Fakt 7 Europa steht nicht im Fokus

Die IMI soll die europäische Pharmaindustrie wettbewerbsfähiger machen. Dumm nur, dass es gar keine rein europäischen Forschungskonzerne mehr gibt - wie das Combacte-Projekt zeigt.

REUTERS

Von Maxie Eckert, , Julian Schmidli und Timo Stukenberg


Combacte ist ein Vorzeigeprojekt - in zweierlei Hinsicht. Bei Präsentationen ist es immer eines der wenigen IMI-Projekte, die Michel Goldman, bis Ende 2014 Chef der "Innovative Medicines Initiative" (IMI), erläutert. So wie im vergangenen November, bei einem Treffen mit Geschäftsleuten aus dem Pharmasektor in Brüssel.

Goldman sprach davon, wie Combacte einen "enormen Bedarf der Öffentlichkeit" beantwortet. Mit einem Gesamtudget von über 250 Millionen Euro ist es eines der größten IMI-Projekte.

Das Combacte-Projekt soll die Entwicklung neuer Antibiotika beschleunigen, mit denen die zunehmende Zahl von Patienten mit gefährlichen resistenten Bakterien behandelt werden können. Das Herzstück des Projekts ist der Ausbau eines europaweiten Netzes von Krankenhäusern, an denen in Zukunft neue Antibiotika an Patienten getestet werden können.

Unethisches Studiendesign?

Combacte ist aber auch das Projekt, in dem es zuletzt zum Eklat kam. Das Mailänder Mario Negri Institut für pharmakologische Forschung war einer der akademischen Partner. 2013 kam es zum Streit mit Projektkoordinator Glaxo-Smith-Kline (GSK). Die Italiener stiegen aus - und machten das Problem im Fachjournal British Medical Journal öffentlich. Der Titel: "Ein gescheiterter Versuch einer Zusammenarbeit".

Gegenstand des Streits: Der Zugang zu den Daten aus einer klinischen Studie, bei der ein vielversprechendes Antibiotikum von GSK getestet werden sollte. "Das Projekt ist eigentlich vielversprechend", sagt Silvio Garattini, Direktor des Mario Negrio Instituts. "Aber das Studiendesign, das GSK durchsetzen wollte, war unethisch."

"Wir hätten ein Antibiotikum an Patienten testen müssen, ohne nach der Studie Zugang zu den Daten aus den anderen Krankenhäusern zu haben. Wir bestanden darauf, dass wir als klinische Forscher das Recht und die Pflicht haben, die Daten zu sehen und einen Beitrag zur Analyse zu liefern. Im Interesse der Patienten muss eine unabhängige Prüfung von klinischen Forschern erfolgen."

In Europa kommt erforschter Erreger nicht vor

GSK zufolge hätte das Mario-Negri-Insitut um die Daten bitten können. "Aber sie waren nicht damit einverstanden, dass wir solch eine Anfrage erst beurteilen", sagt GSK. "Um dabei einen Interessenkonflikt zu vermeiden, haben wir beschlossen, dass ein Komitee solche Anfragen behandelt. Trotzdem wollte das Mario-Negri-Institut nicht mehr teilnehmen an dem Projekt."

Es gab noch einen weiteren Punkt, über den die Akademiker sich aufregten. Das GSK-Antibiotikum wurde entwickelt, um einen bestimmten Typ der resistenten MRSA-Bakterie zu bekämpfen. In Europa kommt dieser Typus kaum vor. Andere, sehr gefährliche, multiresistente Bakterien wie CPE-Keime gibt es dagegen immer häufiger. Trotzdem wollte GSK das Antibiotikum gegen genau die MRSA-Bakterie testen. Warum? In Amerika ist MRSA immer noch ein großes Problem. Ein neues Antibiotikum in Amerika wäre lukrativ für GSK.

GSK verteidigt seine Studie mit dem experimentellen MRSA-Antibiotikum. "Resistenz ist ein globales Problem, das sich nicht auf einen Kontinent beschränkt. Wir arbeiten sowohl von Europa als von Amerika aus daran, dass die Entwicklung von Antibiotika beschleunigt wird", sagt ein Sprecher.

Das experimentelle GSK-Antibiotikum wurde nach zwei Jahren Vorbereitung schließlich doch nicht getestet - aber nicht, weil die Forscher sich durchgesetzt hätten. Bei Tierversuchen mit dem Mittel bekamen Ratten Hodenkrebs. Alle weiteren Pläne hatten sich damit erledigt.

Mitarbeit: Christina Elmer, Timo Grossenbacher, Sylke Gruhnwald



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