Jens Spahn zu Corona-Maßnahmen Das Missverständnis

Bei einem Auftritt hat Jens Spahn erklärt, Friseure und der Einzelhandel würden mit dem heutigen Wissen über das Coronavirus nicht mehr geschlossen werden. Ist es das Eingeständnis eines Fehlers? Von wegen.
Jens Spahn vor einem Auftritt in Herne: Im März gab es noch keine Empfehlung zum Maskentragen

Jens Spahn vor einem Auftritt in Herne: Im März gab es noch keine Empfehlung zum Maskentragen

Foto:

Roland Weihrauch / dpa

Am Mittwochmorgen machte die "Bild" das Thema groß: "Spahns brutal ehrliche Corona-Bilanz", stand ganz oben auf der Website des Onlineangebots . Darunter das Zitat. "Man würde mit dem Wissen heute keine Friseure und keinen Einzelhandel mehr schließen." Die gedruckte Ausgabe titelte ähnlich.

Die Aussage des Gesundheitsministers stammt von einer Veranstaltung in Bottrop am Montag und bezieht sich offensichtlich auf die von der Bundesregierung im März gegen die Ausbreitung des Virus verhängten Maßnahmen. Sie ist richtig wiedergegeben, zeigt ein Videomitschnitt im Artikel, allerdings längst nicht so überraschend, wie die Aufmachung suggeriert.

Hier entsteht der Eindruck, Jens Spahn (CDU) hätte ein Geheimnis preisgegeben: endlich ein Politiker, der die Wahrheit über das Coronavirus ausspricht und zugibt, dass die Maßnahmen im Frühjahr übertrieben waren. Über einem "Bild"-Artikel  zum Themenkomplex steht dann auch "Man hätte Friseure und Altenheime nicht schließen müssen". Hier fehlen die Anführungszeichen, aus gutem Grund: So hat Spahn es nämlich gerade nicht gesagt.

"Wir haben doch etwas dazugelernt"

Es macht aber einen Unterschied, ob sich eine Aussage darauf bezieht, wie in der aktuellen Lage gehandelt werden würde, oder ob Entscheidungen aus der Vergangenheit infrage gestellt werden. Letzteres geben Spahns Aussagen nicht her. Stattdessen passen seine Worte sogar ziemlich gut in den bisherigen Umgang der Regierung mit der Pandemie.

Im gesamten bisherigen Verlauf der Pandemie hat sich die Regierung eng am verfügbaren Wissen über das Virus orientiert. Abgesehen von Spekulationen blieb ihr auch nicht viel anderes übrig: Rationale Entscheidungen können immer nur auf Basis vorhandener Informationen getroffen werden. So kann es passieren, dass sie sich rückblickend tatsächlich als falsch herausstellen, in der Situation aber dennoch richtig waren.

So sagt auch Spahn: "Wir haben doch etwas dazugelernt in den letzten Monaten, wie wir uns schützen können, ohne dass es diese Maßnahmen braucht. Dafür braucht es aber vor allem eben zum Beispiel die Maske." Über die wurde allerdings noch diskutiert, als die Bundesregierung Ende März die Friseure schließen ließ und Kontaktbeschränkungen verhängte.

DER SPIEGEL

Maskenempfehlung kam erst Anfang April

Als in Deutschland am 22. März Ansammlungen von mehr als zwei Menschen, die nicht im gleichen Haushalt leben, verboten wurden, gab es gleich zwei Probleme: In Deutschland waren Filter-Masken und Mund-Nasen-Schutz Mangelware. Ärzte und Pflegekräfte in Kliniken und Heimen hatten Schwierigkeiten, sich im Umgang mit ansteckenden Patienten wie gewohnt zu schützen.

Gleichzeitig gab es noch keine allgemeine Empfehlung zum Tragen einer Mund-Nasen-Bedeckung seitens der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und des Robert Koch-Instituts (RKI). Die Organisationen hatten lange unterschätzt, dass auch infizierte Menschen ohne klare Corona-Symptome das Virus weitergeben können . Öffentlich wurde über die Sinnhaftigkeit der Maßnahme gestritten.

Erst ab Anfang April empfahl das RKI allen Menschen, im öffentlichen Raum einen Mund-Nasen-Schutz zu tragen, wenn die empfohlenen Abstände nicht eingehalten werden können. Bis Ende April wurden Masken in den meisten Bundesländern beim Einkaufen und in öffentlichen Transportmitteln zur Pflicht.

Aber nicht nur die Maskendebatte machte es schwierig, das Virus im März unter Kontrolle zu bringen. Testkapazitäten mussten in der ersten Pandemie-Welle zunächst ausgebaut werden. Auch sie tragen nun dazu bei, dass etwa Pflegeheime Ausbrüche unter Risikopatienten leichter erkennen und unter Kontrolle bringen können. In den Einrichtungen ist aufgrund des Alters und der Vorerkrankungen der Bewohner bei einem Corona-Ausbruch mit besonders vielen Todesfällen zu rechnen.

Gefahr Superspreader

Unklar war Ende März auch, wie genau sich das Virus ausbreitet. Experten gingen damals davon aus, dass ohne Gegenmaßnahmen im Schnitt jeder Infizierte zwei bis drei weitere Menschen ansteckt. Die Zahl gilt bis heute, allerdings hat sich erst mit der ersten Welle gezeigt, dass einzelne Superspreader, die sehr viele Kontakte haben, viel mehr als zwei bis drei Menschen infizieren und die Pandemie damit maßgeblich vorantreiben. Gleichzeitig stecken andere Infizierte niemanden an (mehr dazu lesen Sie hier).

Heute liegt der Fokus im Kampf gegen die Ausbreitung des Virus daher nicht mehr darauf, sämtliche Kontakte der breiten Masse zu beschränken, sondern Superspreading-Ereignisse wie Großveranstaltungen zu vermeiden und große Ansteckungsketten möglichst schnell zu unterbrechen.

Mit diesen gezielteren Gegenmaßnahmen wird es unwahrscheinlicher, dass das öffentliche Leben erneut massiv heruntergefahren werden muss. Darauf spielt auch Spahn an. Bei einem Auftritt am Dienstag in Bochum präzisierte der Minister dann auch seine Aussagen vom Montag.

Danach sieht er inzwischen zwar bessere Voraussetzungen für gezielte Gegenmaßnahmen bei steigenden Corona-Infektionszahlen als noch im Frühjahr. Gleichzeitig verteidigte er aber ausdrücklich die im März mit dem damaligen Wissen und der damaligen Infektionsdynamik verhängten Maßnahmen im öffentlichen Leben, berichten die Nachrichtenagenturen DPA und AFP.

Generell bleibe es richtig, dass Abstand, Hygiene und Alltagsmasken die "besten Waffen" im Kampf gegen das Virus seien, so Spahn. Dass sich Wissen ändert und neue Schlussfolgerungen gezogen werden, ist ein normaler Prozess.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.