Medizin Kritik an Verbot von Tierversuch-Kosmetika

In der EU dürfen ab sofort keine Kosmetikprodukte mehr verkauft werden, die mit Hilfe von Tierversuchen hergestellt wurden. Tierschützer feiern die Neuregelung, doch aus der Wissenschaft kommt auch Kritik. Ein Forscher spricht gar von einem Versuch am Menschen.
Labormaus: EU hat Kosmetika verboten, die mit Hilfe von Tierversuchen produziert wurden

Labormaus: EU hat Kosmetika verboten, die mit Hilfe von Tierversuchen produziert wurden

Foto: Iemm/Münster / picture-alliance/ dpa

Schadet eine Creme der Haut? Löst ein Shampoo eine Allergie aus? Über Jahrzehnte wurde die Sicherheit von Kosmetika auch in der EU in Tierversuchen überprüft. Das ist nun endgültig vorbei: Seit Montag dürfen in der Europäischen Union keine Kosmetikprodukte mehr verkauft werden, deren Inhaltsstoffe an Tieren getestet wurden. Tierschützer reagierten erleichtert, doch aus der Wissenschaft wird Kritik laut.

Bemängelt wird unter anderem, dass alle an Tieren getestete Kosmetika oder deren Inhaltsstoffe von dem Verbot betroffen sind - "egal, ob es valide Alternativmethoden gibt", sagt Axel Schnuch vom Informationsdienst Dermatologischer Kliniken (IVDK). Das könne dazu führen, dass Stoffe eingesetzt werden, deren Unbedenklichkeit nicht erwiesen ist, oder dass neue Substanzen gar nicht erst verwendet werden.

Denn um zu überprüfen, ob ein Stoff Allergien oder Krebs auslösen kann oder die Fortpflanzungsfähigkeit beeinträchtigt, gibt es nach Ansicht verschiedener Experten keine brauchbaren Alternativen zu Tierversuchen. Auch eine Untersuchung der EU  kam 2011 zu diesem Schluss - weshalb das nun in Kraft getretene Verbot einige Zeit auf der Kippe stand.

Schnuch, der bis 2010 Mitglied der Kosmetikkommission am Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) war, sieht darin ein Problem. Die neue Regelung schreibt nicht vor zu prüfen, wie sich das Gesundheitsrisiko für den Menschen durch neue Substanzen ändert, die nicht mehr auf die alte Art getestet würden. "In den EU-Staaten, auch in Deutschland, findet ein Humanexperiment im großen Stil statt", so der Dermatologe. "Und niemandem wird es auffallen, wenn etwa die Krebs- oder Allergiezahlen durch mangelhaft geprüfte Produkte steigen." Das sei, als würde man ein Testflugzeug starten lassen, aber nicht überprüfen, ob es ohne Schäden am Boden ankommt.

Drei Millionen Versuchstiere jährlich

Allerdings: Für die meisten Verträglichkeitstests von Kosmetika gibt es gute Alternativen zu Tierversuchen - etwa Zellkulturen, um Hautreizungen zu vermeiden. Sorgen machen müssen sich die Verbraucher deshalb nicht, wie Schnuch einräumt: "Ich gehe davon aus, dass ein verantwortungsbewusster Hersteller sich kaum auf nicht ausreichend validierte Alternativmethoden verlassen wird und im Zweifel lieber auf eine Neuentwicklung eines Stoffes verzichtet."

Bereits seit 2004 dürfen fertige Kosmetikprodukte in der Europäischen Union nicht mehr an Tieren getestet werden. Die deutsche Kosmetikindustrie verzichtet nach eigenen Angaben seit 1989 freiwillig auf diese Tests. 2009 trat ein Verbot in Kraft, dass es in der EU auch verbietet, einzelne Inhaltsstoffe von Kosmetikprodukten im Tierversuch zu prüfen. Für die drei Endpunkte Allergie, Krebs oder Fortpflanzungsschäden gab es allerdings noch eine Ausnahmeregelung, wenn der Tierversuch außerhalb der EU durchgeführt wurde. Dieses Schlupfloch ist seit Montag gestopft.

Die Kosmetikindustrie sieht durch die Regelung ihre Innovationsfähigkeit gefährdet. Tierschutzorganisationen aber zeigen sich zufrieden - und fordern weitere Maßnahmen. So dürfen Stoffe, die nicht nur in Kosmetika, sondern auch in anderen Produkten vorkommen, im Rahmen der standardmäßigen Chemikalienprüfung weiterhin an Tieren getestet werden. Zudem gingen die Versuche im außereuropäischen Ausland weiter. Die Gesamtzahl der Tierversuche ist zuletzt keinesfalls gesunken. In Deutschland etwa wurden 2011 knapp drei Millionen Tiere in Experimenten eingesetzt.

Grundlegend problematisch bei der Entwicklung von Ersatzmethoden zum Tierversuch ist, dass sie danach bewertet werden, wie nahe ihre Ergebnisse denen von Tierversuchen kommen - und zwar unabhängig davon, ob diese Fehler aufweisen. Schon länger beklagen Forscher, dass manche eigentlich geeigneten Alternativmethoden nicht zugelassen werden,weil sie nicht genau genug mit dem mangelhaften Tiermodell übereinstimmen.

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