Kritik an Heinsberg-Studie Rechnung mit zwei wackligen Werten

Die Heinsberg-Studie liefert angeblich einen ziemlich genauen Überblick, wie viele Corona-Infektionen in Deutschland unentdeckt geblieben sind. Doch es gibt Probleme mit der Hochrechnung.
Menschen im Park: Wie viele Personen bereits das Coronavirus hatten, ist unklar

Menschen im Park: Wie viele Personen bereits das Coronavirus hatten, ist unklar

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Christophe Gateau/ DPA

1,8 Millionen Menschen in Deutschland könnten bereits mit dem Coronavirus infiziert gewesen sein. Das ist ein Ergebnis aus dem ersten Manuskript der Heinsberg-Studie , das am Montag veröffentlicht wurde. Die Zahl kommt lediglich am Rande des Papiers vor, wurde in der Öffentlichkeit aber breit aufgegriffen.

Auch Studienleiter Hendrik Streeck brachte sie immer wieder ins Spiel, unter anderem in einem Interview mit der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" . Darin gab er auch an, die der Hochrechnung zugrunde liegenden Zahlen "ziemlich genau bestimmen" zu können. Dabei haben die Forscher in ihrer Rechnung offenbar einen wichtigen Unsicherheitsfaktor übersehen. Die Aussage der 1,8 Millionen Coronainfizierten in Deutschland wäre dann nicht haltbar.

Laut einer aktuellen Recherche des "SWR"  könnte die Zahl der Gesamtinfektionen hierzulande demnach zwischen einer Million und fünf Millionen liegen, statt bei den bisher genannten 1,8 Millionen. Der Wert täuscht also eine falsche Präzision vor. Der Tübinger Statistikprofessor Philipp Berens spricht beim SWR von einem kritischen Fehler bei der Berechnung der Genauigkeit der Todesrate. Auf Basis der Todesrate hatten die Forscher um Streeck die 1,8 Millionen Infizierten für Deutschland errechnet.

Erste abgeschlossene Querschnittsstudie zu Corona in Deutschland

Dazu bestimmten sie bei Probanden in der nordrhein-westfälischen Gemeinde Gangelt zunächst, wie viele Menschen sich tatsächlich mit dem Coronavirus infiziert hatten. Aus der Zahl der offiziell dokumentierten Coronatoten errechneten sie die Todesrate für den Ort. Demnach sind in Gangelt 0,36 Prozent der Infizierten gestorben.

Die Ergebnisse der Studie waren mit Spannung erwartet worden, weil es sich um die erste abgeschlossene Querschnittsstudie zur Ausbreitung des Coronavirus an einem Ort in Deutschland handelt. In Gangelt hatte sich das Virus nach einer Karnevalssitzung im Februar stark ausgebreitet. Viele Ergebnisse der Studie lassen sich daher nicht auf Gesamtdeutschland übertragen. Allerdings gingen die Forscher davon aus, dass die Todesrate ein vergleichsweise gut übertragbarer Wert ist.

Was die Corona-Statistik verrät – und was nicht

Die offiziell gemeldete Zahl der Infizierten bezieht sich ausschließlich auf mit Labortests nachgewiesene Infektionen. Wie viele Menschen sich tatsächlich täglich neu infizieren und bislang infiziert waren, ohne positiv getestet worden zu sein, ist unklar. Antikörperstudien zeigen, dass es eine erhebliche Dunkelziffer an unentdeckten Infektionen gibt.

Die offizielle Zahl der Toten beschreibt, wie viele Menschen mit dem Virus gestorben sind. In wie vielen Fällen die Infektion ursächlich für den Tod war, lässt sich daraus nicht unmittelbar ablesen. Obduktionsstudien zeigen aber, dass bei den meisten Toten die Covid-19-Erkrankung auch die Todesursache war.

Mehr Informationen dazu, was im Umgang mit Corona-Daten zu beachten ist und welche Quellen der SPIEGEL nutzt, lesen Sie hier.

Weil nicht alle Corona-Infektionen in Deutschland von Behörden registriert werden, ist bislang nicht bekannt, wie viele Menschen sich insgesamt mit dem Coronavirus infiziert haben und welcher Anteil von ihnen gestorben ist. In Gangelt haben die Forscher deshalb rückblickend mit Antikörpertests ermittelt, wie viele Infektionen es gab und konnten dann auch die Todesrate ermitteln.

Diese kombinierten sie anschließend mit den für Deutschland gemeldeten Todesfällen und errechneten daraus die tatsächliche Zahl der Infizierten in Deutschland. Die beiden Grundwerte, die die Forscher für ihre Rechnung verwendeten - die Zahl der Infizierten und die Zahl der Toten - sind allerdings mit Unsicherheiten behaftet.

Das ist normal bei wissenschaftlichen Untersuchungen. Forscher geben in ihren Berechnungen deshalb sogenannte Konfidenzintervalle an. Diese verraten, in welchem Bereich ein Ergebnis mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit tatsächlich liegt. Je kleiner die Spanne ist, desto verlässlicher ist das Ergebnis. Im Fall der Heinsberg-Studie wurde das Intervall offenbar zu klein angegeben.

