Fakt 6 IMI-Regeln benachteiligen Hochschulen und KMUs

Die IMI will Industrie, Mittelstand und Akademiker zusammenbringen - verprellt aber auf diesem Weg viele Hochschulen aus Europa. Mittelständische Forschungsinstitute haben es ebenfalls schwer.

DPA

Von Maxie Eckert, , Julian Schmidli und Timo Stukenberg


Viele Forscher freuten sich zu Beginn sehr über die Forschungsinitiative, vor allem auf die Möglichkeit, gleichberechtigt mit ihren Kollegen in der Industrie an spannenden und wichtigen Projekten zusammenzuarbeiten. So groß die anfängliche Begeisterung vieler Akademiker aber war, so groß war auch die Enttäuschung kurz nach Start des Projekts. Viele der Mitarbeiter der 155 Universitäten, die zu Beginn mitmachten, mussten lernen: Für die "Innovative Medicines Initiative" (IMI) galten von Beginn an andere Regeln.

IMI-Partner aus Wissenschaft und Forschung

Die Grafik zeigt, wo die rund 560 IMI-Partner aus der Wissenschaft in Europa angesiedelt sind. Darüber hinaus sind weitere 19 Partner an IMI-Projekten beteiligt, die sich nicht einem einzigen Land zuordnen lassen. Einige Partner sind in mehrere IMI-Projekte involviert.

Im Oktober 2010 zogen die zwei großen europäischen Hochschul-Verbände die Notbremse. Sowohl die League of European Research Universitys (LERU) als auch die European University Association (Euabe) üben in einer öffentlichen Erklärung harsche Kritik an der EU-Forschungsinitiative. In den beiden Verbänden sind die Interessen vieler Universitäten in Europa vertreten, die bei der IMI mitmachen. Viele sind im Verlauf der ersten Projekte wieder ausgetreten oder würden keineswegs wieder in ein IMI-Projekt einsteigen.

"Fortschritt kann nur erzielt werden, wenn beide Partner gleichwertig forschen können und auch gleichwertig beteiligt werden", sagt Angela Noble, Wissenschaftlerin an der University of Edinburgh und Sprecherin der Leru.

Die Kritik der Hochschulen und der kleineren Forschungspartner:

Gelder für Hochschule sind zu knapp berechnet

Erstes Hemmnis für viele Wissenschaftler: Die Mittel, die in einem IMI-Projekt zur Verfügung stehen, waren zu Beginn für die universitäre Forschung viel zu knapp bemessen. In allen anderen Forschungsprogrammen der EU werden Universitäts-Professoren so an Kooperationsprojekten mit Industriepartnern beteiligt, dass sie mit den Geldern ihre Lehrtätigkeit und vor allem ihre Mitarbeiter bezahlen können, sagt Angela Noble, Wissenschaftlerin an der University of Edinburgh und Sprecherin der LERU.

Bei IMI zahlten die Hochschulen oftmals drauf. Das konnten sich viele Unis nur einmal leisten.

Immer noch müssen Forscher aber tricksen, um ausreichend Mittel zusammen zu bekommen. So würden Professoren in den Anträgen zur EU-Förderung ihr eigenes Gehalt mit angeben, obwohl dies ja eigentlich durch die Uni bezahlt wird. Das Plus von der EU würde dann bei Auszahlung an die eigenen Mitarbeiter weiter gegeben, berichtet ein Forscher der seinen Namen nicht in den Medien lesen möchte.

Mit der zweiten Laufzeit von IMI wurde die Mittelverteilung leicht angeglichen.

Kaum Regeln beim Umgang mit geistigem Eigentum

Auch an der Uni Freiburg weiß man um die Probleme mit IMI. Forscher aus der badischen Stadt sind etwa an dem Projekt MIP-DILI beteiligt. Hier werden Tests entwickelt, mit denen sich schon in einer frühen Phase der Pharmaforschung sagen lässt, ob ein neues Medikament schädlich für die Leber ist oder nicht.

Nicht wirklich geregelt ist bis heute die Frage, wie mit den Ergebnissen eines IMI-Projekts umgegangen wird", sagt Christian Jäger vom EU-Büro der Hochschule. In anderen Forschungsprojekten sei unter dem Stichwort "Intellectual Property" (IP, Geistiges Eigentum) klar geregelt, dass das, was man in der Zusammenarbeit entdeckt hat, einem selbst gehört.

"Will man nutzen, was die anderen beigetragen haben, muss man den Projektpartner darum bitten." Nicht so bei IMI. Für das Forschungsprogramm wurden eigens neue Regelungen geschaffen, warum, weiß niemand. In IMI war es dann zunächst so, dass die Ergebnisse aus einem IMI-Projekt quasi automatisch Spielmasse der beteiligten Pharmaunternehmen wurden. Der weitere Umgang war den Konzernen ebenfalls weitgehend frei gestellt, sie konnten im Prinzip die Ergebnisse ohne Rücksprache mit den anderen Projektpartnern an Dritte weiterreichen.

