Grippe Impfung gegen zukünftige Viren schützt am besten

Wie stellt man einen möglichst zuverlässigen Impfstoff gegen Grippe her? Man bereitet das Immunsystem auf Viren vor, die es in naher Zukunft geben könnte. Das aktiviert die Abwehr auch gegen ältere Virusvarianten.

Grippeimpfung (Archivbild): Das Virus verwandelt sich so schnell, dass Impfstoffe schon nach wenigen Monaten veraltet sein können
DPA

Grippeimpfung (Archivbild): Das Virus verwandelt sich so schnell, dass Impfstoffe schon nach wenigen Monaten veraltet sein können


Jedes Jahr im Februar stehen Wissenschaftler der Weltgesundheitsorganisation (WHO) vor einer schweren Entscheidung. Sie müssen den Grippevirus auswählen, vor dem die Grippeimpfung in der kommenden Saison schützen soll. Am Ende ist die Auswahl immer ein Kompromiss, denn es gibt zahlreiche Virenstränge, die sich ständig verändern. Bis zur Impfsaison im Oktober kann die Effektivität der Impfung bereits abgeschwächt sein. Wie sich das verhindern ließe, haben Forscher nun untersucht.

Laut WHO erkranken jedes Jahr weltweit zwischen drei und fünf Millionen Menschen schwer an Grippe, bis zu 500.000 sterben. Besonders anfällig sind ältere Menschen, und auch Schwangeren wird zu einer Impfung geraten. Inzwischen werden jährlich etwa 350 Millionen Impfdosen produziert. Das braucht Zeit. Auch deshalb ist es nicht möglich, erst kurz vor der Grippesaison mit der Produktion zu beginnen, was die Wirksamkeit der Impfung gegen die sich ständig verändernden Viren erhöhen würde.

Eine Impfung schützt vor vielen Virentypen

Derek Smith von der University of Cambridge und Kollegen erstellten nun sogenannte Antikörperlandkarten, um genauer zu untersuchen, wie das Immunsystem auf eine Grippe oder eine Grippeimpfung reagiert. Die Karten decken 43 Jahre der Evolution des Grippevirus A/H3N2 ab. Untersucht wurden dafür knapp 70 Personen. Zusätzlich schauten sich die Forscher an, welche unterschiedlichen Grippestränge das Immunsystem von 225 Personen vor und nach einer Grippeimpfung bekämpfte.

Antikörperlandkarte: Sie zeigt das individuelle Immunsystem der Probanden und wie intensiv es auf einzelne Virenstränge reagiert. Die Berge kennzeichnen, gegen welche Virenvarianten der jeweilige Körper gut geschützt ist, die Täler deuten auf einen schlechten Schutz gegen einzelne Grippe-Erreger.
University of Cambridge

Antikörperlandkarte: Sie zeigt das individuelle Immunsystem der Probanden und wie intensiv es auf einzelne Virenstränge reagiert. Die Berge kennzeichnen, gegen welche Virenvarianten der jeweilige Körper gut geschützt ist, die Täler deuten auf einen schlechten Schutz gegen einzelne Grippe-Erreger.

Das entscheidende Ergebnis der Forscher: Das Immunsystem reagiert während einer Infektion nicht nur auf das gerade den Körper befallende Virus, sondern richtet seine Kräfte auch gegen alle Virenstränge, denen es zuvor jemals begegnet ist. Es erinnert sich sozusagen an früher Gelerntes. Im Fachmagazin "Science" berichten die Forscher von einem "back-boost", einer rückwirkenden Verstärkung früherer Abwehrreaktionen des Immunsystems gegen einen Virenstrang.

Zocken statt zurückhalten

Demnach dürfte eine Impfung gegen einen zukünftigen Virenstrang den Schutz gegen ältere Stränge reaktivieren. So könnte das Serum vor einer größeren Virenmenge schützen als ein Impfstoff gegen einen bereits bekannten Erreger. "In Anbetracht der Unsicherheit, wie und wann sich ein Grippevirus verändert, ist es besser zu zocken, statt konservativ zu entscheiden", sagt Smiths Kollege Sam Wilks, der ebenfalls an der Studie beteiligt war. "Besser als dem Virus hinterherzulaufen, ist, sich auf die wahrscheinlich nächste Evolutionsstufe vorzubereiten."

