Transplantation von Nabelschnurblut Erste Frau gilt nach Stammzelltherapie als von HIV geheilt

Zwei Männer wurden bereits erfolgreich von HIV geheilt, nun gilt auch eine Frau seit 14 Monaten als virusfrei. Bei ihr wurde eine andere Therapieform angewandt.
Die Stammzellforschung gilt als vielversprechend bei der Suche nach Therapiemöglichkeiten für HIV

Die Stammzellforschung gilt als vielversprechend bei der Suche nach Therapiemöglichkeiten für HIV

Foto: Andrew Brookes / Getty Images/Westend61

Eine Leukämie-Patientin aus den USA ist die erste Frau und die dritte Person weltweit, die offenbar von HIV geheilt werden konnte. Sie sei mit einer neuen Form der Stammzelltherapie behandelt worden, berichteten Wissenschaftler am Dienstag auf einer Konferenz in Denver.

Die Frau mittleren Alters und multiethnischer Abstammung erhielt im Juni 2013 die Diagnose, sie sei HIV-positiv. Antiretrovirale Medikamente sorgten dafür, dass das Virus in ihrem Körper unter Kontrolle blieb. Im März 2017 wurde bei ihr myeloische Leukämie diagnostiziert, eine Krebsform, die in blutbildenden Zellen im Knochenmark beginnt. Im Rahmen einer Studie wurde die Frau rund ein halbes Jahr später mit Stammzellen aus Nabelschnurblut behandelt, in erster Linie, um den Krebs zu bekämpfen. Seitdem sei sie virusfrei und brauche keine Medikamente gegen HIV mehr, sagten die Mediziner. Die Frau ist den Angaben zufolge die erste HIV-Patientin, die mit Stammzellen aus Nabelschnurblut behandelt wurde.

Die beiden Patienten, die zuvor mit einer Stammzelltherapie von HIV geheilt wurden, waren männlich. Der Erste, Timothy Ray Brown, auch bekannt als der »Berliner Patient«, war nach der Behandlung zwölf Jahre virusfrei. 2020 starb Brown an Krebs. Vor drei Jahren gab es eine weitere Erfolgsgeschichte: Bei Adam Castillejo ist das HI-Virus nach der Stammzelltransplantation ebenfalls nicht mehr nachweisbar.

Beide Männer wurden mit Stammzellen aus dem Knochenmark, auch Knochenmarktransplantation genannt, behandelt. Die Spender verfügten über eine spezielle Mutation namens Delta 32. Diese führt dazu, dass die Zellen keinen CCR5-Rezeptor bilden, den die meisten HI-Viren benötigen, um an eine Zelle anzudocken, in der sie sich vermehren könnten. Die Spender sind also von Natur aus immun gegen das Virus. Wissenschaftler glauben, dass die Empfänger nach der Transplantation diese Eigenschaft übernehmen und so ebenfalls immun gegen HIV werden. Weltweit tragen nur rund 20.000 Stammzellspender die spezielle Mutation in sich, die meisten von ihnen stammen aus Nordeuropa.

Stammzelltherapie ist hochriskant

Durch eine Stammzelltransplantation wachsen neue Blutstammzellen im Körper heran. Dadurch wird das Immunsystem erneuert. Bei einer Stammzelltransplantation müssen in der Regel die Gewebemerkmale von Stammzellspender und Stammzellempfänger übereinstimmen. Das ist äußerst selten.

Hinzu kommt, dass die Stammzelltherapie eine Hochrisikobehandlung bleibt, die meist nur für Krebspatienten infrage kommt, wenn alle anderen Behandlungsmöglichkeiten ausgeschöpft sind. Daher dürften Mediziner bei den allermeisten Betroffenen auch in Zukunft auf den klassischen Ansatz setzen, das HI-Virus mit antiretroviralen Medikamenten in Schach zu halten und so den Ausbruch von Aids langfristig zu unterdrücken.

