Hirnforschung Molekularer Dimmer könnte mitschuldig an Depressionen sein

Ein Protein in den Nervenzellen des Gehirns könnte ein bisher unbekannter Schlüsselfaktor für den Ausbruch von Depressionen sein. Forscher glauben, dass die Substanz wie ein biologischer Dimmer wirkt.

Depressionen (Symbolbild): Protein soll an Entstehung beteiligt sein.
REUTERS

Depressionen (Symbolbild): Protein soll an Entstehung beteiligt sein.


London - Psychische Verhaltensstörungen rangieren inzwischen nach Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krankheiten des Verdauungssystems auf Platz drei unter den Volkskrankheiten. Die Arzneimittelkosten für die Behandlung von Depressionen steigen stark an. Forscher glauben nun einen Mechanismus gefunden zu haben, der im Gehirn für den Ausbruch der Erkrankung mitverantwortlich sein könnte - und eines Tages bei der Behandlung eingesetzt werden könnte.

Es handelt sich um ein Protein, das nach einem simplen Prinzip zu wirken scheint: Je mehr davon vorhanden ist, desto stärker wird ein molekulares Signalsystem gedämpft. Und dieser Effekt löst nach Ansicht von Forschern um Vanja Duric von der Yale University in New Haven die Depressionen mit aus. Die Dimmer-Substanz abzufangen oder zu blockieren, könnte demnach ein vielversprechender Weg sein, Depressionen effektiv zu behandeln, schreiben die Forscher im Fachblatt "Nature Medicine". Erste Tests mit Mäusen seien bereits sehr erfolgreich verlaufen.

Die Wissenschaftler hatten das Erbgut von Proben aus den Gehirnen von 21 Verstorbenen mit schweren Depressionen untersucht. Die meisten der Probanden hatten sich selbst getötet. Zum Vergleich analysierten die Forscher das Hirngewebe von 18 nichterkrankten Vergleichspersonen. Dabei ging es jedoch nicht um Veränderungen in den Genen, sondern von Abweichungen bei der Protein-Produktion, also bei der Genaktivität.

Schlüsselrolle des Proteins in Tierversuchen bestätigt

Fündig wurden die Forscher bei einem Enzym namens MKP-1: Dessen Menge war in den Gehirnen der Depressiven etwa doppelt so groß wie in den Vergleichsproben. MKP-1 ist ein Biokatalysator, der, wenn vorhanden, den für die Zellen lebensnotwendigen MAPK-Signalweg herunterfährt und damit zu einer Funktionsstörung der betroffenen Neuronen führt.

Um zu prüfen, ob diese Erhöhung der MKP-1-Menge tatsächlich der ursächliche Faktor ist oder ob es sich dabei nur um eine Folge der Krankheit handelte, entwarfen die Forscher mehrere Mäuse- und Rattenversuche: Sie setzten die Tiere unter chronischen Stress, erhöhten die MKP-Menge in ihren Gehirnen künstlich oder blockierten die Bildung, entweder durch Medikamente oder durch eine Veränderung des Erbguts.

Alle Tests bestätigten die Schlüsselrolle des Proteins beim Entstehen von Depressionen. So führte ein Überschuss von MKP-1 im Gehirn zu typischem depressiven Verhalten bei den Tieren, während sie bei einem Fehlen des Enzyms eine deutlich verbesserte Stresstoleranz zeigten.

Die Verbindung von MKP-1 mit Depressionen erscheine auch aus biologischer Sicht logisch, erläutern die Wissenschaftler. Schwere Formen der Krankheit gehen häufig mit einem Schrumpfen des Hippocampus einher, einer zentralen Schaltstelle des für Gefühle zuständigen Limbischen Systems. Dafür könnte die Dämpfung des MAPK-Signalwegs durch MKP-1 durchaus verantwortlich sein. Diese Reaktionsfolge ist wichtig für die Flexibilität von Hirnzellen, ihre korrekte Funktion und sogar für ihr Überleben.

Für besonders vielversprechend halten die Forscher die Tests, in denen das Enzym bei den Mäusen medikamentös blockiert wurde: Sie legten nahe, dass ein solcher Ansatz auch beim Menschen funktionieren könnte, entweder als eigenständige Therapie oder in Kombination mit herkömmlichen Antidepressiva.

chs/dapd

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