Bidens Corona-Plan Gefährliche Verzögerung

Joe Biden will Corona zum Schwerpunkt seiner Präsidentschaft machen und hat erste Vorschläge vorgelegt. Doch was passiert, wenn die Pandemiebekämpfung unter Trump noch mehr als zwei Monate stillsteht?
Künftiger US-Präsident Joe Biden

Künftiger US-Präsident Joe Biden

Foto: KEVIN LAMARQUE / REUTERS

126.742 neue bekannte Ansteckungen binnen 24 Stunden. Am Tag als Joe Biden seinen Sieg im Rennen um das Amt des 46. Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika verkündet, ächzt das Land unter einem neuen Rekord an Corona-Infektionen. Wieder einmal. Die Daten der Johns Hopkins University  für den Samstag zeigen bereits den dritten Tag in Folge mehr als 120.000 neue Fälle pro Tag an.

Bei mehr als 9,9 Millionen der rund 330 Millionen Einwohner des Landes ist der Sars-CoV-2-Erreger zu diesem Zeitpunkt bereits nachgewiesen worden. Ein Fünftel aller weltweiten Infektionen entfällt auf die USA, mehr als 237.000 Amerikaner sind bereits im Zusammenhang mit der Pandemie gestorben.

Biden hat angekündigt, den Kampf gegen Corona zur politischen Priorität zu machen – und dabei wieder auf die Empfehlungen der Wissenschaft zu hören. Das ist einerseits ein no brainer, eine Sache, über die man nicht ernsthaft nachdenken muss. Nach den Monaten des Negierens und Verzögerns unter dem Noch-Präsidenten Trump ist es andererseits trotzdem eine bemerkenswerte Nachricht.

Am Montag schon will Biden einen Expertenrat zur Eindämmung der Corona-Pandemie vorstellen. Geleitet werden  soll das Gremium von Vivek Murthy und David Kessler. Murthy war von 2014 bis 2017 oberster Gesundheitsbeamter der US-Regierung, Kessler führte einst die Arzneimittelbehörde FDA. Beide Experten, so hieß es in Bidens Team, hätten dem demokratischen Team schon seit März zur Seite gestanden, ebenso wie etwa die Gesundheitsexpertin Marcella Nunez-Smith von der Yale University.

Gratistests und Impfungen für alle

Wie die Strategie der neuen Regierung gegen Corona aussehen wird, dafür gibt es zumindest bereits einige konkrete Hinweise. Der "Biden-Harris-Covid-Plan"  enthält unter anderem an mehreren Stellen den Hinweis, Entscheidungen im Bereich der öffentlichen Gesundheit müssten von Fachleuten des öffentlichen Gesundheitswesens getroffen werden – und nicht von Politikern.

So sollen die Centers for Disease Control and Prevention, eine auch für ihre Expertise im Infektionsschutz bekannte, aber von Trump marginalisierte Gesundheitsbehörde, neue Leitlinien erarbeiten: Welche Eindämmungsmaßnahmen sind in welcher Phase der Pandemie sinnvoll? Dabei geht es auch um die Frage, wann Schulen und Geschäfte geöffnet oder geschlossen werden. Das aus Sicht von Epidemiologen zu frühe Öffnen der Wirtschaft im Frühjahr hatte auch mit dafür gesorgt, dass die Infektionszahlen in den USA nie so weit gesunken waren wie etwa zwischenzeitlich in Europa.  

Die Öffentlichkeit soll in Zukunft besser mit den wichtigsten Daten zur aktuellen Lage versorgt werden, unter anderem tagesaktuell zur Zahl der durchgeführten Tests sowie der freien und belegten Intensivbetten. Dahinter dürfte der Wunsch stecken, dass die Regierung wieder als eine glaubwürdige Informationsquelle in der Pandemie wahrgenommen wird.

