Glaxo-Produkt Avandia EU-Aufseher verlangen Verkaufsstopp für Diabetesmittel

Die Arzneimittelbehörden greifen durch: EU-Aufseher wollen das umstrittene Diabetes-Präparat Avandia vom Markt nehmen lassen, in den USA sollen Patienten das Mittel nur noch in Ausnahmefällen erhalten. Dem Hersteller GlaxoSmithKline drohen schwere Umsatzeinbußen.
Diabetes-Mittel Avandia: In der EU bald nicht mehr erhältlich

Diabetes-Mittel Avandia: In der EU bald nicht mehr erhältlich

Foto: THOMAS PETER/ REUTERS

Brüssel/Washington - Schwerer Rückschlag für den britischen Pharmakonzern GlaxoSmithKline: Die europäische Arzneimittelbehörde EMA empfiehlt, das wegen eines erhöhten Herzinfarkt-Risikos seit Jahren umstrittene Diabetesmittel Avandia komplett vom Markt zu nehmen. Die für die Zulassung von Medikamenten zuständige EU-Kommission folgt üblicherweise den Empfehlungen der Arzneimittelbehörde. Außerdem plant die US-amerikanische Gesundheitsbehörde FDA, den Zugang für Patienten erheblich einzuschränken. Das teilten beide Behörden am Donnerstag mit.

Glaxo kündigte an, die Vermarktung zu stoppen. Allein mit Avandia verdiente der Pharmakonzern 2009 umgerechnet rund 900 Millionen Euro. Infolge der Ankündigungen der beiden Gesundheitsbehörden erwartet Glaxo im zweiten Halbjahr nur noch einen Umsatz von 100 bis 150 Millionen britischen Pfund (117 bis 176 Millionen Euro) mit dem ehemaligen Verkaufsschlager. Im den Folgejahren werde nur noch mit minimalen Erlösen gerechnet, teilte Glaxo am Donnerstagabend mit. Der britische Pharmakonzern stellt sich wegen möglicher rechtlicher Auseinandersetzungen außerdem auf eine Milliardenzahlung ein.

Bereits seit Jahren diskutiert die Fachwelt über die Nebenwirkungen der Wirkstoffgruppe der Rosiglitazone. Dazu gehören Wassereinlagerungen, Herzschwäche und vermehrte Knochenbrüche bei Frauen. Der Vorteil des Wirkstoffs besteht darin, dass er nicht zu Unterzuckerung führt und problemlos mit anderen Antidiabetika kombiniert werden kann.

Nach neuen Erkenntnissen überwiege der Nutzen nicht mehr die Risiken des Wirkstoffs, teilte die EMA in London mit. Die Medikamente würden in den kommenden Monaten aus den Regalen verschwinden. Betroffene Patienten sollten mit ihrem Arzt über Alternativen beraten, die Behandlung aber nicht auf eigene Faust beenden.

Die US-Arzneimittelbehörde FDA will ihrerseits den Zugang zu Avandia begrenzen. So sollen neue Patienten das Mittel nur noch verschrieben bekommen, wenn keine Alternativen greifen. Gegenwärtigen Nutzern müssen Ärzte eine Unbedenklichkeitsbescheinigung ausstellen. Auf ein generelles Verbot verzichtete die US-Behörde jedoch.

Bereits im Juli hatte ein Beratergremium der FDA strengere Auflagen für den Vertrieb von Avandia beschlossen. Eine Mehrheit des Gremiums stufte damals Befunde als glaubwürdig ein, wonach Avandia das Risiko von Infarkten und Schlaganfällen stärker erhöhen könnte als andere Diabetes-Präparate.

jok/dpa/AFP/AP
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.