Auch die beiden behandelten Männer erlitten nach der Knochenmarktransplantation schwere Nebenwirkungen, wie etwa die Graft-versus-Host-Krankheit, bei der die Zellen des Spenders den Körper des Empfängers angreifen. Timothy Ray Brown starb nach der Behandlung beinahe.

Stammzellen aus Nabelschnurblut, wie sie jetzt bei der Patientin in den USA eingesetzt wurden, haben dagegen den Vorteil, dass sie meist besser verträglich sind und eine Abstoßungsreaktion des Körpers seltener vorkommt als etwa bei Stammzellen aus dem Knochenmark. Eine vollständige Übereinstimmung von Spender und Empfänger ist daher nicht unbedingt notwendig. Das könnte ein Vorteil für Menschen unterschiedlichster Herkunft sein. Denn in den weltweiten Stammzelldatenbanken sind vorwiegend weiße Menschen registriert.

Während Kranke meist lange warten müssen, bis ein geeigneter Knochenmarkspender ausfindig gemacht ist, der mit ihnen in ihren Merkmalen übereinstimmt, konnte die Leukämiepatientin mit Stammzellen eines Spenders behandelt werden, bei dem das nur teilweise der Fall war. Da die Therapie rund sechs Wochen braucht, bis sie anschlägt, bekam die Frau zusätzlich Blutzellen eines Verwandten ersten Grades. Diese halb übereinstimmenden Zellen unterstützten ihr Immunsystem so lange, bis die Nabelschnurzellen dominant wurden. Das habe die Transplantation weniger gefährlich gemacht, berichteten ihre Ärztinnen und Ärzten.

Dem Team zufolge vertrug sie die Behandlung gut. Nur 17 Tage nach der Transplantation habe sie das Krankenhaus verlassen, berichtet die »New York Times« . Sie habe keine Graft-versus-Host-Krankheit entwickelt. Die Frau nahm noch 37 Monate lang antiretrovirale Medikamente. Nachdem sie diese abgesetzt hatte, waren weder HIV noch Antikörper gegen das Virus in ihrem Blut mehr nachweisbar – auch 14 Monate später nicht.

»Die Tatsache, dass die Patientin multiethnischer Herkunft und weiblich ist, ist zum einen sehr wichtig für die Wissenschaft und hat zum anderen wichtige Auswirkungen auf die Gesellschaft«, sagte Steven Deeks, ein Aids-Experte der Universität von Kalifornien, der »New York Times« zufolge. Es wird vermutet, dass eine HIV-Infektion bei Männern und Frauen unterschiedlich verläuft. Doch während Frauen rund die Hälfte aller HIV-Fälle weltweit ausmachen, sind nur etwa elf Prozent der Teilnehmerinnen in HIV-Studien weiblich.  Deeks sieht den Heilerfolg zwar als bahnbrechend an, glaubt jedoch nicht daran, dass die Stammzelltherapie für HIV-Patienten bald alltäglich sein wird.

Sharon Lewin, die Präsidentin der International Aids Society, äußerte sich in einer Mitteilung zuversichtlicher. »Dies ist nun der dritte Bericht über eine Heilung und der erste bei einer Frau, die mit HIV lebte«, sagte Lewin. Knochenmarktransplantationen, wie sie bei den männlichen Patienten durchgeführt wurden, seien keine praktikable Strategie, um die meisten Menschen mit HIV zu heilen. Doch der Fall der Frau zeige, dass eine Heilung von HIV möglich sei und die Methode eine praktikable Strategie dafür sein könnte. »Die drei Fälle einer Heilung durch Stammzelltherapie helfen dabei, mehr über die verschiedenen Komponenten zu erfahren, die bei der Transplantation eine Rolle spielen«, so Lewin.

Derzeit leben rund 38 Millionen Menschen weltweit mit HIV. Rund drei Viertel von ihnen erhalten antiretrovirale Medikamente, die das Virus kontrollieren, um den Ausbruch von Aids langfristig zu unterdrücken. Vollständig besiegen können sie das Virus jedoch nicht. Seit Jahren forschen Wissenschaftler daher an Therapiemöglichkeiten gegen die Krankheit.

kry/Reuters
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