Corona-Test an einer Station in Brooklyn (Archivbild)

Corona-Test an einer Station in Brooklyn (Archivbild)

Foto: Mark Lennihan / AP

Außerdem plant das Biden-Team, die Testkapazitäten massiv auszubauen. So solle es in jedem Staat mindestens zehn mobile und Drive-through-Testzentren geben. Regelmäßig, verlässlich und kostenfrei sollen die Tests für die Amerikaner sein, so das Versprechen. Man plane auch, in die Entwicklung neuer Testtechnologien etwa für Heim- und Soforttests zu investieren.

Rund 100.000 Arbeitskräfte sollen die Bemühungen der Gesundheitsbehörden unter anderem beim Nachverfolgen von Kontakten Infizierter unterstützen, aber auch bei der Verteilung von Informationen etwa zu Impfstoffen. Außerdem soll die staatliche Steuerung der Pandemiewirtschaft verstärkt werden, um etwa die Herstellung von Impfstoffen und Schutzkleidung voranzubringen.

Impfstoffe sollen, sobald sie zugelassen sind, kostenfrei an alle Amerikaner abgegeben werden.

Bidens Berater haben angekündigt , sich auch wieder für eine aktive Rolle ihres Landes in der Weltgesundheitsorganisation (WHO) einzusetzen. Dort wird die internationale Pandemiebekämpfung koordiniert, ebenso die Verteilung kommender Impfstoffe auch an ärmere Länder. Trump wollte sein Land aus der Organisation führen, die er von China dominiert sah. International wirbt man nach Bidens Wahlsieg nun um einen Verbleib Washingtons. So hat der deutsche Gesundheitsminister Jens Spahn erklärt, der Kampf gegen die Pandemie hänge auch "davon ab, ob die USA mitmachen oder nicht". Biden könnte einen Verbleib in der WHO auch ohne den Kongress durchsetzen.

Gesundheitsexpertin Krutika Kuppalli von der Medical University of South Carolina in Charleston untersucht die politische Reaktion auf Pandemien. Im Gespräch mit dem SPIEGEL lobt sie Bidens Vorschläge: "Er hat einen Plan. Die aktuelle Regierung hatte niemals wirklich einen." Die Experten der Taskforce seien aus ihrer Sicht auch eine gute Wahl, eine "großartige Gruppe von Menschen" komme da zusammen.

Und dass Biden auf mehr Steuerung aus Washington setze, halte sie für eine gute Idee, sagt Kuppalli: "Bisher hatten wir 50 Staaten, die 50 verschiedene Dinge getan haben. Wir brauchen aber einen einheitlichen Ansatz." Allerdings sei es wichtig, die Mitglieder der verschiedenen Gruppen im Land dabei mitzunehmen – inklusive der 70 Millionen Trump-Wähler, die Corona offenbar für kein größeres Problem gehalten hätten.

Trump und Anhänger bei einem Wahlkampftermin in Florida

Trump und Anhänger bei einem Wahlkampftermin in Florida

Foto: JONATHAN ERNST / REUTERS

Ohne das Virus zu besiegen, könne man "die Wirtschaft nicht reparieren, die Dynamik nicht wiederherstellen oder die schönsten Momente des Lebens genießen", hat Biden in seiner Siegesrede in seinem Heimatort Wilmington verkündet. Außerdem erklärte er, schon am Tag seiner Amtseinführung am 20. Januar einen Aktionsplan zur Überwindung der Coronakrise auf den Weg zu bringen: "Ich will, dass es jeder weiß: Wir werden unseren Plan, das Virus unter Kontrolle zu bringen, an unserem ersten Tag in Kraft setzen", so Biden.

