Krebsrisiko Forscher finden Dutzende gefährliche DNA-Veränderungen

Welche Veränderungen im Erbgut erhöhen das Risiko für Prostata-, Brust- oder Eierstockkrebs? In einer großen Studie haben Forscher 80 verdächtige Merkmale gefunden. Sie hoffen nun auf verbesserte Vorsorgeuntersuchungen.
Prostatakrebs (Illustration): Eine DNA-Analyse könnte Risiko zeigen

Prostatakrebs (Illustration): Eine DNA-Analyse könnte Risiko zeigen

Foto: Corbis

Warum erkranken manche Menschen an Krebs und andere nicht? Neben dem Lebensstil spielt auch das Erbgut eine Rolle. In einer groß angelegten Studie haben Forscher nun Dutzende kleiner DNA-Veränderungen ausgemacht, die das Risiko erhöhen, an Prostata-, Brust- oder Eierstockkrebs zu erkranken. Sie hoffen, dass dies in Zukunft dabei hilft, das persönliche Krebsrisiko von Patienten zu bestimmen. Und wenn die genetische Grundlage des Krebses bekannt ist, ist es auch möglich, spezielle Therapien zu entwickeln.

Analysiert wurde sowohl das Erbgut von circa 100.000 Krebs-Patienten als auch das von rund 100.000 nicht an Krebs erkrankten Menschen. Die Wissenschaftler suchten dabei sogenannte Single Nucleotide Polymorphisms (SNPs). Das sind Veränderungen, bei denen an einer Position in der DNA ein Grundbaustein durch einen anderen ersetzt ist. SNPs machen einen Großteil der genetischen Unterschiede zwischen Menschen aus. Kam ein SNP bei Krebs-Patienten deutlich häufiger vor, nahmen die Forscher an, dass er das Tumor-Risiko erhöht.

Die sogenannte Collaborative Oncological Gen-environment Study (COGS) wurde unter anderem von der EU gefördert, beteiligt waren rund 160 Forschergruppen weltweit. Sie präsentieren die Ergebnisse in 13 Fachartikeln -unter anderem im Wissenschaftsmagazin "Nature Genetics" und auch gesammelt auf einer Webseite  .

Die Wissenschaftler identifizierten 49 noch nicht bekannte SNPs, die das Brustkrebsrisiko steigern; bisher waren nicht einmal halb so viele beschrieben. 26 SNPs schienen das Risiko für Prostatakrebs zu erhöhen. Damit sind nach Angaben der Forscher nun insgesamt 78 solcher Erbgut-Veränderungen bekannt. Acht SNPS gehen laut den neuen Untersuchungen mit einer erhöhten Gefahr für Eierstockkrebs einher.

Allerdings bleiben zwei schon bekannte Veränderungen in den sogenannten BRCA1- und BRCA2-Genen der größte erbliche Risikofaktor für diesen Krebs, wie das an der Studie beteiligte Moffit Cancer Center in Tampa (US-Bundesstaat Florida) berichtet. BRCA-Mutationen steigern außerdem das Brustkrebsrisiko.

Screening-Programme optimieren

Brustkrebs ist die häufigste Krebserkrankung bei Frauen, Prostatakrebs bei Männern. Die drei in der Studie untersuchten Tumorformen im haben gemeinsam, dass sie von Hormonen beeinflusst werden.

Um Brustkrebs frühzeitig zu diagnostizieren, gibt in vielen Ländern - auch in Deutschland - Mammografie-Screenings, zu denen alle Frauen einer bestimmten Altersgruppe eingeladen werden. Die Hoffnung ist, durch das Screening früh entdeckte Tumore besser behandeln zu können. Allerdings bringt die Reihenuntersuchung auch belastende Verdachtsdiagnosen für gesunde Frauen mit sich. Und nicht jeder kleine Tumor, der so entdeckt wird, hätte der Betroffenen zeitlebens Probleme bereitet - wird dann aber eventuell mit Chemotherapie und Strahlung behandelt, was schwere Nebenwirkungen nach sich zieht. Der sogenannte PSA-Test zur Früherkennung von Prostatakrebs ist noch umstrittener.

Forscher wie Hilary Burton von der von der britischen Foundation for Genomics and Population Health hoffen, dass Erbgut-Analysen vorab zeigen können, wer ein größeres Krebsrisiko hat und wer nur ein geringes - und Reihenuntersuchungen und Vorsorgemaßnahmen dann entsprechend angepasst werden.

Was das in Großbritannien verändern könnte, rechnen Burton und Kollegen in einem Kommentar in "Nature Genetics" vor: Während momentan alle Frauen im Alter von 47 bis 73 Jahren zur Mammografie eingeladen werden, würden dann nur Frauen mit höherem Brustkrebsrisiko untersucht werden - und zwar ab einem Alter von 35 Jahren bis hin zum Alter von 79. Das würde bedeuten, dass 24 Prozent weniger Frauen zum Screening müssten, während lediglich drei Prozent weniger Krebsfälle entdeckt würden.

Beim Prostatakrebs würden die neu identifizierten Erbgut-Veränderungen zusammen mit schon bekannten etwa 30 Prozent des vererbten Risikos für die Krankheit ausmachen, schreibt ein Team um Rosalind Eeles vom Institute of Cancer Research im britischen Sutton. Eine DNA-Analyse könnte also zeigen, ob ein Mann beispielsweise ein doppelt oder sogar viermal so hohes Risiko hat, an Prostatakrebs zu erkranken wie der Durchschnitt der Männer in seinem Alter. Auch hier könnten Ärzte Früherkennung und Vorsorge also theoretisch ans per DNA-Test ermittelte Risiko anpassen.

Ob aber der einzelne Patient mit leicht erhöhtem Risiko wirklich schon in jungen Jahren regelmäßige Untersuchungen auf sich nehmen will - oder jemand mit geringerem Risiko auch im Alter darauf verzichten möchte, das sind natürlich ganz andere Fragen.

wbr
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