Gefährliche Infektionen Bakterien-Zoff lässt Patienten leiden

Wenn an sich harmlose Bakterien gegeneinander kämpfen, kann es für den Menschen lebensgefährlich werden: Denn beim Streit um die besten Behausungen in unserem Körper sind die Mikroben keineswegs zimperlich - und lösen dabei üble Entzündungsreaktionen hervor.

Bakterienkultur im Labor (Staphylococcus aureus): "Komplexes Zusammenspiel"
REUTERS

Bakterienkultur im Labor (Staphylococcus aureus): "Komplexes Zusammenspiel"


Cambridge - Der menschliche Körper wird von einer Vielzahl von Bakterien besiedelt. Genau genommen bestehen wir zu 90 Prozent aus Mikroben und anderen Fremdlingen. Die meisten dieser winzigen Mitbewohner verhalten sich relativ unauffällig und friedlich. Allein auf der etwa zwei Quadratmeter großen Haut leben so viele Mikroben wie Menschen auf der Erde. Doch manchmal entwickelt ein Bakterium neue Eigenschaften - und kann zur tödlichen Gefahr werden.

Dabei ist das ganze eigentlich paradox, schließlich sorgt der Tod des Wirts gleichzeitig auch für den Untergang der Mikrobe. Warum sollte ein Bakterium seinem Wirt also schaden wollen? Jeffrey Weiser von der University of Pennsylvania in Philadelphia und seine Kollegen sind der Frage nachgegangen, warum sich friedliche Mikroorganismen plötzlich in Killer verwandeln können.

Im Fachmagazin "Current Biology" berichten der Mikrobiologe und sein Team von ihren Ergebnissen. Eine frühere Untersuchung zum Thema hatten sie bereits vor fünf Jahren im Online-Magazin "PLoS Pathogens" veröffentlicht. Das Prinzip der Beobachtungen ist recht simpel: Die Mikroben stehen in einem ständigen Konkurrenzkampf um die besten Standorte zur Besiedelung des Menschen. Einige haben dabei besondere Waffen entwickelt, die unangenehme Nebenwirkungen haben.

So kann etwa der Wettstreit zwischen zwei Bewohnern der Nasenschleimhaut zu Blutvergiftungen oder Hirnhautentzündungen führen. Bei der Bekämpfung von Infektionskrankheiten müsse deshalb künftig auch die Interaktion der Mikroben berücksichtigt werden, fordern die Wissenschaftler.

In vielen Ländern zwei von fünf Menschen infiziert

In ihrer Studie hatten die Forscher das Bakterium Streptococcus pneumoniae untersucht. Der Keim bewohnt die Schleimhaut der Nase. Für Säuglinge, Kleinkinder und ältere Menschen kann er durchaus gefährlich werden, doch eigentlich verhält sich ruhig. In vielen Ländern sind zwei von fünf Menschen Träger des Bakteriums, ohne es zu wissen. Doch wenn ein anderer Keim die Nasenschleimhaut besiedeln möchte, kommt es zwischen den beiden zu einem Kampf um den begehrten Standort.

Im konkreten Fall haben die Wissenschaftler Haemophilus influenzae als Gegner ausgesucht, denn dieser Krankheitserreger hat einen besonderen Trick auf Lager: Um seinen unliebsamen Konkurrenten loszuwerden, ruft er das Immunsystem des Wirts zu Hilfe. Dieses rekrutiert eine Gruppe von Abwehrzellen, sogenannte Neutrophile, die Streptococcus pneumoniae umzingeln und angreifen.

Doch auch der bisherige Hausherr verteidigt sich effektiv: Das Bakterium versteckt sich unter einer Hülle aus Zucker, die als Schutzschild gegen die Angriffe des Immunsystems dient. Dieser Schutzmechanismus hat aber einen fatalen Nebeneffekt: Mit der Hülle kann der Keim nun unbemerkt vom Immunsystem in den Blutkreislauf eindringen und schwere Erkrankungen wie Lungenentzündung, Meningitis oder Blutvergiftung hervorrufen.

Streptococcus pneumoniae bewegt sich also auf einem schmalen Grat. Das Bakterium investiert viel Energie in seine Rüstung, denn nur so kann es den Hilfstruppen seines Konkurrenten entkommen. Auf der anderen Seite kann der Körper seines Wirts die neue Bedrohung oft nicht bewältigen, und beide könnten dafür mit dem Tod bezahlen.

"Unsere Studie demonstriert an einem Beispiel das komplexe Zusammenspiel zwischen den zahlreichen Mikrobenarten, die unseren Körper bewohnen", erklärt Weiser. "Der zunehmende Gebrauch von Antibiotika und Impfstoffen beeinflusst diese Beziehung in hohem Maße und kann ausschlaggebend dafür sein, welches Bakterium gewinnt."

chs/ddp

Mehr zum Thema


© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.