Mischwesen aus Mensch und Tier Das gab es noch nie

Ein japanischer Forscher darf Mischwesen aus Tier und Mensch erzeugen und bis zur Geburt heranreifen lassen. Kritiker wittern einen "ethischen Megaverstoß". Was wirklich dahintersteckt.

Schweineembryo: Menschliche Zellen könnten darin zu einem Organ heranwachsen
Sambraus, Daniel/ Science Photo Library

Schweineembryo: Menschliche Zellen könnten darin zu einem Organ heranwachsen

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Mischwesen beschäftigen die Menschheit seit jeher, waren bislang aber vor allem ein Produkt der Fantasie. Doch seit einigen Jahren arbeiten Forscher an echten Chimären aus Tier und Mensch. Die Experimente haben einen ernsten Hintergrund: Viele Menschen warten lange - manchmal zu lange - auf eine Organspende. Künftig, so die Idee, sollen neue menschliche Organe in Tieren wachsen, die dann einem Patienten in Not helfen.

Noch ist die Technik nicht so ausgereift, dass Tiere Organe bereitstellen können, die sich zur Transplantation eignen. Nun finanziert und genehmigt Japan als erster Staat weltweit ein Experiment, in dem der Forscher Hiromitsu Nakauchi Mischwesen aus Tier und Mensch bis zur Geburt heranreifen lassen will. In den meisten anderen Staaten ist das bislang verboten.

In der deutschen Politik werden die ersten Empörungsrufe laut. SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach spricht von einem "klaren ethischen Megaverstoß".

Aber worum genau geht es in den Versuchen? Was ist neu? Und handelt es sich wirklich um einen großen Skandal? Antworten auf die wichtigsten Fragen:

Was genau hat Hiromitsu Nakauchi vor?

Der Wissenschaftler ist eigentlich Internist, erforscht aber schon seit mehreren Jahren Mischwesen an der University of Tokyo und der Stanford University. Mit der Genehmigung, die ihm nun von Japan erteilt wurde, möchte er menschliche Zellen in Tierembryonen schleusen und die Tiere bis zur Geburt wachsen lassen. Das gab es noch nie.

Jedoch hat Nakauchi angekündigt, das Vorhaben nur schrittweise umzusetzen. Bis eine erste Mensch-Tier-Chimäre geboren wird, dürfte also noch etwas Zeit vergehen. Ihm ist nach eigenen Angaben bewusst, dass die Versuche vielen Menschen suspekt sind. Deshalb plant er zunächst zwei zeitlich begrenzte Experimente, bei denen Ratten- und Mäuseembryonen menschliche Zellen eingesetzt werden:

  • Die Maus-Mensch-Embryonen sollen 14,5 Tage in einem Muttertier heranwachsen. Zur Einordnung: Mäuse tragen ihre Jungen etwa 20 Tage im Mutterleib. Nach 14,5 Tagen ist der Nachwuchs also schon weit entwickelt.
  • Einen ähnlichen Versuch plant der Forscher mit Ratten: Diese Mischwesen-Embryonen sollen 15,5 Tage im Muttertier wachsen dürfen. Die Tragzeit von Ratten liegt bei ungefähr 23 Tagen.

Später will Nakauchi die Technik an größeren Tieren testen. Er plant, menschliche Zellen in Schweineembryonen zu integrieren. Diese sollen sich 70 Tage im Muttertier entwickeln. Eine Sau wirft ihre Jungen üblicherweise nach ungefähr 115 Tagen. Für den Versuch braucht der Forscher jedoch eine weitere Genehmigung.

Was bringen die Experimente?

Nakauchi betreibt Grundlagenforschung. Mit seinen neuen Experimenten möchte er erst einmal herausfinden, wie gut die menschlichen Zellen überhaupt in fremden Organismen wachsen. Wenn die verwendeten Spezies - wie die Ratten und Mäuse - evolutionär weit vom Menschen entfernt sind, überleben die menschlichen Zellen meist nicht besonders lange im fremden Körper.

Das Experiment mit den Nagern ist also nur ein erster Versuch, sich dem Vorhaben zu nähern. Schließlich wären die Tiere für das Züchten echter Menschenorgane schlicht zu klein. Bis Patienten wirklich geholfen werden kann, dürften noch Jahre oder sogar Jahrzehnte vergehen.

Was ist neu an den Versuchen?

Nakauchi und andere Forscher aus verschiedenen Ländern haben schon häufiger Mischwesen erzeugt. Erlaubt ist das mit Einschränkungen auch in Deutschland und den USA. Bislang haben Wissenschaftler die Technik in verschiedenen Tierarten getestet. Kamen menschliche Zellen zum Einsatz, durften die Mischwesen laut Gesetz allerdings nur wenige Wochen im Muttertier heranwachsen.

Nakauchis Forscherteam ist nun das erste, das die Tier-Mensch-Mischwesen bis zur Geburt reifen lassen darf. Hintergrund ist eine Gesetzesänderung vom März 2019. (Mehr dazu lesen Sie hier.)

Welche Versuche gab es vorher?

