Gefährlicher Darmkeim Experten finden Ehec-Erreger im Müll

Die Suche nach dem Ehec-Erreger wird noch mysteriöser. Erstmals haben Fahnder den gefährlichen Stamm O104:H4 auf einem Lebensmittel nachgewiesen - einem Gurkenrest in Magdeburg. Wie die Mikrobe darauf kam, ist unklar. Neue Indizien sprechen auch für die Theorie von Sprossen als Quelle der Seuche.
Gurkenhaufen: Erster Nachweis auf Probe geglückt

Gurkenhaufen: Erster Nachweis auf Probe geglückt

Foto: dapd

Magdeburg - Es ist der erste Nachweis des Ehec-Ausbruchsstammes in einer untersuchten Probe - aber leider lassen sich daraus keine eindeutigen Schlüsse ziehen. Auf einem Gurkenrest in einer Biotonne hat man den gefährlichen Darmkeim entdeckt. Ein Sprecher des Gesundheitsministeriums von Sachsen-Anhalt teilte mit, bei dem gefundenen Bakterium vom Stamm O104:H4 handle es sich um jene Form, die in Norddeutschland grassiert und schwere Erkrankungen auslösen kann. Da der Abfall aber zwei Wochen in der Tonne lagerte, könnten keine Rückschlüsse gezogen werden, wann und wie die Ehec-Erreger in die Tonne gelangten.

Die belastete Probe stammt den Angaben zufolge aus dem Bioabfall einer am 19. Mai erkrankten dreiköpfigen Familie aus Magdeburg. Der Familienvater war leicht erkrankt, die Mutter wurde in einem Krankenhaus behandelt und ist inzwischen wieder entlassen. Die Tochter leidet derzeit noch unter der besonders schweren Verlaufsform (Hus), hieß es weiter.

Ein Familienmitglied hatte auf den Verzehr von Gurken hingewiesen. Am 30. Mai konnte der Erreger auf dem Reststück einer Gurke nachgewiesen werden. Die Familie habe sich zuvor nicht in Norddeutschland aufgehalten.

"Wir werden nicht mehr zweifelsfrei ermitteln können, wie der Erreger in die Mülltonne in die Mülltonne gelangt ist", sagte der Sprecher. Die weitere Suche nach den Darmkeimen im Umfeld der Familie hatte kein Ergebnis gebracht. Es sei kein Bezug der Familie zu Norddeutschland bekannt.

Nach Informationen von dpa sind die Eltern beide 50 Jahre alt, die Tochter erwachsen. Die Ermittler untersuchten auch Supermärkte, in denen die Familie eingekauft hatte. Nirgendwo wiesen die Proben Auffälligkeiten auf. Es sei auch nicht ausgeschlossen, dass die Familie erkrankt sei und von ihr der Erreger dann auf die Gurke übertragen wurde, sagte der Sprecher.

Die Mülltonne war untersucht worden, da stets bei Ehec-Erkrankten auch das Wohnumfeld unter die Lupe genommen wird. In allen anderen Fällen stießen die Behörden aber nicht auf den Keim. Die Relevanz der Entdeckung ist noch fraglich. "Aus diesem Fund können keine Rückschlüsse gezogen werden", sagte eine Sprecherin des Bundesamtes für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit dem "Tagesspiegel". Die Experten der Task Force der Bundesregierung sagen, man wisse nicht, ob der Erreger bereits vorher auf der Gurke war oder erst über den Müll auf das Gemüse kam.

Sprossen-Verdacht erhärtet sich

Deshalb suchen die Behörden mit Hochdruck auch an anderen Stellen weiter nach der Infektionsquelle, über die sich die gefährlichen Erreger in den vergangenen Wochen verbreiten konnten. Auf dem Gärtnerhof im niedersächsischen Bienenbüttel haben Experten zahlreiche Proben entnommen, die jetzt analysiert werden.

Der Betrieb geriet ins Visier der Fahnder, weil mehrere Lokale, Kantinen und Hotels, deren Gäste sich mit Ehec angesteckt hatten, Sprossen von dort bezogen hatten. Wie das niedersächsischen Verbraucherschutzministerium mitteilte, waren dort zudem drei im selben Bereich tätige Frauen nacheinander am 6., 11. und 12. Mai an Durchfall erkrankten. Bei einer dieser Mitarbeiterinnen habe man definitiv Ehec festgestellt.

Möglicherweise habe eine der Frauen "den Erreger in den Ablauf des Betriebes eingespeist", sagte Ministeriumssprecher Gert Hahne am Mittwoch. Dafür spreche der frühe Zeitpunkt der Erkrankungen. Zudem hätten die Frauen auch Sprossen verpackt. Sie könnten sich aber auch erst in dem Betrieb mit dem Erreger infiziert haben

Die bisher untersuchten Proben aus Bienenbüttel enthielten allerdings nicht die gefürchteten Keime. Neue Analyse-Ergebnisse werden nicht vor Freitag erwartet, teilte das Bundesinstitut für Risikobewertung auf Anfrage mit.

Experten gehen davon aus, dass sich die Bakterien über verschiedene Lebensmittel verbreitet haben können. Der Fund in Magdeburg bedeutet daher nicht, dass die Sprossen nicht mehr als Infektionsquelle in Betracht kommen.

Chinesisches Unternehmen entwickelt neuen Schnelltest

Mit einem neuen Test wollen Wissenschaftler dem Erreger noch schneller auf die Spur kommen. Die Diagnoseform des chinesischen Beijing Genomics Institute (BGI) zur Identifikation des gefährlichen Erregers ermögliche die Diagnose innerhalb von zwei bis drei Stunden, teilte ein deutscher Sprecher des Instituts am Mittwoch in Hamburg mit.

Im Kampf gegen den Darmkeim hatten zuletzt auch Forscher des Universitätsklinikums Münster einen Schnelltest zum Nachweis des Erregers entwickelt. Mit dem Verfahren könnten innerhalb weniger Stunden nicht nur Proben von Menschen untersucht werden, sondern auch von Lebensmitteln, hieß es.

Die Arbeit der chinesischen Wissenschaftler hingegen ist den Angaben zufolge das Ergebnis der jüngsten Entschlüsselung des Ehec-Erregers durch das BGI in Zusammenarbeit mit dem Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE). Dabei war es den Forschern in der vergangenen Woche dank neuester Sequenzierungstechnik gelungen, die isolierte DNA des Erregers innerhalb von drei Tagen zu entschlüsseln.

Die Genauigkeit des neuen Ehec-Schnelltests konnten die Forscher laut des Sprechers mit computergestützten Analysen und zahlreichen Labortests belegen.

Seit Anfang Mai haben Ärzte bei insgesamt 2648 Menschen in Deutschland eine Ehec-Infektion diagnostiziert, darunter erkrankten 689 Patienten am HU-Syndrom. 18 davon sind bisher an den Folgen gestorben. Insgesamt gibt es deutschlandweit den Behörden zufolge 26 Opfer, die mit einer Ehec-Infektion in Verbindung gebracht werden. Allein in Niedersachsen sind acht Menschen an den Folgen von Hus oder Ehec gestorben.

Weil die Zahl der Neuinfektionen in den vergangenen Tagen zurückgegangen war, sagte Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP), dass es berechtigten Anlass für Optimismus gebe, "dass wir bundesweit das Schlimmste hinter uns haben". Allerdings sei es für eine Entwarnung noch zu früh.

wbr/dapd/dpa
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