Medikamentenmissbrauch in Indien "Wenn ich meine Drogen habe, kann ich alles machen"

Sie schmieren Schmerzgel auf ihr Brot, spritzen sich Medikamentencocktails in die Venen: Hunderttausende Inder sind abhängig von Arzneimitteln. Fotograf Enrico Fabian hat einige von ihnen begleitet.


Fixertreff in Jahangirpuri: Das heruntergekommene Toilettenhaus war lange Unterschlupf für Obdachlose und Medikamentensüchtige in der Stadt. Ein Junge beobachtet zwei Männer, die sich gerade einen Schuss setzen, er selbst ist nicht abhängig. Bevor das Haus abgerissen wurde, haben einige Besucher auf den wenigen Quadratmetern übernachtet und es ein wenig hergerichtet. Die Poster auf der linken Seite zeigen eine schöne Frau, daneben hängt eine Zeichnung der Göttin Kali. Im Hinduismus ist sie eine bedeutende Gottheit des Todes und der Zerstörung – und der Erneuerung.

Dealer: Ein Apotheker verkauft illegal Medikamente an einen Süchtigen. Ob er kein schlechtes Gewissen hat, wenn er diesen unterstützt, sich körperlich immer weiter zu ruinieren? "Warum? Wenn ich das nicht mache, tun es andere."

Drogenhersteller: Blick in das Labor von Paksons Pharmaceuticals. Das Unternehmen ist ein großer Produzent von Generika, das sind wirkstoffgleiche Kopien teurer Originalpräparate. Pakson bietet Medikamente in allen Verabreichungsformen: Pillen, Kapseln, Injektionen oder Tropfen. Dass mit manchen dieser Wirkstoffe im großen Stil Missbrauch betrieben wird, weiß hier offiziell niemand.

Auf dem Weg zur Arbeit: In einer Gasse nahe einem großen Gemüsemarkt bereiten sich drei Männer aus Avil, Buprenorphine und Diazepam einen berauschenden wie gefährlichen Cocktail. Dass das beliebte Dreierset bei vielen Apothekern mittlerweile nicht mehr 50 Rupien (74 Cent), sondern 150 Rupien (2,22 Euro) kostet, hat den Missbrauch nicht gemindert. Für einen Süchtigen sind die Medikamente immer noch verlockend - sie kosten nur rund ein Zehntel dessen, was für Heroin verlangt wird.

Täglicher Wahn: Eben noch hätten sich die beiden Männer fast geprügelt. Nun segnet der Junkie den anderen Mann, einfach so, aus der Situation heraus.

Allein in der Nacht: Viele Gegenden in Delhi sind nachts alles andere als einladend. Das Leben inmitten des Verkehrslärms und Staubs ist brutal. Fotograf Enrico Fabian lernt auf einer Recherche in den Straßen Jahangirpuris einige Jugendliche kennen, die abhängig von Arzneimitteln sind. Einen von ihnen, den 17-jährigen Darminder, will er am nächsten Morgen wieder treffen, um mehr von ihm zu erfahren.

Kein Mitleid: Als Enrico Fabian am nächsten Morgen wieder nach Jahangirpuri kommt, um Darminder zu treffen, findet er den Jungen tot in einer Gasse liegend. Er wurde Opfer einer Schlägerei. Die Polizei interessiert sich wenig für den Vorfall. Sie sorgte einzig für den Abtransport des Leichnams.

Hauptsache Geld: Fakir, 33 Jahre alt, versucht, aus billigen Fleisch etwas Essbares zu kochen, das er später am Straßenrand verkaufen kann. Eigentlich hätte der Familienvater das gar nicht nötig, er gehört zur unteren Mittelschicht. Mit seiner Frau und den kleinen Kindern bewohnt er ein Zimmer im Haus seines Vaters. Doch Fakir ist seit vielen Jahren abhängig von Arzneimitteln.

Zusammenhalt: Gerade ist Fakir von einem Entzug zurückgekommen, sein fünfjähriger Sohn Paras umarmt ihn. Zweimal schon wurde Fakir, der noch zwei Brüder hat, von seinem Vater zwangsweise auf Entzug geschickt. Er ist das schwarze Schaf der Familie.

