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Hygiene im Krankenhaus: Keine Transparenz im Kampf gegen Keime

Foto: FABRIZIO BENSCH/ REUTERS

Hygienemängel in deutschen Kliniken Krieg um die Keime

225.000 Wundinfektionen nach Operationen, bis zu 15.000 Tote pro Jahr: Der Mangel an Hygiene gehört in deutschen Krankenhäusern zu den größten Gefahren. Eine bessere Qualitätssicherung soll Abhilfe schaffen - doch zwischen Vertretern von Kliniken und Patienten kam es jetzt zum Eklat.

Berlin - Die Patientenvertreter hatten die Nase voll. Unter Protest verließen sie die Versammlung des Gemeinsamen Bundesausschusses (GBA) - dem Gremium, das darüber entscheidet, welche medizinischen Leistungen den rund 70 Millionen Versicherten in Deutschland erstattet werden und wie die Qualität in Kliniken und Arztpraxen kontrolliert und gesichert wird. Einen derartigen Vorgang hatte es in der Geschichte des Ausschusses noch nie gegeben.

Der Grund des Eklats: Die Patientenvertreter wollten offen die Frage diskutieren, wie der Kampf gegen die Killerkeime in Krankenhäusern künftig geführt werden soll. Schon wieder. Am Ende machten die zehn Abgesandten der großen deutschen Patientenorganisationen ihrem Ärger draußen Luft, während die Bevollmächtigten der Krankenkassen, Ärzte und Krankenhäuser drinnen weiter verhandelten. Nicht-öffentlich, wie sie es sich gewünscht hatten. Weil es so in der Satzung steht.

Die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) soll, so der Vorwurf der Patientenvertreter, ein geplantes Verfahren zur Qualitätssicherung bewusst nur eingeschränkt zugelassen haben. Die Folge: Von den rund 225.000 Wundinfektionen, die nach Schätzung des Berliner Robert Koch-Instituts (RKI) jährlich in Deutschland nach einer Operation auftreten, werden nur knapp tausend erfasst - also nur 0,5 Prozent. Fehler im System könnten mit solch einem Verfahren sicher nicht aufgedeckt werden. Droht nun das Vorhaben gänzlich zu scheitern?

Dreißig Prozent der Infektionen vermeidbar

Wundinfektionen, die nach einer Operation auftreten, sind kein seltenes Problem. Die Schätzung des RKI von 225.000 Fällen ist sogar eher konservativ. Das Gesundheitsministerium geht davon aus, dass 400.000 bis 600.000 Deutsche pro Jahr an einer sogenannten nosokomialen Infektion erkranken. Zu den ersten Symptomen gehören Eiter an der Hautoberfläche, eine schmerzende Wunde, geschwollenes Gewebe, hohes Fieber. Zwischen 7500 und 15.000 Patienten sterben jedes Jahr an derartigen Infektionen, schätzt das Gesundheitsministerium.

Zwar gilt es als unmöglich, die Erreger vollständig aus Krankenhäusern und Arztpraxen zu verbannen, doch eine Verbesserung der Situation ist möglich - etwa durch die konsequente Umsetzung von Hygienemaßnahmen. Experten schätzen, dass 30 Prozent aller postoperativen Infektionen vermeidbar wären.

Das Infektionsschutzgesetz wurde deshalb erst kürzlich verschärft. Als weiterer wichtiger Schritt zu einer besseren Hygiene gilt die kontinuierliche Erfassung und Auswertung aller Infektionsfälle, die sich in Krankenhäusern und ambulanten Operationszentren ereignen. "Qualitätssicherung" gilt den Patientenvertretern als Zauberwort: So könnte festgestellt werden, nach welchen Operationen vermehrt Infektionen auftreten. Gegenmaßnahmen könnten so schneller erfolgen. Außerdem könnten Krankenhäuser miteinander verglichen werden.

