Ethik in der Medizin Internationale Fachgesellschaft lockert Regeln für Forschung an menschlichen Embryonen

Menschliche Embryonen durften bislang nicht länger als 14 Tage im Labor heranwachsen. Nun soll das unter Auflagen möglich sein. Auch Experten in Deutschland fordern Lockerungen in dem Fachgebiet.
Frühe Embryonen außerhalb des menschlichen Körpers in einem Labor in China

Frühe Embryonen außerhalb des menschlichen Körpers in einem Labor in China

Foto: Mark Schiefelbein / dpa

Die Internationale Gesellschaft für Stammzellforschung (ISSCR) hat ihre Leitlinie für Experimente mit menschlichen Embryonen angepasst.

Durch künstliche Befruchtung oder aus menschlichen Stammzellen hergestellte Embryonen sollen demnach künftig länger als die bisher maximal gängigen 14 Tage im Labor heranwachsen dürfen. Forscher sollen die Embryonen demnach so lange im Labor kultivieren können, wie es dem jeweiligen Forschungszweck dient – allerdings nur nach strenger, individueller Prüfung.

Jedes Forschungsprojekt sollte individuell nach wissenschaftlichen und ethischen Gesichtspunkten begutachtet und bewertet werden, schreibt die elfköpfige Autorengruppe der aktualisierten Leitlinie im Fachblatt »Stem Cell Reports« . Dabei geht es insbesondere auch um die Frage, ob sogenannte Embryomodelle zur weiteren Reifung erforderliche Merkmale ausbilden oder nicht – also längerfristig überlebensfähig wären.

Embryomodelle wachsen beispielsweise aus embryonalen Stammzellen heran. Diese entstehen wiederum, wenn Forscher menschlichen Embryonen in einem frühen Entwicklungsstadium Zellmasse entnehmen und diese im Labor kultivieren. Alternativ können auch ausgewachsene Körperzellen so umprogrammiert werden, dass sie sich wieder in alle Gewebetypen entwickeln können (mehr dazu lesen Sie hier).

Der Transfer solcher Embryonen in die Gebärmutter eines Menschen oder Tieres soll weiterhin verboten bleiben.

In Deutschland verboten

Die Autoren der Leitlinie kommen aus den USA, Kanada, Großbritannien, Österreich, Japan und China. »Das Komitee erkennt zwar an, dass die Kultivierung eines menschlichen Embryos über 14 Tage hinaus in vielen Rechtssystemen durch Gesetze oder Regeln untersagt ist, glaubt aber, dass in diesem Bereich ein pauschales Verbot wichtige Forschungsausrichtungen behindern könnte«, schreibt die Gruppe.

In Deutschland verbietet das Embryonenschutzgesetz (ESchG) generell die Verwendung eines menschlichen Embryos zu einem nicht seiner Erhaltung dienenden Zweck. Embryonale Stammzellen dürfen hierzulande nicht hergestellt und nur importiert werden, wenn sie vor 2002 entstanden sind. Forschung an frühen Embryonen außerhalb des menschlichen Körpers ist verboten.

Bei Embryonenmodellen handele es sich nicht um »echtes menschliches Leben«, erklärte Thomas Zwaka von der Icahn School of Medicine at Mount Sinai in New York als Reaktion auf die aktualisierte Leitlinie. Neue Richtlinien seien überfällig, da viele Forscher die Grenzen des Möglichen seit Jahren aggressiv erweiterten.

»Zellkulturmodelle jenseits der 14-Tage-Regelung sind essenziell für unser Verständnis der menschlichen Entwicklung, da einige der wichtigsten Entwicklungsschritte erst nach dieser Periode stattfinden«, so der Fachmann. Es werde immer klarer, dass die Grundlage vieler ernster Entwicklungsstörungen mit den erweiterten Modellen erfasst werden könne.

In der vorigen Version der internationalen Leitlinie von 2016 galt das Überschreiten der 14-Tage-Regel als »unzulässige Forschungsaktivität« (»prohibited activities«). Seitdem habe die Forschung große Fortschritte erzielt – sowohl wenn es darum gehe, menschliche Embryonen zu kultivieren, als auch sie aus Stammzellen zu erschaffen, so die Fachleute.

