Grippe-Medikament Forscher bezweifeln Wirksamkeit von Tamiflu
Grippemedikament Tamiflu: Mediziner bezweifeln Wirksamkeit
Foto: MICHAEL PROBST/ APDas Medikament spielt eine zentrale Rolle in der weltweiten Bekämpfung der : Tamiflu. In England bekamen es anfangs ganze Schulklassen verordnet, prophylaktisch, schon wenn nur einige wenige Schüler an der Schweinegrippe erkrankt waren.
In Deutschland werden Tamiflu und ähnliche Grippemittel entsprechend dem Nationalen Pandemieplan für 30 Prozent der Bevölkerung bereitgehalten. Viele ließen es sich bei Ausbruch der Schweinegrippe sogar selbst vom Arzt verordnen und legten es für den Fall der Fälle in den heimischen Kühlschrank. Tamiflu gilt als Versicherung gegen einen schweren Krankheitsverlauf. Beim Hersteller, dem Schweizer Pharmakonzern Roche, klingelten die Kassen: Dank der Pandemie erwartet Roche allein in diesem Jahr, mit Tamiflu einen Umsatz von 1,8 Milliarden Euro zu erzielen.
Jetzt aber erheben Experten der internationalen Cochrane Collaboration schwere Zweifel an der Wirksamkeit des Medikaments: Es gebe keinen klaren wissenschaftlichen Beweis dafür, dass Tamiflu Grippe-Komplikationen wie etwa eine Lungenentzündung verhindern könne, schreiben die Forscher um Tom Jefferson von der Cochrane Collaboration im renommierten "British Medical Journal" .
Forscher bemängeln Fehlen nachprüfbarer Daten
Die Wissenschaftler haben 20 wissenschaftliche Studien über Tamiflu systematisch ausgewertet - und beklagen den "Mangel an guten Daten" über das Medikament. So ließen die Forscher acht wichtige nicht oder nur teilweise veröffentlichte Studien nicht in ihre aktuelle Auswertung einfließen, weil sie die Ergebnisse nicht unabhängig überprüfen konnten.
Bei einer früheren Cochrane-Studie über Tamiflu, die zu einer etwas positiveren Beurteilung gekommen war, waren die acht Studien noch berücksichtigt worden. "Damals haben wir uns auf die Ergebnisse einfach verlassen", so Tom Jefferson, einer der Autoren. "Diesmal haben wir jedoch versucht, die Ergebnisse dieser Studien zu rekonstruieren. Weil uns das aufgrund fehlender nachprüfbarer Daten nicht gelungen ist, konnten wir die Studien nicht mehr in unsere Bewertung mit einfließen lassen." In den übrigen Studien konnten die Wissenschaftler keinen Beleg mehr dafür finden, dass Tamiflu Komplikationen wie etwa eine Lungenentzündung verhindern kann.
Der Pharmakonzern Roche erklärte auf der Website des BMJ, man glaube fest an die Zuverlässigkeit der Daten. Regierungen und Zulassungsbehörden hätten vollen Zugang zu allen Studienergebnissen über Tamiflu gehabt. Auch die Weltgesundheitsorganisation WHO habe die Rolle des Medikaments im Kampf gegen die Grippe anerkannt. Roche hat inzwischen eine detaillierte Antwort auf die BMJ-Studie veröffentlicht. Ein Großteil der Tamiflu-Daten soll zudem auf einer passwortgeschützten Internetseite zugänglich gemacht werden.
"Wer eine Waffe im Haus hat, benutzt sie auch"
Es ist nicht das erste Mal, dass Experten vor zu hohen Erwartungen an Tamiflu warnen. Das Medikament wirke nur schwach, sagte Bernd Mühlbauer, Direktor des Instituts für Pharmakologie am Klinikum Bremen-Mitte, im Mai im SPIEGEL-Interview. "Die Krankheitsdauer wird im Durchschnitt nur um etwa einen Tag verkürzt." Im Oktober hatten Mediziner vor massiven Nebenwirkungen von Tamiflu gewarnt, nachdem entsprechende Berichte aus Japan bekannt geworden waren. Roche erklärte, die Fälle hätten ursächlich nichts mit dem Medikament zu tun.
In einem Kommentar forderte das "British Medical Journal" neue Gesetze, die sicherstellen sollen, dass in Zukunft alle Rohdaten einer Medikamentenstudie veröffentlicht werden, damit die Studienergebnisse nachvollziehbar sind. "Wenn riesige Mengen öffentlichen Geldes in ein Medikament fließen, müssen alle Daten öffentlich zugänglich sein", heißt es. Solange Roche nicht alle Daten über Tamiflu veröffentliche, blieben Nutzen und Risiken des Medikaments unbekannt - eine absurde Situation, findet BMJ-Chefredakteurin Fiona Godlee: "Regierungen auf der ganzen Welt haben Milliarden für ein Medikament ausgegeben, das die Wissenschaft nun nicht beurteilen kann."
Warum Tamiflu trotz der schlechten Datenlage so verbreitet angewandt wird, kann sich der Cochrane-Autor Nick Freemantle von der University of Birmingham nur so erklären: "Wenn man erst einmal so viel von dem Medikament eingekauft hat wie viele Regierungen es mit Tamiflu getan haben, dann ist es wahrscheinlich ähnlich wie mit der Waffenkontrolle in den USA: Wer eine Waffe im Haus hat, benutzt sie auch leicht einmal. Was aber nicht heißt, dass das richtig ist."