IQWiG-Chef unter Beschuss Ärzte machen sich für kritischen Arzneimittelprüfer stark

Er ist Pharmaindustrie und schwarz-gelber Regierung ein Dorn im Auge: Die Koalition arbeitet an der Ablösung des Leiters des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen, Peter Sawicki. Nun fordern Ärzte in einer Petition an den Bundesgesundheitsminister, ihn weiter zu beschäftigen.
IQWiG-Chef Peter Sawicki: Regierungskreise betreiben seine Ablösung

IQWiG-Chef Peter Sawicki: Regierungskreise betreiben seine Ablösung

Peter Sawicki, Leiter des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG),  ist der Pharmaindustrie schon lange ein Dorn im Auge. Das 2004 gegründete Institut soll die Vor- und Nachteile medizinischer Leistungen, vor allem aber die Wirksamkeit von Arzneimitteln bewerten. Fällt eine solche Bewertung negativ aus, werden die Kosten für das Mittel oft nicht mehr von den gesetzlichen Kassen übernommen - für den Hersteller bedeutet das Millionenverluste. Sawicki - ein scharfer Kritiker der Pharmaindustrie - sorgt kompromisslos dafür, dass bei den Bewertungen strenge wissenschaftliche Regeln eingehalten werden.

Jetzt betreiben Regierungskreise die Ablösung von Sawicki. In einem Papier ("Kernforderungen an eine schwarz-gelbe Gesundheitspolitik") sprechen sich die führenden Gesundheitspolitiker der Unionsfraktion für eine Neuausrichtung des IQWiG aus. Sawicki solle nach Ablauf seines Fünfjahresvertrags 2010 durch einen industriefreundlicheren Kandidaten ersetzt werden. Auch die von FDP-Mitglied Georg Baum geführte Deutsche Krankenhausgesellschaft hat angekündigt, Sawickis Vertragsverlängerung verhindern zu wollen.

Finanziert wird das IQWiG aus der gesetzlichen Krankenversicherung. Über die Leitung des Instituts entscheidet laut Satzung einstimmig der Vorstand des IQWiG . Dort sitzen neben Baum noch zwei Vertreter des GKV-Spitzenverbandes, der Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung und Stefan Kapferer, Staatssekretär im Bundesgesundheitsministerium.

Nun aber machen sich die Ärzte für Sawicki stark, obwohl stets behauptet wurde, dass sie angeblich seine Ablösung herbeisehnten. Schließlich müssten sie den Patienten vermitteln, wenn aufgrund einer IQWiG-Entscheidung die Krankenkassen die Kosten für ein Medikament ab sofort nicht mehr übernehmen.

600 Ärzte unterschrieben innerhalb von acht Tagen

Innerhalb von acht Tagen unterschrieben 600 im Gesundheitswesen Tätige - darunter mehrheitlich Hausärztinnen und Hausärzte aus der ganzen Bundesrepublik und 50 Professoren - eine Petition an Gesundheitsminister Philipp Rösler und an den IQWiG-Stiftungsrat, in der sie fordern, Sawicki in seinem Amt als IQWiG-Leiter zu bestätigen. Dass Sawicki bei den Ärzten unbeliebt sei, sei offensichtlich ein "Trugschluss", so der Organisator Günther Egidi, Allgemeinarzt aus Bremen von der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin. "Die nicht selten unter Dauerfeuer von Pharmareferenten stehenden Hausärzte", sagt Egidi, "wünschen sich dringlich, weiterhin über eine unabhängige Informationsquelle zu umstrittenen Medikamenten zu verfügen. Das Geld der Krankenkassen ist endlich. Deshalb möchten die Hausärzte sparsam sein, ohne ihren Patienten eine gute Behandlung vorzuenthalten. "

Sawicki, international bekannter Verfechter der sogenannten evidenzbasierten Medizin, machte strenge wissenschaftliche Regeln zur Bedingung für die Bewertungen seines Instituts - auch wenn klar war, dass das Ergebnis einen Sturm der Entrüstung bei Pharmaindustrie und Interessenverbänden hervorrufen würde. Kein Wunder, dass sich die Konflikte häuften. Zeitweise stand das IQWiG unter Dauerfeuer.

Einige der einschneidensten Bewertungen des IQWiG war das Urteil zu kurzwirksamen Insulinanaloga, die von der Pharmaindustrie mit perfektem Marketing in den Markt gedrückt wurden. Sie seien nicht besser als herkömmliches Humaninsulin, entschied das Institut. Auch die langwirksamen Insulinanaloga, die einen den Diabetes vergessen lassen sollten, bewertete das IQWiG negativ: Möglicherweise seien sie sogar krebserregend, ergab die Studie . Memamtin, hunderttausendfach an Alzheimerpatienten verordnet und oft deren letzte Hoffnung? Kein Beleg für einen Nutzen bei Alzheimer-Demenz, entschied das IQWiG unter schärfstem Protest von Pharmaindustrie und Patientenvertretern.

Formale Fehler bei der Auftragsvergabe führten zu Korruptionsvorwürfen

2007 sah sich Sawicki Vorwürfen der Vetternwirtschaft ausgesetzt, weil das IQWiG Aufträge an eine Einrichtung vergeben hatte, an der Sawickis Ehefrau beteiligt war. Externe Wirtschaftsprüfer wurden beauftragt, die Angelegenheit zu untersuchen. Sie kamen zu dem Ergebnis, dass es zwar formale Fehler bei der Auftragsvergabe gegeben habe, sprachen Sawicki jedoch von persönlicher Vorteilsnahme oder Begünstigung frei. Der IQWiG-Vorstand ermahnte Sawicki daraufhin, sprach ihm aber weiterhin das Vertrauen aus. 2008 gab es wieder Ärger: Ein IQWiG-Experte hatte zugleich die Pharmaindustrie beraten.

Sawicki, heißt es jetzt in der Ärzte-Petition, habe als Person maßgeblich dafür gesorgt, dass das IQWiG internationale Anerkennung gewonnen habe und in seiner Reputation mittlerweile seiner britischen Vorbild-Institution NICE in keiner Weise mehr nachstehe. Sawickis Ablösung an der Spitze des IQWiG füge der internationalen Vernetzung des Institutes wie auch der deutschen medizinischen Wissenschaft insgesamt schweren Schaden zu. "Sawickis Ablösung" so Egidi, "wäre der Anfang vom Ende des IQWIG."

Für die Krankenkassen könnte die Angelegenheit durchaus auch teuer werden, wie Gerd Antes, Direktor des Deutschen Cochrane Zentrums, meint: "Wenn Sawicki durch einen industriefreundlicheren Leiter abgelöst würde, könnte das einen erheblichen Qualitätsverlust in der Versorgung zur Folge haben - und es könnte die Krankenkassen möglicherweise Milliarden kosten."

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