

Das Unternehmen PIP ging im Frühjahr 2010 pleite, nachdem Risse in den Implantaten und auch die Verwendung von industriellen Kunststoffen aufgefallen war.

Das Problem mit den Billig-Einlagen war aber offenbar schon lange bekannt: Einem internen PIP-Schriftwechsel zufolge, der der Nachrichtenagentur AFP vorlag, haben PIP-Mitarbeiter bereits 2005 die Firmenleitung informiert, dass es vermehrt zu Rissen in den Silikonkissen komme. Ein Mitarbeiter verlangte eine Erklärung dafür und warnte Anfang 2006, dass die Schwierigkeiten mit den PIP-Produkten unter Chirurgen bereits die Runde mache.

Die Vertriebsleitung antwortete demnach: "Der Umsatz ist wichtiger als der Zustand der Hüllen, bitte veranlassen Sie das Notwendige." Demnach besteht der Verdacht, dass die Firma nicht nur beim Silikongel, sondern auch bei den Hüllen sparen wollte.

otr/Reuters/AFP
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