2017 hat Nakauchi Bauchspeicheldrüsen von Mäusen in Ratten gezüchtet. Kurz darauf schloss eine andere Forschergruppe einen ersten vielversprechenden Versuch ab, bei dem menschliche Zellen in Tiere eingepflanzt wurden. Dabei hatten die Wissenschaftler Zellen von Menschen in Schweineembryonen eingesetzt und diese sechs Wochen lang in einer Sau wachsen lassen. Der Versuch musste aufgrund der damaligen rechtlichen Bestimmungen allerdings nach sechs Wochen abgebrochen werden.

Wie funktioniert die Technik genau?

Nakauchi wird in den neuen Versuchen grundsätzlich die gleiche Technik verwenden wie bei seinem Ratten-Maus-Mischwesen. In dem Versuch von 2017 hat er einen Rattenembryo gentechnisch so verändert, dass diesem keine Bauchspeicheldrüse wachsen konnte. Wäre das Tier mit diesem Fehler zur Welt gekommen, hätte ihm das wichtige Drüsenorgan gefehlt. So weit ließ es der Forscher aber nicht kommen.

Er versah das Tier mit sogenannten induzierten pluripotenten Stammzellen von einer Maus. Diese sogenannten iPS-Zellen werden beispielsweise aus Hautzellen in ein frühes Entwicklungsstadium zurückprogrammiert. Ähnlich wie embryonale Stammzellen können sie sich dann wieder in alle Gewebe und Organe entwickeln. Tatsächlich wuchsen in den Ratten Bauchspeicheldrüsen aus Mäusezellen heran.

Die Organe pflanzten die Forscher anschließend Mäusen mit Diabetes ein. Die Tiere konnten ihren Blutzuckerspiegel dank des Ersatzorgans eigenständig regulieren. Sie waren wieder gesund.

Was sagen Kritiker?

Kritiker bezweifeln, dass die Technik jemals so gut funktioniert, dass sie dem Menschen wird helfen können, und halten andere Ansätze für vielversprechender. So arbeiten Wissenschaftler beispielsweise daran, ausgewachsene Tierorgane so umzugestalten, dass sie Patienten eingesetzt werden können.

Der Deutsche Ethikrat stellte in einer bis heute gültigen Stellungnahme aus dem Jahr 2011 klar, dass tierische und menschliche Zellen für die Forschung seit Jahrzehnten vermischt werden. So pflanzen Forscher Tieren etwa Vorläuferzellen von menschlichen Nervenzellen ein, um zu untersuchen, wie Demenz oder Parkinson entstehen.

Dies sei ethisch vertretbar, solange die Grenze zwischen Mensch und Tier klar erkennbar bleibe und der mögliche Nutzen für den Menschen groß sei, so der Ethikrat.

Die Fachleute hatten vor acht Jahren befürchtet, dass sich bei Experimenten, wie den nun geplanten, menschliche iPS-Zellen an Orten im Tier einnisten könnten, für die sie nicht vorgesehen waren. So könnten sie sich theoretisch zu Ei- oder Samenzellen entwickeln oder die kognitiven Eigenschaften von Tieren verändern.

Neuere Studien zeigen aber, dass dies nicht geschieht, wenn die Arten - wie auch im aktuellen Fall - einen geringen Verwandtschaftsgrad haben. Folgt man der Argumentation des Ethikrats, gibt es keinen "ethischen Megaverstoß", wie Karl Lauterbach behauptet.

Aber es heißt beim Ethikrat auch: Genauer hinschauen müsse man, falls eines Tages menschliche Zellen in die Körper von eng verwandten Primaten eingepflanzt würden.

insgesamt 101 Beiträge
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Seite 1
Shismar 31.07.2019
1. Schweine besser geeignet als Primaten
Da wohl Schweine biologisch besser als Organlieferanten geeignet sind als unsere Cousins, dürfte die Ethik einer Organzucht kaum entgegenstehen. Schließlich züchten wir die Viecher zu Millionen unter abscheulichen Umständen um sie zu töten und zu essen. Dagegen hat es so ein Organschwein dann sicher richtig gut. Bis es auch umgebracht wird. Naja.
winterwoods 31.07.2019
2. Zunächst
Zunächst. "Zunächst" ist endlich. Und es gibt immer ein nach dem "zunächst"...
derjuergen 31.07.2019
3.
Ist ja alles "schön" und "gut"...ich frage mich nur, was der tatsächliche Nutzen für die Menschheit ist...nicht alles was möglich ist, sollte auch gemacht werden - irgendwo sollte es Grenzen geben..
MarcusDidius 31.07.2019
4. Mensch UND Tier
Der Mensch ist ein Tier! Genauso wie die Maus. Und wenn jetzt irgendwelche religiösen Fundamentalisten eine Anfall bekommen: Sie sollten ihren (eingebildeten) Schöpfer auf den Knien dafür danken, dass uns die Maus so ähnlich ist. Sonst gäbe es keine Medizin.
wo_st 31.07.2019
5.
Mal sehen, wenn es klar wird, dass es schon mehrere Chimären gab....
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