Genanalyse Europäer sind eine große Familie

Ob Engländer, Schweden, Deutsche oder Polen - alle Europäer sind relativ eng miteinander verwandt. Auswertungen von Genanalysen zeigen, dass fast jeder Bewohner des Kontinents mit fast jedem anderen viele Vorfahren teilt, wenn man nur tausend Jahre zurückgeht.
Menschenmenge (Oktoberfest in München, September 2012): Überall Verwandte

Menschenmenge (Oktoberfest in München, September 2012): Überall Verwandte

Foto: Karl-Josef Hildenbrand/ dpa

Zwei Eltern, vier Großeltern, acht Urgroßeltern: Mit jeder Generation verdoppelt sich die Zahl der Vorfahren. So lässt sich auch erklären, dass im Prinzip jeder Mensch, der vor rund tausend Jahren in Europa lebte und Nachkommen zeugte, ein Vorfahr jedes heute lebenden Europäers ist.

Doch bei weitem nicht alle genealogischen Vorfahren haben auch ihre Spuren im Erbgut jedes einzelnen hinterlassen. Forscher wollten herausfinden, wie viele genetische Vorfahren heutige Europäer im Schnitt miteinander teilen - also solche Ahnen, von denen sie größere oder kleinere Erbgut-Abschnitte vererbt bekamen, die sich heute in ihrem Genom finden.

Peter Ralph und Graham Coop von der University of California in Davis (US-Bundesstaat Kalifornien) haben deshalb das Erbgut von 2257 Menschen aus 40 europäischen Ländern miteinander verglichen. Die Informationen stammten aus dem bereits existierenden Propres-Datensatz  ("Population Reference Sample Dataset"), in dem die Daten mehrerer Genprojekte zusammengeführt sind. In den Geninformationen hatten die Forscher nach Abschnitten gesucht, in denen die DNA identisch aufgebaut ist. Denn Individuen, die solche Erbgut-Abschnitte miteinander teilen, haben auch einen gemeinsamen genetischen Vorfahren.

Je kürzer so ein Abschnitt ist, desto weiter zurück lebte dieser Vorfahre, weil in jeder Generation das Erbgut neu rekombiniert, also durchmischt, wird. Lange Abschnitte weisen hingegen auf einen gemeinsamen Vorfahren vor vergleichsweise kurzer Zeit hin.

In kleinen Populationen ist die Zahl möglicher Vorfahren gering

Das Ergebnis: Zwei Europäer, die heute mindestens 2000 Kilometer voneinander entfernt leben, haben demnach gleiche Erbgutstückchen im Schnitt von einem gemeinsamen Vorfahren, der vor 1000 bis 2000 Jahren lebte. Für die Zeit vor 2000 bis 3000 Jahren teilen sie sich im Schnitt mehr als zehn solcher genetischen Ahnen.

Ihre Analyse bestätige mathematisch-statistische Modelle, die schon vor etwa zehn Jahren eine enge Verwandtschaft der Europäer miteinander vorhergesagt hätten, schreiben die Forscher im Fachmagazin "PLoS Biology" .

Erwartungsgemäß sind Menschen am engsten mit jenen verwandt, die in ihrer Nähe leben. Ein Brite ist demnach enger mit einem anderen Briten verwandt als mit einem Deutschen, aber enger mit einem Deutschen als mit einem Griechen.

In den Verwandtschaftsbeziehungen der Europäer spiegelt sich zum Teil auch die Geschichte der Bevölkerungen wider, schreiben die Forscher. Zwei Menschen einer kleinen Population seien grundsätzlich enger miteinander verwandt als solche aus einer größeren Population. Das liege daran, dass in einer kleinen Bevölkerung die Zahl möglicher Vorfahren gering ist und somit die Wahrscheinlichkeit zweier Menschen groß, einen gemeinsamen Vorfahren zu haben.

chs/dpa
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