Aqua könnte nur 0,5 Prozent aller Fälle erfassen

Das Aqua-Institut überwacht bereits heute bundesweit die Qualität von über 30 verschiedenen Behandlungsgruppen von der Lebertransplantation bis zum Herzschrittmacher. Eigentlich soll es auch die Dokumentation von Wundinfektionen übernehmen, die nach einer Operation entstehen - in der Klinik und in der ambulanten Praxis. "Sektorübergreifend" nennen das die Experten.

Der Beschluss hierzu erfolgte bereits im Juni 2010. Im Oktober 2011 wurde der Auftrag offiziell an Aqua erteilt. Bis Ende März 2012 diskutierten die Experten darüber, wie die postoperativen Wundinfektionen am besten zu erfassen seien. Es gab Arbeitssitzungen, Workshops, Kongresse. Doch dann - die Patientenvertreter dachten, es sei längst losgegangen mit der Qualitätssicherung - schrieb Aqua Ende März einen Brief an den Gemeinsamen Bundesausschuss und riet dazu, den ursprünglichen Konzeptentwurf noch einmal zu überdenken.

Der Grund: Die Vorgaben seien so eng gefasst, dass die Ziele des Verfahrens in Frage gestellt seien. Die Kritikpunkte von Aqua:

  • Für die Qualitätssicherung könnten nur Operationen mit niedrigem Risiko erfasst werden, etwa arthroskopische Knie-OPs, Eingriffe nach einem Bandscheibenvorfall, zur Richtung einer Schiefzehe (Hallux) oder das Ziehen von Krampfadern. Die meisten Wundinfektionen ereigneten sich aber nach Eingriffen mit hohem Risiko, also nach Organtransplantationen, Herz-OPs oder einer Tumorentfernung.
  • Das Robert-Koch-Institut  schätzt die jährliche Gesamtzahl postoperativer Wundinfektionen auf 225.000 im Jahr. Nur 1120 davon ließen sich nach den Vorgaben des GBA erfassen. Ein solches Verfahren könne nichts zur Qualitätssicherung beitragen.

"Die Konsequenz für die Versicherten ist bitter", sagt Dietrich Trenner, Sprecher der Patienten. "Eine Verbesserung in Hygienestandards wird weiter auf sich warten lassen." Das ganze Verfahren müsse nun wieder neu beraten werden.

Fehler im Krankenhaus erkennen

Derzeit wird keine nationale Statistik über Krankenhausinfektion in einzelnen Krankenhäusern geführt. In Deutschland existiert allerdings das international anerkannte System Krankenhausinfektion-Surveillancesystem ("Kiss"). Rund 900 Krankenhäuser der 2200 Häuser nehmen daran teil. Allerdings ist das System anonym - für den Patienten wird nicht ersichtlich, in welcher Klinik häufiger Probleme aufgetreten sind. Ein Verfahren wiederum, dass Problemkrankenhäuser erkennbar macht, will die DKG verhindern - so zumindest der Vorwurf der Patientenvertreter.

Bei der Krankenhausgesellschaft will man davon nichts wissen. "Wir haben nichts zu verstecken", sagt Iris Juditzki, Referentin für Hygienefragen bei der DKG. Aber das Verfahren bei Hochrisiko-Eingriffen sei eben nicht der Auftrag gewesen. "Wenn nur riskante OPs erfasst werden sollten, hätte das G-BA-Plenum in 2010 einen anderen Beschluss fassen müssen." Ein von den Wundinfektionen abgetrenntes zweites Qualitätssicherungs-Verfahren, in dem Aqua eine Qualitätssicherung bei Katheter-Eingriffen entwickeln soll, laufe zudem ungestört weiter.

Die Patientenvertreter rechnen inzwischen nicht mehr damit, dass es vor 2018 belastbare Zahlen in Sachen Infektionsschutz gibt. Das Gesundheitsministerium erklärte auf Anfrage, man werde nicht eingreifen. Das sei Sache des Gemeinsamen Bundesausschusses, man habe lediglich eine Rechtsaufsicht auf dessen Richtlinien.

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