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Demnach haben die Forscher Unsicherheiten nicht berücksichtigt. Der Biophysiker Richard Neher von der Universität Basel twitterte, dass das Konfidenzintervall der Todesrate lediglich die Unsicherheiten bei der Anzahl der Infizierten enthalte, nicht aber mögliche Abweichungen bei der Zahl der Toten. Die Studie liefere somit nur sehr limitierte Informationen über die tatsächliche Todesrate des Coronavirus.

Ein Ausbruch in einem Heim hätte die Todesrate völlig verändert

Dabei war bereits bei Bekanntwerden der Studiendaten am Montag klar, dass die Zahl der Toten ein großer Unsicherheitsfaktor in den Ergebnissen ist. In Gangelt wurden im Untersuchungszeitraum nämlich nur sieben Todesfälle dokumentiert.

"Ein Todesfall mehr oder weniger fällt da richtig ins Gewicht", sagte etwa Gérard Krause vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung (HZI) in Braunschweig, der nicht an der Studie beteiligt war. Es müsse nur ein Ausbruch in einem Seniorenheim dazu kommen und das Ergebnis zur Todesrate sei ein völlig anderes.

Rechnet man beispielsweise mit fünf weiteren Todesfällen, kommt man bereits auf eine Todesrate von 0,61 Prozent. Wie stark sich das Ergebnis mit einem zusätzlichen Toten verändert, haben die Forscher selbst berechnet und kommen auf 0,41 Prozent.

Die Testverfahren für Sars-CoV-2

PCR-Test

Mit einem PCR-Test (Polymerase Kettenreaktion) kann eine aktive Infektion nachgewiesen werden: Ein positiver Test sagt also aus, dass ein Patient gerade mit Sars-CoV-2 infiziert ist. Zum Nachweis des Virus werden mit einem Abstrichtupfer respiratorische Sekrete aus der Nasen- und Rachenschleimhaut entnommen, wo das Virus repliziert. Im Labor wird ein DNA-Strang vervielfältigt, um das Erbgut des Virus - falls es vorhanden ist - nachweisen zu können.

Ein negativer PCR-Test kann eine Infektion jedoch nicht vollständig ausschließen, denn verschiedene Einflussfaktoren können das Testergebnis beeinflussen: etwa eine schlechte Probenqualität, ein ungünstiger Zeitpunkt der Probenentnahme oder ein unsachgemäßer Transport.

Antikörpertest

Im Gegensatz zum PCR-Test können Antikörpertests nicht nachweisen, ob eine Person gerade das Coronavirus hat. Sie können erst nach frühestens einer Woche testen, ob ein Mensch bereits Antikörper gegen Sars-CoV-2 gebildet hat. Dieses Testverfahren kommt also erst zum Einsatz, wenn ein Patient die Erkrankung bereits überwunden hat.

Im Labor wird dazu das Blutserum eines Patienten auf Antikörper gegen Sars-CoV-2 getestet. Sind Antikörper vorhanden, ist davon auszugehen, dass der Patient das Virus hatte - selbst wenn dieser keine Symptome verspürt hat.

Die Qualität der Antikörpertests ist nicht perfekt. Im Optimalfall muss ein weiterer Test durchgeführt werden, um das Ergebnis zu validieren.

Ermittelt haben die Forscher diese Zahl, weil nach Abschluss der Studie ein weiterer Todesfall in Gangelt bekannt wurde. Das verdeutlicht eine weitere Unsicherheit der Zahl von sieben Toten: Corona-Todesfälle werden mit großer Verzögerung gemeldet. Möglicherweise konnten in der Studie schlicht nicht alle Fälle berücksichtigt werden. Teils ist zudem nicht eindeutig, woran eine Person ursächlich verstorben ist.

Im SWR räumte der an der Studie beteiligte Statistiker Matthias Schmid ein, dass in der Studie ein wichtiger Rechenschritt fehlte, um die Ergebnisse auf Deutschland zu übertragen. Dies sei einer der Gründe dafür, dass die Beispiel-Hochrechnung nur am Rande der Studie erwähnt werde.

Bei der Dunkelziffer bleibt alles beim Alten

Berücksichtigt man die Einschränkungen, bleiben die bisherigen Unsicherheiten mit Blick auf die Dunkelziffer bei den Fallzahlen weitgehend bestehen. Wissenschaftler waren schon vor Bekanntwerden der ersten Erkenntnisse aus Gangelt davon ausgegangen, dass 0,4 bis 0,9 Prozent der insgesamt Infizierten in Deutschland mit dem Virus sterben. Demnach läge die Zahl der bislang tatsächlich Infizierten zwischen 800.000 und 1,8 Millionen in Deutschland.

Das Robert Koch-Institut verweist  auf seiner Seite auf eine wieder andere Rechnung. Die tatsächliche Zahl der Infektionen könnte demnach elf bis 20-mal höher liegen als die Zahl der Nachweise. Demnach wären bislang ungefähr 1,7 bis 3,3 Millionen Menschen in Deutschland infiziert gewesen.

Der Berliner Virologe Christian Drosten sprach im Zusammenhang mit Schätzungen zur Dunkelziffer in seinem Podcast von "hölzernen, groben Rechnungen". Derzeit gibt es allerdings schlicht keine andere Möglichkeit, sich der Frage zu nähern (mehr dazu, wie Wissenschaft funktioniert, lesen Sie hier und hier).

Welche Zahl zu den insgesamt Infizierten sich letztlich auch als präziser erweisen mag: Derzeit ist Deutschland noch weit von einer flächendeckenden Immunisierung entfernt.

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