Leben mit einem Süchtigen: Fakirs Frau Rani putzt ein Zimmer ihres Schwiegervaters, Tochter Mania ist bei ihr. Sie ist nicht immer unglücklich, erklärt Rani, mit vielem hat sie sich abgefunden. Streit gibt es meist ums Geld. Und wegen der Kinder, um die sie oft Angst hat.

Ungestört: Nicht nur Fakir konsumiert seine Drogen zu Hause. Während sich einer seiner Freunde einen Schuss setzt, sucht Töchterchen Mania in einer Schublade nach einem Spielzeug.

Ein Leben in Ungewissheit: Rani beruhigt ihre Kinder nach einem heftigen Streit mit ihrem Ehemann. Die Familie leidet unter Fakirs unberechenbaren Launen und Wutausbrüchen, die ihn manchmal auch gewalttätig werden lassen.

Gestürzt: Eigentlich sollte Fakir auf seinen Sohn aufpassen. Hat er aber vergessen. Paras stolperte auf der Straße über Ziegelsteine – nun liegt er mit dicken Pflastern versehen auf dem Schoß seines Vaters. Er ist beschämt.

Weiter geht es: Auf dem Dach des Toilettenhauses treffen sich die Junkies. Manche wachen gerade auf, andere hadern mit ihrem Schicksal. Fakir (in der Mitte) ist noch clean. Sein Vater hat ihm neue Schuhe gekauft. Was macht er hier?

"Medikamente besorgen, zusammenmischen, eine gute Vene suchen, spritzen, einfach auf der Straße", knapp beschreibt Rajeev Gill eine typische Szene aus seinem Leben. Er ist Anfang 50, eine tiefe Narbe zieht sich über den Wagenknochen seines hageren Gesichts, die dunklen Haare sind sorgsam gescheitelt. "Wenn ich meine Drogen habe, kann ich alles machen. Habe ich keine, geht nichts", sagt der Gelegenheitsarbeiter.

Zusammen mit anderen Männern hockt Gill vor einem verfallenen Haus. Laub und allerlei Unrat liegen auf dem lehmigen Boden, mittendrin eine zerknitterte leere Pillenpackung Buprenorphin. Das ist ein Arzneimittel, das eigentlich Opioidabhängigen den Entzug erleichtern soll. Die Süchtigen mixen es mit Avil, einem Antiallergikum, das für seine dämpfende, müde machende Wirkung bekannt ist. Dritter Bestandteil des gefährlichen Cocktails ist Diazepam, ein Arzneimittel aus der Gruppe der Benzodiazepine. Es hat eine beruhigende, angst- und krampflösende Wirkung.

Zehnmal günstiger als Heroin

"Es dauert ein wenig, es macht etwas mit deinem Kopf. Mit deinem Herz. Wenn ich meine Drogen gespritzt habe, bin ich in meiner eigenen Welt." Rajeev Gill ist seit vielen Jahren abhängig. Immer mal wieder gelingt es ihm, über längere Zeit clean zu bleiben - bis zum nächsten Rückfall. Immer mehr Inder teilen seine Geschichte. Nach Schätzungen der Nichtregierungsorganisation Sharan, die sich um Betroffene in Delhi kümmert, sind derzeit 250.000 Menschen im Großraum der Millionenmetropole medikamentenabhängig. "Begonnen hat der Missbrauch vor rund 15 Jahren - als Heroin immer teurer wurde", berichtet Rajiv Shaw, Streetworker bei Sharan. Es seien auch immer mehr Kinder betroffen.

Der Fotograf Enrico Fabian begleitet einige der Arzneimittelabhängigen seit 2010. Seine Bilder zeigen eindrücklich diese dunkle Seite eines Landes, das sich nach außen gern mit seiner doch so fortschrittlichen Arzneimittelindustrie brüstet. Im großen Stil produzieren die Pharmakonzerne kostengünstige Kopien wichtiger Medikamente, sogenannte Generika.

