Vogelgrippevirus aus dem Labor Mutationen des Schreckens

Das Vogelgrippevirus H5N1 ist höchst gefährlich, doch zum Glück verbreitet es sich nicht von Mensch zu Mensch - bisher. Ein Tierversuch zeigt aber, dass dies nach nur wenigen Mutationen möglich wäre. Nach langer Diskussion hat das Wissenschaftsmagazin "Science" die Daten veröffentlicht.
H5N1-Viren (gelb) in Zellen (grün): Risiko einer Pandemie lässt sich nicht beziffern

H5N1-Viren (gelb) in Zellen (grün): Risiko einer Pandemie lässt sich nicht beziffern

Foto: CDC/ Cynthia Goldsmith

Dass das Vogelgrippevirus H5N1 eine weltweite schwere Grippewelle auslösen könnte, fürchten Experten seit Jahren. Die dokumentierten Krankheitsfälle zeigen, dass die von diesem Erreger ausgelöste Grippe oft tödlich endet - wobei nicht ganz unumstritten ist, wie oft dies passiert. Das Glück: Von Mensch zu Mensch verbreiten sich H5N1-Viren bislang nicht. Die Betroffenen haben sich in aller Regel direkt bei infizierten Vögeln angesteckt.

Doch die zirkulierenden Viren sind nicht weit davon entfernt, auch unter Säugetieren übertragbar zu sein - das zeigen Laborexperimente. Ein Team um den niederländischen Forscher Ron Fouchier am Erasmus Medical Centre in Rotterdam infizierte Frettchen mit H5N1-Viren; die Tiere werden seit vielen Jahren als Modell für die menschliche Grippe im Labor genutzt.

Fouchier und seine Kollegen stellten fest, dass lediglich fünf Mutationen ausreichten, damit H5N1-Viren per Tröpfcheninfektion von einem Frettchen in einem Käfig zu einem Tier in einem anderen wandern konnten. Die so angesteckten Frettchen starben nicht an der Grippe - dennoch zeigt das Experiment das Gefahrenpotential von H5N1. Denn fünf einzelne Erbgutveränderungen sind für ein schnell mutierendes Virus nicht viel.

Nutzen größer als die Risiken

Ihren Fachartikel über die Experimente  hatten die Forscher schon vergangenes Jahr beim Wissenschaftsmagazin "Science" eingereicht. Doch es entbrannte eine Debatte, ob man die Daten überhaupt veröffentlichen solle - und falls ja, in welcher Form. Fachleute fürchteten, Bioterroristen damit eine neue Waffe in die Hand zu geben.

Letztendlich entschied man sich für die Veröffentlichung sämtlicher Daten . Der Nutzen, den ein besseres Verständnis der Grippeviren mit sich bringt, übersteigt das Risiko, dass diese Informationen missbraucht werden, meinen Experten, wie der Chef des National Institute of Allergy and Infectious Diseases der USA, Anthony Fauci.

Anfang Mai ist in "Nature" ein Artikel über ein ähnliches Experiment einer japanisch-amerikanischen Forschergruppe erschienen. Nun ist auch Fouchiers Arbeit öffentlich.

Sie liefert tatsächlich neue Anhaltspunkte für die Forschung. Das Team habe bis dahin unbekannte Mutationen identifiziert, die jetzt mit der Tröpfcheninfektion zwischen Säugetieren in Verbindung gebracht werden können, erklärte der niederländische Virologe. Das liefere eine Basis für kommende Experimente, die klären könnten, wie Grippe-Erreger es schaffen, sich über die Luft zu verbreiten.

Zwei der Mutationen finden sich oft in freier Wildbahn

Die Experimente könnten auch helfen, die Überwachung verbreiteter Vogelgrippevirus-Stämme zu verfeinern und ebenso Informationen zur besseren Anpassung von Impfstoffen liefern.

Ron Fouchier erläutert eine beunruhigende Erkenntnis: Zwei der fünf Mutationen finden sich häufig in den zirkulierenden H5N1-Viren - bei 30 beziehungsweise 50 Prozent der Stämme. Dass Viren mit den weiteren drei Erbgutveränderungen im Verlauf einer Grippe im Körper eines einzigen Infizierten entstehen, ist durchaus möglich, meint Derek Smith von der University of Cambridge (Großbritannien), einer der Autoren einer weiteren Studie , die "Science" zum Thema H5N1 veröffentlicht hat.

Genau beziffern lässt sich das Risiko aber nicht. Es könnte reines Glück sein, dass es in den vergangenen Jahren insbesondere in Asien immer wieder große H5N1-Wellen unter Geflügel gab, ohne dass solch ein Virus entstanden ist. Es ist aber auch denkbar, dass es eben doch sehr unwahrscheinlich ist, dass ein Grippekranker genug mutierte Viren aushustet, um eine Pandemie in Gang zu setzen.

Smith vergleicht die Gefahr einer H5N1-Pandemie mit einem anderen Risikoszenario - dem von Erdbeben, die ebenfalls nicht konkret vorhergesagt werden können. "Die Ergebnisse zeigen nun, dass wir tatsächlich auf einer Verwerfungslinie leben, und zwar einer aktiven. Es könnte etwas passieren." Jetzt müsse man herausfinden, wie wahrscheinlich dieser Ernstfall ist. Und sich natürlich so gut wie möglich dagegen wappnen.

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