Doch genau das ist das Problem: Donald Trump, der seine Wahlniederlage noch immer nicht eingestanden hat, ist noch mehr als 70 Tage im Amt. In diesem Zeitraum dürfte sich die Pandemie, nach allem was zu erwarten ist, weiter verschlimmern. Wahrscheinlich sogar massiv. Seit Wochen und Monaten behauptet der Noch-Präsident, der Kampf gegen den Erreger sei so gut wie gewonnen. Seine wissenschaftlichen Berater wie Anthony Fauci oder Deborah Birx hat er ignoriert, ihre Warnungen lächerlich gemacht. Das Weiße Haus ist selbst zum Corona-Ausbruchsherd geworden. Zuletzt war bekannt geworden, dass sich auch Trumps Stabschef Mark Meadows infiziert hatte.

Experte warnt vor 100.000 weiteren Toten – allein bis zu Bidens Amtseinführung

Viele Experten seien "besorgt, dass jetzt, da Biden gewonnen hat, die Trump-Administration einen Ansatz der verbrannten Erde verfolgen wird", warnt  die Epidemiologin Saskia Popescu von der University of Arizona. "Das wird sehr, sehr beängstigend werden." "Ich will es nicht beschönigen: Es sieht schlecht aus", sagt  auch Nahid Bhadelia von der Boston University School of Medicine. Besonders problematisch für die Entwicklung der kommenden Wochen und Monate: Durch Familienbesuche zu Weihnachten dürfte der Erreger noch einmal massiv im Land verteilt werden.

Ohne nennenswerte Maßnahmen, warnt Ashish Jha von der Brown University School of Public Health, wären weitere 100.000 Tote allein bis zum Tag von Bidens Amtseinführung "eine konservative Schätzung". Die Trump-Regierung habe beim Kampf gegen die Pandemie "im Grunde das Handtuch geworfen".

Biden und sein Team hätten bis zur Amtsübernahme am 20. Januar nichts anderes zur Verfügung als "moralische und soziale Macht", so Jha. Auf Twitter  rechnet er vor, dass die reale Zahl der Corona-Neuinfektionen in den USA derzeit wohl bereits bei etwa 300.000 bis 400.000 pro Tag liege. Als Beleg dafür führt er die stetig steigende Rate positiver Testergebnisse an, die aktuell bei rund neun Prozent liegt.

Das Land sei der Entwicklung aber nicht hilflos ausgeliefert, so Jha. "Wir sollten nicht akzeptieren, dass das Trump-Team nichts tun wird. Wir bezahlen sie. Wir müssen Wege finden, sie dazu zu bringen, mehr zu tun." Außerdem müsse der Kongress den Bundesstaaten mehr Geld für das Testen zur Verfügung stellen. Diese wiederum müssten noch mehr Menschen auf das Virus untersuchen. Und auch jeder Einzelne könne etwas tun, so Jha: Jeder müsse eine Maske tragen und möglichst auf Zusammenkünfte in Innenräumen, egal ob Privathäusern oder Restaurants, verzichten.

"Je tiefer das Loch ist, in dem wir uns befinden, desto länger dauert es, wieder herauszukommen."

Krutika Kuppalli, Medical University of South Carolina in Charleston

Biden, so heißt es , könnte schon vor seinem Amtsantritt versuchen, die Gouverneure möglichst vieler Bundesstaaten dazu zu bringen, das Tragen von Masken verpflichtend zu machen. Denn diese Frage wird nicht zwingend in Washington entschieden. Dort kann man  aber immerhin über die Regeln in Bundesbehörden oder dem öffentlichen Nahverkehr befinden.

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Bidens Vizepräsidentin Kamala Harris twitterte gerade erst: "Covid-19 ist immer noch da. Bitte tragt weiter eine Maske und haltet Abstand." Bis sie und ihr neuer Chef im Amt sind, bleiben dem Team tatsächlich kaum mehr als solche Appelle.

Auf die Frage, ob Bidens Corona-Plan womöglich zu spät kommt, sagt Seuchenexpertin Kuppalli: "Es ist niemals zu spät, es ist dann einfach mehr Arbeit. Je tiefer das Loch ist, in dem wir uns befinden, desto länger dauert es, wieder herauszukommen."

Mit Material von dpa
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