Überzählige Embryonen nutzen

In Deutschland forderten jüngst auch die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina und die Union der deutschen Akademien der Wissenschaften neue Regeln. Das Verbot der Forschung an frühen Embryonen außerhalb des menschlichen Körpers sollte demnach fallen.

Im Einklang mit internationalen Standards sollten Wissenschaftler hochrangige Forschungsziele verfolgen können, heißt es in einer Stellungnahme . Das 1990 verabschiedete Embryonenschutzgesetz erlaube zwar die Erzeugung menschlicher Embryonen in vitro zum Zweck der Fortpflanzung. Es verbiete aber jegliche Forschung an ihnen.

In Ländern wie etwa Israel, Dänemark, Schweden, Großbritannien, den USA und Japan dagegen sei die Forschung an frühen menschlichen Embryonen, die nicht mehr für die Fortpflanzung benötigt werden, in engen Grenzen erlaubt.

Überzählige Embryonen, die im Rahmen von Kinderwunschbehandlungen entstanden sind, aber nicht mehr benötigt würden, sollten für die Wissenschaft genutzt werden dürfen, so die Forderung. Ein eigens geschaffenes Gremium solle die jeweiligen Forschungsprojekte und ihre Ziele überprüfen.

Paare sollen entscheiden

Die Leopoldina-Fachleute betonen, nach internationaler wissenschaftlicher Auffassung gebe es eine Reihe wichtiger Fragen, die wissenschaftlich nur mithilfe der Embryonenforschung bearbeitet werden können. Dazu gehöre etwa die Behandlung von Volkskrankheiten wie Diabetes, Arthrose, Herzinfarkt oder Schlaganfall mithilfe von Stammzelllinien.

Zudem gehe es etwa um die Klärung der frühen Entwicklungsbiologie des Menschen, die Verbesserung der Fortpflanzungsmedizin oder eine bessere Entwicklung von Embryonen und Föten in der Schwangerschaft.

Bislang könnten deutsche Wissenschaftler zu dieser Forschung wenig beitragen, heißt es weiter. »Dreißig Jahre nach Inkrafttreten des ESchG ist es nach Auffassung der Akademien an der Zeit, den rechtlich zulässigen und ethisch vertretbaren Umgang mit frühen menschlichen Embryonen neu zu bewerten.«

Die Entscheidung darüber, ob überzählige Embryonen für die Forschung zur Verfügung gestellt werden, sollte aus Sicht der Wissenschaftsakademien bei dem Paar liegen, von dem sie stammen. Wenn die Familienplanung dieser Paare abgeschlossen ist, könnten die übrigen Embryonen bislang nur verworfen oder für andere Paare gespendet werden.

Seit Jahren intensive Debatten

Den Angaben zufolge sind in Deutschland zwischen 1997 und 2018 mehr als 319.000 Kinder nach einer In-vitro-Fertilisation (IVF) geboren worden. Bei dem Verfahren werden der Frau nach einer Hormongabe Eizellen entnommen und mit dem Samen des Mannes zusammengebracht. Zum Teil entstehen mehr Embryonen als der Frau übertragen werden.

»Die Forschung an frühen Embryonen in vitro, also außerhalb des menschlichen Körpers, die für Fortpflanzungszwecke erzeugt wurden, aber dafür keine Verwendung mehr finden, sollte im Einklang mit internationalen Standards erlaubt werden«, heißt es in der Stellungnahme weiter. »Die Erlaubnis zur Forschung sollte dabei ausschließlich für hochrangige Forschungsziele gelten.«

Eine Bundesbehörde könnte demnach zusammen mit einer Ethikkommission über die Zulässigkeit der Vorhaben entscheiden. Die Embryonenforschung sorgt seit Jahrzehnten für intensive Debatten. Dabei spielen Forschungsinteressen ebenso eine Rolle wie ethische und rechtliche Überlegungen.

jme/dpa
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