Hochrechnung Säugetiere beherbergen 320.000 Viren

HIV, Ebola, Influenza - die meisten Viruserkrankungen stammen aus dem Tierreich. Forscher haben die Zahl aller Viren in Säugetieren bestimmt. Ihre Folgerung: Mit knapp fünf Milliarden Euro ließen sich die Erreger umfassend erforschen.

Indischer Flughund: 55 Viren gefunden
Corbis

Indischer Flughund: 55 Viren gefunden


Säugetiere beherbergen weltweit mindestens 320.000 verschiedene Viren. Auf diese Zahl kommt ein internationales Forscherteam nach einer Studie an Flughunden. Angesichts der möglichen Bedrohung für Menschen und die mit neuen Krankheiten verbundenen Kosten raten sie in der Zeitschrift "mBio" dazu, diese Mikroorganismen stärker zu erforschen.

HIV, Westnilfieber, Ebola, Sars oder Influenza - fast 70 Prozent aller neuen Viruserkrankungen sind aus dem Tierreich auf den Menschen übergesprungen. Bislang gab es keine zuverlässigen Schätzungen, wie viele Viren in der Natur existieren.

"Historisch basierten unsere Ansätze zur Entdeckung insgesamt zu sehr auf dem Zufall", sagt Erstautor Simon Anthony von der Columbia University in New York. "Was wir zurzeit über Viren wissen, beruht weitgehend auf jenen, die schon auf Menschen oder Tiere übergesprungen sind und Krankheiten verursacht haben. Doch das Reservoir aller Viren in der Natur, einschließlich vieler möglicher Bedrohungen für den Menschen, reicht viel tiefer."

Um die Zahl zu ermitteln, untersuchten die Forscher im Dschungel von Bangladesch Indische Riesenflughunde (Pteropus giganteus). Mit einer Spannweite bis 1,50 Meter zählen sie zu den größten fliegenden Säugern der Welt. Die Forscher analysierten fast 1900 Gewebeproben und identifizierten darin 55 Viren aus neun verschiedenen Familien. Nur fünf der Erreger waren bis dahin bekannt.

"Jedes Virus kennen"

Weil die Forscher die Proben nicht auf jede Virenfamilie testeten, rechneten sie hoch, dass Flughunde insgesamt 58 diverse Viren beherbergen. Übertragen auf die weltweit knapp 5500 Säugetier-Arten ergibt das rechnerisch die Menge von rund 320.000 Viren.

"Es gibt nicht Millionen von Viren, sondern nur ein paar Hunderttausend", sagt Mitautor Peter Daszak von der gemeinnützigen Organisation EcoHealth Alliance. "Angesichts der verfügbaren Technologie könnten wir zu meiner Lebzeit jedes unbekannte Virus auf dem Planeten kennen."

Die eingehendere Erforschung der Erreger könnte dazu beitragen, Menschen vor Krankheiten zu schützen. Die Forscher beziffern die Kosten dafür auf 6,3 Milliarden Dollar (umgerechnet rund 4,8 Milliarden Euro). Für die häufigsten 85 Prozent der Viren wären es demnach nur 1,4 Milliarden Dollar. Dies sei nur ein Bruchteil der möglichen Folgen von Epidemien. Allein der Sars-Ausbruch verursachte demnach Schäden in Höhe von etwa 16 Milliarden Dollar.

"Wir behaupten nicht, dass dieses Unterfangen einen weiteren Ausbruch wie bei Sars verhindern würde", sagt Erstautor Anthony. "Aber was wir aus der Erforschung der weltweiten Virenvielfalt lernen, könnte eine bessere Überwachung und schnellere Früherkennung erleichtern und so Ausbrüche mildern."