Nach der Kritik der Hochschulen haben die Akteure der IMI nachgebessert, richtig gut ist es allerdings immer noch nicht. So gebe es nun eine Frist, an die sich die Pharmakonzerne halten müssen, bevor sie die Ergebnisse weitergeben können, berichtet Jäger. Aber wie das genau funktioniert, das sollen die Projektpartner untereinander ausmachen. Angesichts der gigantischen Rechtsabteilungen der Pharmakonzerne wäre klar, wie diese Verhandlungen enden. Allein das Wissen um diese Dinge schreckt viele Hochschulforscher ab. "IMI ist so aufgesetzt, wie ein PPP es nicht sollte", sagt Jäger.

Pharmakonzerne schreiben Vorschläge um

Dazu kommt, dass die Pharma ihre eigene Forschungsagenda durchsetzt. Bei der Gestaltung der Projekte hat die Pharmaindustrie "eine sehr starke Vormachtstellung", sagt eine KMU-Forscherin, die von Beginn an in einem IMI-Projekt forscht. Wie viele ihrer Kollegen möchte sie sich nicht öffentlich äußern, um das laufende Projekt nicht zu gefährden. Viele Vorschläge von KMU und Akademia würden extrem umgeschrieben. Die EFPIA-Firmen nutzten ihre Veto-Macht, wenn sie ein interessantes Krankheitsbild gerade selbst erforschen. Den kleinen Projektpartnern bleibe häufig nur, an unspannenden Indikationen zu forschen. "Das hemmt die Dynamik der Projekte", so die Wissenschaftlerin.

Der Rechercheverbund hat interne Papiere zum Verlauf mehrerer Forschungsprojekte eingesehen. Tatsächlich schlagen die akademischen Projektpartner oft eine komplett andere Liste an Indikationen vor, an der gearbeitet werden soll. Die Industrie votiert dann dagegen, vermutlich weil sie selbst daran forscht.

Auch die European League of Research Universities kritisiert, dass die neue Regelung immer noch die Pharma bevorteilt. 'Die akademischen Partner werden immer noch nicht wie gleichwertige Partner in der IMI behandelt', sagt Kurt Deketelaere, Juraprofessor in Leuven und Generalsekretär der LERU.

IP-Regelungen drängen KMUs und Unis aus der IMI

Leer ausgegangen sind in der ersten Runde von IMI die kleinen und mittleren Unternehmen (KMU). Für sie lohnten sich die aufwendigen Antragsstellungen erst gar nicht. Um die komplexen Vertragswerke durchzusehen, blieb den KMU zu wenig Zeit, beklagt der Verband der Biotechnologie-Unternehmen in Deutschland. Dazu komme, dass die Regeln zum geistigen Eigentum eindeutig Big Pharma bevorzugen, kritisiert Viola Bronsema von BIO Deutschland. In einem Brief an Elmar Nimmesgern, Kollege von IMI-Chefin Irene Norstedt, beschwert sich der Verband 2012. Es sei nicht erkennbar, wie das Forschungsrahmenprogramm der EU als Grundlage für die Regelungen zum geistigen Eigentum gedient haben sollen, schreibt der Verband. "Eine überzeugende Erklärung für diese Abweichung liegt bis heute nicht vor."

Viele der Projektpartner an den Unis fällt es schwer, ihre Kritik laut zu äußern. Sie haben Angst, ihre Meinung würde dem Fortgang ihres noch laufenden Projekts schaden, in das ihre Universität schon viel Geld investiert hat.

Seit dem Start habe das EU-Parlament immer wieder versucht, die Vorgaben für IMI im Sinne der Universitäten zu verbessern. Das sei schwierig, sagt Politikerin Matschilles. Bei der Kommission sei man froh, dass die Koordination bei IMI läge und kein micromanagement betrieben werden müsse.

  • besonders zu Beginn waren die Gelder für die teilnehmenden Hochschulen zu knapp bemessen. Viele Unis zahlten drauf.
  • mit der zweiten Laufzeit von IMI wurde die Mittelverteilung leicht angeglichen. Immer noch müssen Forscher durchaus tricksen, um ausreichend Mittel zusammen zu bekommen.
  • nicht wirklich geregelt ist bis heute die Frage, wie mit den Ergebnissen eines IMI-Projekts umgegangen wird.
  • bei der Gestaltung der Forschungsagenda hat die Pharmaindustrie eine sehr starke Vormachtstellung.

Mitarbeit: Christina Elmer, Timo Grossenbacher, Sylke Gruhnwald



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