Gehirnforschung Hirnflüssigkeit junger Mäuse macht das Gedächtnis alter Artgenossen wieder fit

Mit steigendem Alter nimmt das Erinnerungsvermögen ab, das ist bei Mäusen nicht anders als bei Menschen. Doch nun zeigt ein Experiment: Die Gedächtnisfunktion lässt sich in einem komplizierten Prozess verbessern.
Kann sich die Gedächtnisleistung alter Mäuse wieder verbessern?

Kann sich die Gedächtnisleistung alter Mäuse wieder verbessern?

Foto: Evgenyi_Eg / iStockphoto / Getty Images

Mit dem Alter nimmt die Gedächtnisleistung ab, der Mensch wird vergesslich. Seit Langem arbeiten Wissenschaftlerinnen und Forscher daran, das Nachlassen des Erinnerungsvermögens zu bremsen und womöglich gar rückgängig zu machen.

Einem Forschungsteam aus den USA könnte das nun gelungen sein: Sie verbesserten die Gedächtnisleistung älterer Mäuse – mithilfe der Gehirnflüssigkeit junger Artgenossen. Die Ergebnisse sind in der Fachzeitschrift »Nature«  erschienen.

Das Heilmittel: Eine Hirninfusion

Für den Versuch nutze das Team den sogenannten Liquor cerebrospinalis junger Mäuse, die Gehirn-Rückenmark-Flüssigkeit. Diese klare Körperflüssigkeit umgibt das Gehirn und das Rückenmark, sie ist das Plasma des Zentralnervensystems. Für eine normale Gehirnentwicklung ist sie unerlässlich. Doch je älter Säugetiere werden, desto mehr von seiner Wirkung büßt der Liquor ein.

Allerdings zeigte sich im Versuch: Eine direkte Hirninfusion mit dem Hirnwasser junger Mäuse verbesserte die Gedächtnisfunktion älterer Mäuse wieder. Vermutlich würde die Leitfähigkeit der Neuronen gesteigert, was den Prozess verbessert, wie Erinnerungen gebildet und abgerufen werden. Das Team vermutet außerdem, dass ein bestimmtes Protein in der Flüssigkeit die Leistungen verbessert.

»Dies ist aus grundlagenwissenschaftlicher Sicht sehr spannend, aber auch im Hinblick auf therapeutische Anwendungen«, sagt Maria Lehtinen, Neurobiologin am Boston Children's Hospital in Massachusetts.

Wie testet man die Gedächtnisleistung von Mäusen?

Aber wie kann man das Erinnerungsvermögen von Mäusen überhaupt messen? Die Forscherinnen und Forscher versuchten, alternden Mäusen eine Erfahrung zu vermitteln, an die sie sich erinnern würden.

Sie verabreichten 20 Monate alten Mäusen drei kleine Elektroschocks am Fuß, die mit mehreren Licht- und Tonblitzen einhergingen. Die Mäuse sollten eine Assoziation zwischen den Lichtern und dem Schock herstellen. Anschließend injizierten die Forscher acht Mäusen den Liquor von halb so alten Mäusen. Eine Kontrollgruppe von zehn alten Mäusen erhielt eine künstliche Hirnflüssigkeit. Als schwierig stellte sich in diesem Prozess die Entnahme der Flüssigkeit dar, denn jede Verunreinigung mit Blut hätte den Liquor unbrauchbar gemacht.

Nach drei Wochen wurden dann die behandelten Mäuse mit denselben Geräuschen und Lichtern konfrontiert, allerdings ohne den Schock. Fast 40 Prozent der Mäuse, denen die Hirnflüssigkeit junger Artgenossen verabreicht worden war, erinnerten sich an den Schock und erstarrten vor Angst. Unter den Mäusen mit künstlichem Liquor war das bei 18 Prozent der Fall. Womöglich konnte der Liquor junger Artgenossen also einen Teil der nachlassenden Fähigkeiten des alternden Gehirns wiederherstellen. »Das bedeutet, dass das Gehirn immer noch formbar ist und dass es Wege gibt, seine Funktion zu verbessern«, sagt Tony Wyss-Coray, ein Neurowissenschaftler in Stanford. »Es ist nicht alles verloren.«

vki