Klinische Studie Forscher präsentieren ersten wirksamen Malaria-Impfstoff

Er könnte das Leben Hunderttausender Menschen retten: Ein Impfstoff gegen Malaria hat sich erstmals in einer Studie bei Tausenden afrikanischen Kindern als wirksam erwiesen. Nun hoffen Ärzte auf einen flächendeckenden Einsatz - doch es gibt Hindernisse.
Von Cinthia Briseño
Anopheles-Mücke: Hoffnung durch neue Vakzine

Anopheles-Mücke: Hoffnung durch neue Vakzine

Foto: epa efe US CfDCaP/ dpa

Hamburg - Im Kampf gegen eine der gefährlichsten Krankheiten der Welt haben Mediziner schon viele verheerende Niederlagen einstecken müssen. Ob großflächige Einsätze mit dem Insektengift DDT, Moskitonetze oder genetische Manipulation der Anophelesmücke, die den Erreger auf den Menschen überträgt: Dem Parasiten Plasmodium falciparum ist nicht so leicht beizukommen. Noch immer sterben knapp 800.000 Menschen im Jahr an Malaria. In Afrika fällt ihr alle 45 Sekunden ein Kind zum Opfer.

In den Augen vieler Mediziner gibt es nur einen einzigen Hoffnungsträger, mit dem sich die tödliche Seuche endlich ausrotten ließe: ein Impfstoff. Doch der ließ bisher auf sich warten - zu komplex ist der Lebenszyklus des Parasiten, zu kompliziert ist es, das Immunsystem gezielt gegen den Erreger anzustacheln. Doch nun endlich - nach gut 30 Jahren Forschungsarbeit - scheint ein effektiver Impfstoff gegen die Malaria zum Greifen nahe.

In einer jetzt im Medizinjournal "New England Journal of Medicine"  veröffentlichten klinischen Studie hat sich der aussichtsreichste Kandidat für die Vakzine offenbar bewährt. Ärzte impften insgesamt 15.460 Säuglinge und Kleinkinder im Alter von 6 Wochen bis 17 Monaten mit dem Impfstoff namens RTS,S. Noch steht die gesamte Langzeitauswertung zwar aus, doch die ersten Ergebnisse sorgen für Euphorie: Insbesondere beim Hersteller GlaxoSmithKline (GSK), aber auch bei jener Institution, die seit den neunziger Jahren mehrere Milliarden Dollar in den Kreuzzug gegen die Malaria gepumpt hat, der Bill & Melinda Gates Foundation sowie einer großen Anzahl von Malariaforschern.

In der Tat sind die ersten Studienergebnisse das Beste, was die Welt zum Thema Malariaimpfung bisher gesehen hat: Bei einer Gruppe der Kinder verringerte sich das Risiko, an Malaria zu erkranken, durch den Impfstoff um bis zu 56 Prozent. Auch die Zahl der schweren Malaria-Erkrankungen sank um 47 Prozent. So lautet das Fazit der Autoren dieser Studie. Es ist eine lange Liste von Autoren, die alle Mitglieder eines internationalen Forscherkonsortiums sind, dem RTS,S Clinical Trial Partnership. Darunter sind auch eine Reihe von Medizinern vom Institut für Tropenmedizin der Universität Tübingen, die maßgeblich an der klinischen Studie beteiligt waren.

Soweit kam noch kein Impfstoff

Ausgewertet hatten die Mediziner Untersuchungsergebnisse von 6000 Kindern, die zwischen 5 und 17 Monaten alt waren und aus sieben südafrikanischen Ländern stammen. Die Studie war randomisiert und placebokontrolliert, das heißt, die Kinder erhielten zufallsgesteuert entweder den Impfstoff, aufgeteilt auf drei Dosen, oder ein wirkungsloses Scheinmedikament. Die Beobachtungszeit nach der Gabe der Impfung betrug zwölf Monate.

Der Impfstoff enthält ein Protein des Malaria-Erregers Plasmodium falciparum sowie einen Wirkverstärker, ein sogenanntes Adjuvanz. Die Vakzine löst zum einen die Produktion von Antikörpern durch das Immunsystem aus. Diese verhindern, dass die Parasiten die Leber erreichen können, wo sie ihr zerstörerisches Werk vollführen. Zudem löst der Impfstoff eine starke T-Zell-Antwort aus. Diese Immunzellen töten bereits infizierte Leberzellen ab.

Bisher hatte es noch kein Impfstoff außer RTS,S in dieses Stadium der klinischen Entwicklung geschafft. Die Ergebnisse der Säuglingsgruppe im Alter von sechs bis zwölf Wochen erwarten die Mediziner für Ende 2012. Sollte sich der Impfstoff auch dort bewähren, könnte er Hunderttausenden Menschen jährlich das Leben retten. Die Ärzte hoffen nun, dass sie die Vakzine in wenigen Jahren routinemäßig bei Säuglingen und Kleinkindern einsetzen können - es wäre die effizienteste Maßnahme zur möglichen Ausrottung der Malaria.

Auf und Ab im Kampf gegen Malaria

Es ist nicht der erste große Feldzug gegen die Tropenkrankheit. Mit einem aufwendigen Programm gelang es der WHO bereits in den sechziger Jahren, die Erkrankung in vielen Ländern der Erde zu eliminieren. Damals erklärte die Weltgesundheitsorganisation 20 Länder für malariafrei. Doch nach dem Ende der Kampagne kehrte die Malaria alsbald zurück.

Auch wenn die aktuellen Studienergebnisse Hoffnung wecken, einige Hürden könnten sich der WHO und den malariageplagten Ländern noch in den Weg stellen. Zum einen darf nicht vergessen werden, dass der Impfstoff zwar wirksam zu sein scheint - seine Wirksamkeit für einen flächendeckenden Einsatz aber eigentlich zu gering ist. Üblicherweise wird eine Produktion von Impfstoffen erst in Erwägung gezogen, wenn dessen Effektivität 70 bis 80 Prozent beträgt.

Doch angesichts der schieren Infektionszahlen ließen sich dennoch einige hunderttausend Menschenleben retten. Wie so oft bei Impfprogrammen wird es dann eine Preisfrage sein. Gerade Entwicklungsländer wären auf die finanzielle Unterstützung internationaler Hilfsorganisationen angewiesen. GSK selbst kündigt zumindest an, man werde alles daran setzen, dass die Impfung jene Menschen erreicht, die sie am dringendsten benötigen. "Der Impfstoff hat das Potential", so der GSK-Chef Andrew Witty, "die Zukunftsaussichten für Kinder, die in Malaria-Gebieten Afrikas leben, bedeutend zu verbessern."

Denn vor allem Kleinkinder zählen zu den am stärksten gefährdeten Gruppen. Ihr Immunsystem kann dem komplexen Erreger nicht viel entgegensetzen, sie erkranken deshalb oft schwer an Malaria - meist mit tödlichem Ausgang oder aber mit bleibenden Schäden.

Andere Mediziner warnen bereits, andere Maßnahmen gegen Malaria angesichts des vielversprechenden Impfstoffs nicht zu vernachlässigen. Zwar sei ein wichtiger Fortschritt gemacht, sagte Oliver Moldenhauer von der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen in Berlin. "Dies darf aber nicht dazu führen, dass bei Prävention und Behandlung der Malaria gespart wird. Wir brauchen weiter Moskitonetze und Medikamente."

Mit Material von dpa