H5N1-Virus Vogelgrippe weniger tödlich und weiter verbreitet

Das Vogelgrippe-Virus ist offenbar weniger tödlich als bisher angenommen - und viel weiter verbreitet. Wissenschaftler fordern jetzt von der Weltgesundheitsorganisation, nicht nur schwere Krankheitsfälle zu erfassen.
Vogelgrippe-Forschung in Frankreich (2006): Hat die WHO ein falsches Bild vom Virus?

Vogelgrippe-Forschung in Frankreich (2006): Hat die WHO ein falsches Bild vom Virus?

Foto: DOMINIQUE FAGET/ AFP

Die Vogelgrippe ist für den Menschen äußerst gefährlich: Bisher sind mehr als die Hälfte aller Infizierten am H5N1-Virus gestorben. Eine verheerende Pandemie mit potentiell Millionen Toten wurde bisher vor allem dadurch verhindert, dass der Erreger äußerst selten vom Tier auf den Menschen übergeht. Seit 2003 hat die Weltgesundheitsorganisation weniger als 600 Fälle registriert, was wenig ist angesichts der Tatsache, dass insbesondere in Asien zahlreiche Menschen in engstem Kontakt mit Geflügel leben.

Doch diese Zahl könnte bei weitem zu niedrig sein: Wie US-Forscher nach einer Auswertung von 20 Studien im Fachblatt "Science " schreiben, ist die Vogelgrippe viel weiter verbreitet und deshalb auch weit weniger tödlich als vermutet. Die Analyse der Daten von mehr als 12.500 Studienteilnehmern habe ergeben, dass das Blut von einem bis zwei Prozent der Patienten Hinweise für eine frühere Vogelgrippe-Infektion aufgewiesen habe. Die meisten hätten davor keine Symptome von Atemwegs- oder fieberhaften Erkrankungen gezeigt, schreibt das Team um Taia Wang von der Mount Sinai School of Medicine in New York.

Vogelgrippe-Infektionen treten demnach vor allem bei Menschen und Vögeln in ärmeren Gegenden auf, in denen die Gesundheitsversorgung lückenhaft ist. Die Forscher stellen die These auf, dass viele angesteckte Menschen nicht untersucht und ihre Infektionen deshalb nicht registriert würden. Darüber hinaus berichteten Patienten mit Spuren einer Vogelgrippe-Infektion im Blut häufig, dass sie keine grippeähnlichen Symptome hätten, schreiben Wang und Kollegen. Milde Krankheitsverläufe würden nicht von der WHO berücksichtigt.

Forderung nach umfassenden Untersuchungen

Wären tatsächlich ein bis zwei Prozent in gefährdeten Bevölkerungsgruppen betroffen, könnten Millionen von Menschen Kontakt mit dem H5N1-Virus gehabt haben, folgern die Forscher. In diesem Fall aber hätte es zu einer gewaltigen Zahl von Todesfällen kommen müssen, wäre der Erreger wirklich so tödlich wie bisher vermutet. Es könne zwar durchaus sein, dass die Zahl der Vogelgrippe-Toten unterschätzt werde, so die Forscher. Weil sie dies aber nicht anhand der Daten beweisen können, rufen sie zu groß angelegten Untersuchungen auf, um Klarheit über die Gefährlichkeit des Erregers zu erhalten.

Schlagzeilen machte das Virus H5N1 in den vergangenen Wochen, weil Forscher eine hochansteckende Variante im Labor gezüchtet hatten. Es folgte eine heftige Debatte. Das Gremium der US-Regierung für Biosicherheit (NSABB) wandte sich gegen eine Veröffentlichung der Studiendaten - aus Angst davor, dass das Supervirus als Biowaffe eingesetzt werden könnte. Ein WHO-Symposium unter Beteiligung der betreffenden Wissenschaftler kam zu dem Schluss, dass die Forschung an der Virenvariante zunächst weiterhin ausgesetzt werden sollte. Allerdings sprach sich die WHO gegen eine Zensur der Forschungsergebnisse aus: Die Daten sollten auf jeden Fall vollständig veröffentlicht werden, wenn auch nicht sofort.

mbe/dpa