Gerinnungsstörungen nach AstraZeneca-Impfungen »Mehr Zufall als Ursache«

In mehreren Ländern wird derzeit nicht der Stoff von AstraZeneca verimpft, weil einzelne Geimpfte schwere gesundheitliche Probleme hatten. Aber welche Schlüsse lassen die Daten zu – und ist der Nutzen größer als der Schaden?
Impfstoff von AstraZeneca: »Aktuell kein Grund zur Sorge«

Impfstoff von AstraZeneca: »Aktuell kein Grund zur Sorge«

Foto: Chris Jackson / Getty Images

Es ist die Charge mit der Nummer ABV5300, die in Europa derzeit für Aufregung sorgt. Sie umfasst eine Million Dosen des AstraZeneca-Impfstoffes und wurde an 17 EU-Länder ausgeliefert; Deutschland ist nicht darunter. Österreich hatte zu Beginn der Woche einen Impfstopp mit der Charge verordnet, nachdem eine 49-Jährige an schweren Gerinnungsstörungen gestorben war und eine 35-Jährige eine Lungenembolie erlitten hatte.

Es ist allerdings völlig unklar, ob der Impfstoff die Ursache war für die Blutgerinnsel oder diese zufällig gleichzeitig auftraten. Der europäischen Arzneimittelbehörde (Ema) wurden bislang nur 30 Fälle von Gerinnungsstörungen nach einer AstraZeneca-Impfung gemeldet – und das bei bislang knapp fünf Millionen Geimpften. Das entspräche einer Rate von 0,006 pro 1000 Personen.

Unangemessene Nutzen-Risiko-Abwägung

»Die Zahl der thrombembolischen Vorfälle bei geimpften Menschen ist nicht höher als die Zahl in der Gesamtbevölkerung«, schreibt die Ema in einem Statement . Nach erster Prüfung gebe es keinen Hinweis auf einen ursächlichen Zusammenhang. »Der Nutzen des Impfstoffes überwiegt die Risiken, und der Impfstoff kann weiterhin verabreicht werden, während die Überprüfung der Gerinnungsstörungen weiterläuft«, so das für die Bewertung und Sicherheit von Humanarzneimitteln zuständige Pharmacovigilance Risk Assessment Committee (Prac) der Ema .

Dennoch haben sich zahlreiche Nationen – möglicherweise vorschnell – entschieden, dem Beispiel Österreichs zu folgen. Nachdem es auch in Dänemark einen Todesfall durch eine Gerinnungsstörung im zeitlichen Zusammenhang mit der AstraZeneca-Impfung gab, stoppte es ebenfalls die Impfungen. Auch die baltischen Staaten, Norwegen, Island, Luxemburg, Thailand und Rumänien setzten die Impfungen aus.

Diese Entscheidungen könnten allerdings mehr schaden als nutzen, meint Mathias Pletz, Direktor des Instituts für Infektionsmedizin und Krankenhaushygiene an der Universität Jena. Der Grund: Durch das Aussetzen der Impfungen in Dänemark für zunächst zwei Wochen sei es nicht nur sehr wahrscheinlich, dass mehr Menschen an Covid-19 erkranken als ohne diese Entscheidung – und etwa fünf Prozent davon sicher auch schwer. Auch das Risiko für Blutgerinnsel erhöht sich stark durch eine Covid-19-Erkrankung. Einer US-amerikanischen Untersuchung zufolge bildeten sich bei 16 Prozent der Covid-Patienten Blutgerinnsel. Pletz spricht daher von einer unangemessenen Nutzen-Risiko-Abwägung.

Das in Deutschland für die Bewertung und Zulassung von Impfstoffen zuständige Paul-Ehrlich-Institut (PEI) schließt sich der Bewertung der Ema an. »In Deutschland sind bis zum 11.03.2021 insgesamt elf Meldungen über unterschiedliche thromboembolische Ereignisse bei etwa 1,2 Millionen Impfungen berichtet worden«, schreibt das Pei.  »Vier Personen verstarben.« In der Zusammenschau der derzeit verfügbaren Informationen gebe es derzeit keinen Hinweis, dass die Impfung diese Erkrankungen verursacht habe, der Nutzen überwiege demnach die Risiken.

»Impfstopp war falsch«

SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach auf Twitter

»Die ergriffenen Maßnahmen sind selbstverständlich als Vorsichtsmaßnahmen zu verstehen«, sagt der Impfstoffforscher Leif-Erik Sander von der Charité in Berlin. »Es ist wichtig und richtig, dass allen Ereignissen sehr sorgfältig nachgegangen wird. Das geschieht ja auch durch die zuständigen Behörden. Ich sehe aber aktuell keinen Grund zur Sorge.«

Gesundheitsminister Jens Spahn kritisierte am Freitag in Berlin das Aussetzen der Impfungen: »Ich bedaure es, dass auf dieser Grundlage – Wissensstand jetzt Freitagvormittag – einige Länder in der Europäischen Union das Impfen mit AstraZeneca ausgesetzt haben.«

Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach twitterte: »Es ist richtig, das weiter zu untersuchen. Aber Impfstopp war falsch. Ausgesetzte Impfung ist für viele tödlich, die jetzt verzichten.«

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Auch Clemens Wendtker, Chefarzt der Infektiologie und Tropenmedizin an der München Klinik Schwabing hält die Einschätzung von Ema und PEI derzeit für richtig: »Insgesamt kann man mit derzeitigem Kenntnisstand davon ausgehen, dass es mit hoher Wahrscheinlichkeit keinen ursächlichen Zusammenhang zwischen Impfung und den wenigen thromboembolischen Ereignissen gibt – statt von einer Kausalität ist eher von einer Koinzidenz auszugehen, also mehr Zufall als Ursache.« Das Risiko, an einer Covid-19 assoziierten Thrombose zu erkranken, hält er ebenfalls für »ein Vielfaches höher«.

Der Impfstoff von AstraZeneca wird bisher in Deutschland seltener eingesetzt als der von Biontech/Pfizer. Der jüngste Sicherheitsbericht des Paul-Ehrlich-Instituts zählte bis 26. Februar 363.645 Impfungen mit dem Produkt von AstraZeneca. Dem stehen 5,4 Millionen Impfungen mit dem Präparat von Biontech/Pfizer gegenüber. Noch seltener sind Impfungen mit dem Präparat von Moderna (168.189 Impfungen).

Mit Material von dpa und AFP
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