boj/dpa



insgesamt 16 Beiträge
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Seite 1
deegeecee 03.09.2013
1. Viren...
Zitat von sysopCorbisHIV, Ebola, Influenza - die meisten Viruserkrankungen stammen aus dem Tierreich. Forscher haben die Zahl aller Viren in Säugetieren bestimmt. Ihre Folgerung: Mit knapp fünf Milliarden Euro ließen sich die Erreger umfassend erforschen. http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/hiv-ebola-influenza-sars-zahl-der-viren-in-saeugetiere-bestimmt-a-920183.html
... sind keine Organismen - auch keine "Mikroorganismen". Sie vermehren sich nicht selbsttätig und sie haben keinen eigenen Stoffwechsel - kurz: Sie leben nicht!
Newspeak 03.09.2013
2. ...
Und Pflanzenviren? Wieviel gibt es davon? Und Viren, von denen man vor Jahren noch nicht wusste, daß sie überhaupt existieren (Mimivirus z.B.), wieviel davon? Die Ozeane z.B. müssen voll von Viren sein, davon kennt man wahrscheinlich nicht mal ein Prozent. Aufgrund der Daten einer Spezies einfach hochzurechnen, halte ich jedenfalls für unsinnig. Inwiefern sind Riesenflughunde denn repräsentativ für alle Säugetiere? Gibt es beim Menschen nicht schon mehr als 55 Viren?
Newspeak 03.09.2013
3. ...
Zitat von deegeecee... sind keine Organismen - auch keine "Mikroorganismen". Sie vermehren sich nicht selbsttätig und sie haben keinen eigenen Stoffwechsel - kurz: Sie leben nicht!
Sehr schön vorgetragene Schulbuchweisheit. Für das im Artikel vorgestellte Problem völlig unerheblich. Und im Detail stimmt es so einfach auch nicht. Mimivirus z.B. hat schon mehr Gene, die für einzelne Stoffwechselvorgänge kodieren, als kleine Bakterien.
Layer_8 03.09.2013
4. Fünf Milliarden???
Zitat von sysopCorbisHIV, Ebola, Influenza - die meisten Viruserkrankungen stammen aus dem Tierreich. Forscher haben die Zahl aller Viren in Säugetieren bestimmt. Ihre Folgerung: Mit knapp fünf Milliarden Euro ließen sich die Erreger umfassend erforschen. http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/hiv-ebola-influenza-sars-zahl-der-viren-in-saeugetiere-bestimmt-a-920183.html
Für sowas wie Forschung? Ich sehe schon die üblichen Erbsenzähler, die das Geld sinnvoller angelegt sehen wollen. Kennt man hier ja zu genüge... Übrigens denke ich mal nicht, dass ALLE Viren"arten" wirkliche Krankheitserreger sind. Die gehörten schon immer dazu und leisteten wohl hauptsächlich "sinnvolle Arbeit" mit ihren Erbguttransformationen. Fehlfunktionen gibts halt überall.
stani 03.09.2013
5. Kühne Ankündigung
Zitat von sysopCorbisHIV, Ebola, Influenza - die meisten Viruserkrankungen stammen aus dem Tierreich. Forscher haben die Zahl aller Viren in Säugetieren bestimmt. Ihre Folgerung: Mit knapp fünf Milliarden Euro ließen sich die Erreger umfassend erforschen. http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/hiv-ebola-influenza-sars-zahl-der-viren-in-saeugetiere-bestimmt-a-920183.html
Viren sind, so wie es auch bei den Mikroorganismen der Fall ist, eine dem Menschen fast völlig unerschlossene Welt. Höchstens ein paar Promille sind überhaupt bekannt, weil sie irgendwann auf den Menschen oder seine Nutztiere gesprungen sind. Aber selbst die Wechselwirkungen dieser bezeugten Arten sind alles andere als erforscht. Schon das "umfassend erforschen"einzelner Virengruppen wie HIV oder Influenza bedürften wohl zig Milliarden Euro - falls es überhaupt möglich ist. Dieses in der Überschrift genannte "umfassende Erforschen" sämtlicher Säugetier-Viren für "knapp fünf Milliarden Euro" erscheint mir jedenfalls etwas kühn, um es mal ganz vorsichtig auszudrücken.
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