Infektionen mit Coronaviren "Nur die Spitze des Eisbergs"

Die WHO befürchtet, dass weit mehr als 40.000 Menschen mit 2019-nCoV infiziert sind. Während die EU über verschärfte Maßnahmen berät, dürfen in Bayern die ersten Kontaktpersonen die Quarantäne verlassen.
Krankenwagen in Berlin: Rückkehrer aus dem chinesischen Wuhan werden zur Quarantäne in ein Berliner Krankenhaus gebracht

Krankenwagen in Berlin: Rückkehrer aus dem chinesischen Wuhan werden zur Quarantäne in ein Berliner Krankenhaus gebracht

Foto: Soeren Stache/ dpa

Knapp zwei Wochen nach Bekanntwerden des ersten Coronavirus-Falls in Deutschland durften nun erstmals Kontaktpersonen von Infizierten die häusliche Quarantäne verlassen. Im Landkreis Starnberg sei bis Sonntag für 16 Menschen die Isolation aufgehoben worden, teilte das bayerische Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) am Montag mit. Die "Süddeutsche Zeitung" hatte zuerst darüber berichtet.

Alle zwölf Coronavirus-Fälle in Bayern stehen in Zusammenhang mit dem Autozulieferer Webasto. Bei der Firma hatte sich im Januar ein Mitarbeiter bei einer chinesischen Kollegin angesteckt, die wenig später in ihre Heimat zurückflog. Das Unternehmen hatte deshalb den Firmensitz in Gautinger-Stockdorf zwei Wochen lang für fast alle rund tausend Mitarbeiter geschlossen und sie gebeten, im Homeoffice zu arbeiten.

Rund 190 Menschen - Kollegen und private Kontaktpersonen der Infizierten - hatten sich laut LGL in häuslicher Isolierung befunden. Bis Mitte dieser Woche werde voraussichtlich der Großteil von ihnen daraus entlassen, sofern die jeweiligen Gesundheitsämter keine Gründe für eine Verlängerung feststellten, teilte ein LGL-Sprecher mit.

Kein Corona-Nachweis bei Rückkehrern in Berlin

Die Berliner Senatsverwaltung für Gesundheit berichtet derweil, die Testergebnisse der jüngst aus China in der Hauptstadt angekommenen Rückkehrer seien negativ ausgefallen. Die Betroffenen blieben wie angekündigt aber für 14 Tage in Quarantäne. Die 20 Deutschen waren am Sonntag nach einem Evakuierungsflug von Wuhan nach London von der Luftwaffe nach Berlin-Tegel geflogen worden. Sie kamen umgehend in einem Krankenhaus in Berlin-Köpenick in Quarantäne.

Virologen gehen bislang davon aus, dass die Inkubationszeit bei einer Infektion mit 2019-nCoV rund 14 Tage dauert. Möglicherweise könnte diese in seltenen Fällen aber auch bis zu 24 Tage lang sein. Im Schnitt betrage der Zeitraum zwischen Ansteckung und ersten Symptomen wohl drei Tage und damit weniger als die bisher angenommenen gut fünf Tage, ergab nach Angaben der Zeitung "China Daily" vom Montag eine Auswertung des chinesischen Lungenspezialisten Zhong Nanshan. Der Leiter des nationalen Expertengremiums zur Eindämmung der Lungenkrankheit hatte mit seinem Team 1099 Fälle aus 552 Krankenhäusern in China untersucht. Es handelt sich allerdings um vorläufige Ergebnisse, die weiterer Bestätigung bedürfen.

Ohne genaue Kenntnis der Methode lasse sich zunächst nicht sagen, wie gesichert die neuen Erkenntnisse seien, sagte der Coronavirus-Experte Christian Drosten von der Berliner Charité zu der Analyse aus China. "Eine häufige Fehlerquelle bei scheinbar sehr langen Inkubationszeiten ist eine unbemerkte zwischenzeitliche Exposition." Es könnte zum Beispiel passieren, dass sich ein Mensch bei einem ersten Kontakt nicht infiziert, bei einem zweiten aber schon. Dann sieht es so aus, als sei die Inkubationszeit länger, als sie es tatsächlich war.