In den Regalen der Apotheken stapeln sich die bunten Pillenpackungen. Rezepte für die verschreibungspflichtigen Medikamente brauchen die Menschen nicht - wer genug Rupien dabei hat, bekommt, was er verlangt. Der Apotheker wird zum Dealer.

Der indischen Regierung ist das Problem bekannt, doch wie lässt sich dieser verhängnisvolle Medikamentenmissbrauch eindämmen? Per Gesetz ist es verboten, dass Medikamente ohne Rezept ausgegeben werden. Doch es fehlt an strengen Kontrollen. Auch die Erhöhung der Preise für den beliebten Cocktail aus Avil, Buprenorphin und Diazepam von 50 Rupien (0,74 Cent) auf 150 Rupien (2,22 Euro) hat wenig Besserung gebracht. Für einen Süchtigen sind die Medikamente immer noch verlockend günstig. Sie kosten rund ein Zehntel dessen, was für Heroin verlangt wird.

Süchtige teilen sich Spritzen

Fabians Fotos erzählen die Geschichten der Betroffenen. Es sind Jugendliche, die aus der Armut ihrer Dörfer geflüchtet sind und in Gegenden wie Jahangirpuri gestrandet sind. Arbeiter, die zumindest zwischendurch ihrem mühseligen Leben in extremer Armut entfliehen wollten - und denen es irgendwann nicht mehr reichte, sich Voltaren auf ein Frühstücksbrot zu schmieren. Aber auch Männer aus besseren Schichten, Familienväter, die nicht mehr von dem vergleichsweise billigen Kick loskommen.

Streetworker wie Pradeep "Don" Kumar von der Nichtregierungsorganisation Sharan oder der Delhi State Aids Control Society versuchen zu helfen. Die Mitarbeiter verteilen kostenlose Spritzen an die Süchtigen, damit die Junkies für ihre Injektionen zumindest saubere Nadeln nutzen. Oftmals werden diese sonst mehrfach genutzt und unter den Süchtigen geteilt, das erhöht die Gefahr, sich mit HIV oder einer anderen Krankheit zu infizieren.

"Das wirst du nicht mehr los"

Die Helfer verteilen Medikamente, die ebenfalls einen Rausch auslösen. Aber die Pillen können einfach unter die Zunge geschoben werden, das gefährliche Spritzen entfällt. Das Team um Don Kumar verarztet die schweren Abszesse, die viele Betroffene im Lauf ihrer Sucht entwickeln. Sie helfen bei Verletzungen, die sich die Abhängigen im Rausch zugezogen haben.

Allein die langfristigen Folgen für die Gesundheit durch Benzodiazepine sind bedenklich. Sie führen zu einer gestörten Gedächtnisfunktion, Verhaltensstörungen, Angst- und auch Schlafstörungen, psychomotorischer Verlangsamung und somit zu einer erhöhten Unfallgefährdung.

Enrico Fabian hatte sich 2010 durch Zufall nach Jahangirpuri verirrt. Gegen Abend kam er mit ein paar Jugendlichen ins Gespräch - darunter auch Daminder, 17 Jahre alt. Schon vor Jahren war der Teenager von zu Hause weggegangen. Die Eltern hatten kaum Interesse an ihm, zu sehr waren sie mit ihrem eigenen Leben beschäftigt. Als der Fotograf Daminder trifft, war dieser bereits längere Zeit arzneimittelabhängig. Begonnen hatte es auf dem Schulhof, da berauschte er sich gemeinsam mit anderen Jungen an den Dämpfen von Leim und Lack. Enrico verabredete sich mit Daminder für den nächsten Tag - er wollte mehr von ihm erfahren, vielleicht ein paar Bilder machen.

Am nächsten Morgen ging er also wieder in die Gasse in Jahangirpuri. Daminder lag tot auf dem Lehmboden, Blut rann ihm aus Nase und Ohren. "Das wirst du nicht mehr los", sagt Fabian. Es wurde für ihn eine Art Bringschuld, der schrecklichen Sucht etwas entgegenzusetzen. Obwohl er schon damals wusste: Daminder ist nur einer von vielen.

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