Infektion EU-Kommission warnt vor aggressiver Schweinegrippe

Die EU schlägt Alarm: Die Brüsseler Kommission fürchtet die Folgen der Schweinegrippe. Das Virus sei unberechenbar - im schlimmsten Fall könnten sich bis zu 30 Prozent der Europäer anstecken. Der Wirtschaft drohten bei einer Massenerkrankung schwere Einbußen.
Impfstoff gegen Schweinegrippe: "Wir müssen wachsam bleiben"

Impfstoff gegen Schweinegrippe: "Wir müssen wachsam bleiben"

Foto: A3537 Marijan Murat/ dpa

Brüssel - Jeder dritte Europäer könnte nach Angaben der Kommission an der Schweinegrippe erkranken. Es sei zu befürchten, dass sich das Virus im Laufe der kommenden Monate verändern und "deutlich aggressiver" werde, sagte EU-Gesundheitskommissarin Androulla Vassiliou der Zeitung "Die Welt".

"Nach allem, was wir wissen, können sich bis zu 30 Prozent der Bevölkerung mit der Schweinegrippe infizieren." In diesem Fall müsse dann auch mit einer "erheblichen Zahl" von Toten gerechnet werden. "Wir müssen wachsam bleiben", sagte Vassiliou.

Die EU-Gesundheitskommissarin warnte zugleich vor Auswirkungen auf die Konjunktur. Die möglichen wirtschaftlichen und sozialen Folgen der Schweinegrippe dürften nicht vernachlässigt werden. "Die wirtschaftliche Erholung in der EU könnte durch die Schweinegrippe geschwächt werden", sagte Vassiliou.

Vor allem Wirtschaftszweige wie Tourismus oder die Freizeitindustrie könnten demnach Einbußen erleiden." Wegen höherer Krankenstände und weniger Konsum infolge von Unsicherheit seien außerdem eine niedrigere Produktivität und Störungen der Produktionsabläufe in den Unternehmen denkbar.

"Wettbewerb um Impfstoff"

Vassiliou forderte Schulen bei Infektionen zu schnellem Handeln auf. "Es gibt derzeit keine Notwendigkeit, zur Vorsorge Massenschließungen von Schulen vorzunehmen", sagte die EU-Kommissarin aus Zypern. Wenn bei einzelnen Schülern Infektionen festgestellt würden, sollten die betroffenen Schulen allerdings "unverzüglich schließen". Auch Freizeitveranstaltungen wie Sport, Musikunterricht oder Tanzkurse sollten dann abgesagt werden.

Sollte sich das Virus ausbreiten und aggressiver werden, könnte es nach Einschätzung der EU-Kommissarin "durchaus einen Wettbewerb zwischen den Ländern um den Impfstoff geben". Möglicherweise sei jedoch nur eine Impfung notwendig, statt wie bisher geplant zwei Impfungen, sagte Vassiliou. Dies werde in Kürze von den europäischen Gesundheitsbehörden entschieden. Staaten, die über zu viel Impfstoff verfügten, sollten dann etwas davon abgeben an Länder, die zu wenig haben, forderte die EU-Kommissarin.

Zugleich warnte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) vor einem Impfstoffmangel in den Entwicklungsländern. Im Falle einer Seuche würden "Milliarden von Impfdosen" fehlen, sagte WHO-Generaldirektorin Margaret Chan am Montag bei einem Besuch in der kubanischen Hauptstadt Havanna. Die WHO will demnach im November damit beginnen, Impfstoffe an mehr als hundert Entwicklungsländer zu liefern, darunter auch Kuba.

Massenimpfungen in Deutschland angelaufen

Die WHO hatte bereits vor zwei Wochen davor gewarnt, dass mit den bislang von Pharmakonzernen und Industrieländern zur Verfügung gestellten Chargen nur rund zwei Prozent der Bevölkerung in den Entwicklungsländern geimpft werden können. Seit dem erstmaligen Auftreten des Virus A (H1N1) starben bislang mindestens 5000 Menschen in 195 Ländern an der Schweinegrippe.

Auch in den USA werden nach Behördenangaben 45 bis 55 Millionen Impfdosen weniger zur Verfügung stehen als ursprünglich geplant. Wie der Leiter des Nationalen Instituts für Allergien und Infektionskrankheiten (NIAID), Anthony Fauci, sagte, rechnen die Behörden mit 140 bis 150 Millionen Impfdosen bis Ende 2009. Ursprünglich hatte die US-Regierung 195 Millionen Impfdosen bestellt. Nach Angaben von Fauci gehen die Gesundheitsbehörden mittlerweile aber ohnehin davon aus, dass sich nur die Hälfte der US-Bürger impfen lassen will.

In Deutschland können sich seit Montag in fast allen Bundesländern zunächst vor allem wichtige Berufsgruppen wie Ärzte, Krankenschwestern, Rettungskräfte und Polizisten gegen die Schweinegrippe immunisieren lassen. In der kommenden Woche sollen auch chronisch Kranke und Schwangere immunisiert werden. Voraussichtlich von Mitte November an kann sich dann jeder impfen lassen.

amz/AFP/ddp
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