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25. Juni 2014, 21:05 Uhr

Maus-Studie

Neue Impfung verhindert Wachstum von Hirntumoren

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Ein Impfstoff stoppt das Wachstum von Hirntumoren in Mäusen, zeigt eine Studie. Anfang 2015 wollen Mediziner die Wirksamkeit an Patienten in Deutschland prüfen.

Operation, Bestrahlung, Chemotherapie - das sind, wie bei fast allen Krebsarten, die klassischen Therapien bei einem Hirntumor. Doch selbst bei vergleichsweise langsam wachsenden Exemplaren schlägt die Therapie nicht immer an. Zum Teil ragen die Tumore in gesundes Gewebe hinein. Das macht es schwer, sie gezielt zu behandeln oder rauszuschneiden.

Ein Fortschritt wäre es, wann man dem eigenen Immunsystem durch eine Impfung beibringen könnte, Krebszellen zu bekämpfen. Deutsche Forscher sind auf diesem Weg nun einen Schritt weiter gekommen. Sie haben einen Stoff entwickelt, der bei Mäusen das Tumorwachstum hemmt. Es gibt Hoffnung, dass die Impfung auch beim Menschen anschlägt.

Entartete Zellen mit eindeutigem Erkennungsmerkmal

Die Behandlung zielt auf die häufigste Art der Hirntumore, die Gliome. Sie entwickeln sich aus Gliazellen, dem Stütz- und Nährgewebe der Nervenzellen. Das besondere an den Tomoren: Im Schnitt 70 von 100 langsam wachsenden, niedriggradigen Gliomen tragen exakt die gleiche Genmutation. Aus dem fehlerhaften Gen stellen die Krebszellen immer das gleiche veränderte Protein her und bauen es in ihre Oberfläche ein.

"Mit einer Impfung, die das Immunsystem des Patienten gegen das veränderte Protein scharfmacht, könnten wir den Tumor bekämpfen, ohne gesunden Zellen zu schaden", erklärt Michael Platten, vom Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ), der die Studie geleitet hat.

Bisher ist das allerdings nur in Mäusen gelungen: Im Labor bauten die Forscher den in vielen Gliomen veränderten Proteinabschnitt nach und impften krebskranke Mäuse damit. Die Tiere waren gentechnisch so verändert worden, dass ihr Immunsystem auf das menschliche Proteinstück reagieren konnte.

Nach der Impfung entdeckten Platten und Kollegen in den Mäusen Antikörper gegen das Tumor-Protein. Das Immunsystem hatte es als schädlich gespeichert, die Impfung gewirkt. Der Kampf des Immunsystem gegen die Tumorzellen verhinderte, dass sich der Krebs in den Mäusen ausbreitete.

Test im Menschen ab 2015

Die Forscher sehen gute Chancen, dass ihre Impfung auch im Patienten Wirkung zeigt. "Bei einigen Patienten mit niedriggradigen Gliomen haben wir spontane Immunreaktionen gegen den veränderten Proteinabschnitt gefunden", sagt Platten. Das sei ein gutes Zeichen, dass eine Impfung das körpereigene Immunsystem im Kampf gegen die Krebszellen unterstützen kann. Trotzdem muss sich die Impfung erst noch in der Praxis am Patienten bewähren.

Jährlich erkranken in Deutschland ungefähr 7000 Menschen neu an einem bösartigen Hirntumor. Gliome machen etwa 40 Prozent der Tumore aus. Anfang 2015 wollen Platten und Kollegen beginnen, ihre Impfung in einer klinischen Studie an Patienten in Deutschland zu testen. Für die Therapie grundsätzlich in Frage kämen vor allem Personen mit niedriggradigen Gliomen oder sogenannten anaplastischen Gliomen, schreiben die Forscher im Fachmagazin "Nature". Diese Tumore besitzen typischerweise die für die Behandlung entscheidende Genmutation.

Sollte sich die Impfung in der Klinik bewähren, wäre das ein wichtiger Schritt. Die Impfung könnte verhindern, dass unvollständig entfernte Gliome wieder nachwachsen. Direkt auf andere Krebsarten übertragen lässt sich die Methode aber nicht: Bei keiner anderen Tumorart ist eine derartige Häufung der gleichen genetischen Veränderung bekannt wie bei den erwähnten Gliomarten.

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