Schärfere Einreisekontrollen

Derweil setzte die EU ein Sondertreffen der Gesundheitsminister an, bei dem am Donnerstag über zusätzliche Schutzvorkehrungen im globalen Kampf gegen das Virus beraten werden soll. Mögliche Themen seien einheitliche Einreisekontrollen, eine drohende Medikamentenknappheit wegen Produktionsunterbrechungen in China und die beschleunigte Entwicklung eines Impfstoffes. An dem Treffen wird auch ein WHO-Vertreter teilnehmen. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hatte in der vergangenen Woche mit Blick auf ein Einreiseverbot für Chinareisende in die USA auch eine EU-weite Debatte über schärfere Einreisekontrollen in Europa gefordert.

Laut Weltgesundheitsorganisation WHO könnten die bisher bekannten Fälle außerhalb Chinas nur "die Spitze des Eisbergs" sein. Großbritannien stufte die Epidemie am Montag als "ernsthafte und unmittelbar bevorstehende Bedrohung" ein und berichtete von vier neuen Infektionsfällen im Königreich. Damit steigt die Zahl der Erkrankten dort auf acht Menschen. Einer der positiv auf das neuartige Coronavirus 2019-nCoV getesteten arbeite in einer Arztpraxis im britischen Brighton. Die Praxis sei geschlossen worden.

Das britische Gesundheitsministerium kündigte nun neue Maßnahmen zum Schutz der Öffentlichkeit an. So können unter anderem Infizierte künftig gegen ihren Willen isoliert und unter Quarantäne gestellt werden.

Auch ein chinesischer Diplomat wurde kurz nach seiner Ankunft in Russland unter Quarantäne gestellt, berichtet die russische Nachrichtenagentur Interfax. Demnach sei der Generalkonsul Cui Shaochun bereits am Donnerstag nach Jekaterinburg gereist, um dort seine neue Tätigkeit aufzunehmen. Stattdessen sei er aber aufgefordert worden, die kommenden zwei Wochen zu Hause zu bleiben.

Chinas Staatschef mit Atemschutzmaske

In China nahmen nach den verlängerten Ferien zum chinesischen Neujahr die Beschäftigten teilweise die Arbeit wieder auf. Die Unternehmen wurden aufgefordert, ihren Mitarbeitern möglichst die Arbeit von zu Hause zu ermöglichen. Behörden in Shanghai empfahlen, größere Zusammenkünfte von Kollegen und gemeinsame Mittagspausen zu vermeiden. Die Mitarbeiter sollten demnach einen Mindestabstand von einem Meter einhalten und Lüftungssysteme ausschalten.

Bei einem Besuch eines Pekinger Viertels zeigte sich Chinas Staatschef Xi Jinping erstmals mit einer Atemschutzmaske. Auf Bildern des staatlichen Fernsehens war zu sehen, wie Xi sich mit ausgestrecktem Arm die Körpertemperatur messen ließ und in einigem Abstand mit Anwohnern sprach.

Chinas Präsident Xi Jinping mit Atemmaske im Gespräch mit Bürgerinnen und Bürgern.

Chinas Präsident Xi Jinping mit Atemmaske im Gespräch mit Bürgerinnen und Bürgern.

Foto: XINHUA/ REUTERS

In Festlandchina sind nach Angaben der Behörden bereits mehr als 40.000 Menschen an dem neuartigen Coronavirus erkrankt, mehr als 900 Infizierte starben. Damit hat der Erreger mehr Todesfälle verursacht als die durch andere Coronaviren ausgelösten Atemwegserkrankungen Sars und Mers. An Sars starben in den Jahren 2002 und 2003 weltweit 774 Menschen, die meisten in Festlandchina und Hongkong. Der im September 2012 ausgebrochenen Mers-Epidemie erlagen 858 Menschen. In Hongkong und auf den Philippinen gab es die bislang einzigen Todesfälle außerhalb Chinas.

hei/dpa/AFP/Reuters
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