Umsetzen ließe sich die Veränderung relativ einfach und in recht kurzer Zeit: "Das Schöne an der neuen Erkenntnis ist, dass sich am Herstellungsprozess nichts Grundlegendes ändern muss", sagt Smith. "Der einzige Unterschied wäre größerer Schutz für den Patienten."

Ein Problem gibt es aber noch: Die Prognose, wie künftige Grippeviren aussehen werden, ist knifflig. Smith und Kollegen arbeiten daran, die Evolution zuverlässig vorherzusagen. Anschließend wollen sie ihre beiden arbeiten verknüpfen und in klinischen Studien prüfen, ob sich eine in die Zukunft gerichtete Impfstrategie auch in der Praxis bewährt.

Erst im Oktober hatten Forscher eine weitere Möglichkeit vorgestellt, wie sich die Grippeimpfung verbessern ließe. Sie brachten das Immunsystem dazu, sich gegen die Stammregion von Grippeviren zu richten. Diese verändert sich deutlich langsamer als die Oberflächenproteine, an denen die derzeitigen Impfungen das Virus erkennen. Auch hier steht die Forschung aber noch am Anfang.

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insgesamt 20 Beiträge
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Seite 1
appenzella 21.11.2014
1. Ist denn schon wieder Weihnachten?
Schon wieder wird Reklame für menschenverachtende Maßnahmen zum sozialverträglichen Ableben vor allem der Älteren gemacht. Noch einmal, bitte weitersagen: An der Schweinegrippe ist so gut wie niemand gestorben, an der Schweinegrippeimpfung sind vor allem die Älteren gestorben, für die diese Impfung nach Aussage der Pharmaindustrie besonders wertvoll sein sollte.Und nun dräut die Vogelgrippe, die ersten Gänseschwärme sind schon auf dem Weg nach Poel!Ja Grüezimo
jrc 21.11.2014
2.
Im Originalartikel in Science ist von "virus strains" die Rede. Das sind im Deutschen mitnichten "Virusstränge" sondern "Virusstämme". Außerdem ist "der Virus" in der Alltagssprache zwar oft anzutreffen, besser aber - und in der Fachsprache fast ausschließlich anzutreffen - ist "das Virus"
browneyes 21.11.2014
3. Die Evolution zuverlässig vorhersagen
Also "zocken" ist besser als "konservativ" und dann sagen wir die Zukunft voraus. Und wie bitte machen wir das? Indem wir mal neue Virenstämme züchten die es vielleicht in der Zukunft geben könnte? Und wenn wir die nicht züchten, woher wissen wir dann wie die Evolution das machen würde, geht die doch von Versuch und Irrtum aus, oder?Ich habe mich immer gefragt, wie Filmstoffe à la "Outbreak" in der Realität aussehen könnten. Wie wäre es denn mit zockenden Virusspezialisten?
leepzscher 21.11.2014
4. heute schon gelacht?
Zitat von appenzellaSchon wieder wird Reklame für menschenverachtende Maßnahmen zum sozialverträglichen Ableben vor allem der Älteren gemacht. Noch einmal, bitte weitersagen: An der Schweinegrippe ist so gut wie niemand gestorben, an der Schweinegrippeimpfung sind vor allem die Älteren gestorben, für die diese Impfung nach Aussage der Pharmaindustrie besonders wertvoll sein sollte.Und nun dräut die Vogelgrippe, die ersten Gänseschwärme sind schon auf dem Weg nach Poel!Ja Grüezimo
Es geht um Influenza. Daran sterben pro Jahr nachgewiesen 100 Leute, außerdem 30000 mehr als wenn keine Grippe vorhanden ist.Ich gehe auch nicht impfen, der Stich ist mir zu schmerzhaft. Deshalb glaube ich, dass auch viele andere einfach Schiss haben.Sie brauchen sich deshalb nicht schämen. Ihre umständliche Ausrede können Sie weglassen.
cindy2009 21.11.2014
5. #appenzella
Werte Dame, wie immer nur Sprüche, keine Belege. Ihnen ist klar, dass es nicht wenige waren,die daran gestorben sind. Warum negieren Sie dies? Und was ist die Ursache für Ihre Impfphobie?
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