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Verschwendung: Kostensparer der Krankenkassen verschwenden Millionen für untaugliche Software

Foto: Patrick Pleul/ dpa

Krankenkassen Medizinischer Dienst verschwendet Millionen für untaugliche Software

Rund sechs Millionen Behandlungen prüfen die Medizinischen Dienste der Krankenkassen jedes Jahr. Eine neue Software sollte helfen, die Datenmengen zu bewältigen. Mehr als 23 Millionen Euro an Beitragsgeldern sind bislang in das Programm geflossen - doch es funktioniert nicht.

Das junge Mädchen, das vor einigen Monaten in einem Krankenhaus in der Nähe von Mannheim behandelt wurde, litt an "Morbus Ledderhose": An ihrer Fußsohle hatten sich Knoten im Bindegewebe gebildet, die beim Gehen unangenehm schmerzten. Zwei Tage lang blieb sie im Krankenhaus. Dann wurde ihr die Drainage, die das Wundsekret ableiten sollte, gezogen, und sie wurde nach Hause entlassen.

"I20E" rechnete das Krankenhaus dafür als sogenannte Fallpauschale oder Diagnosis Related Group (DRG) mit der Krankenkasse ab. 2718,40 Euro wurden der Klinik für die Behandlung überwiesen. Doch den Mitarbeitern der Krankenkasse kamen bei der Überprüfung Zweifel. War es wirklich gerechtfertigt, die Patientin gleich zwei Tage lang in der Klinik zu behalten? Immerhin: Es geht um eine Differenz von 986,30 Euro.

Die Krankenkasse beauftragte den für ihre Region zuständigen Medizinischen Dienst der Krankenversicherung (MDK),  den Fall zu überprüfen. Und tatsächlich: Es stellte sich heraus, dass die Ärzte keinen genauen Grund dokumentiert hatten, warum sie die Drainage erst am zweiten Tag entfernt hatten. Der Fall wurde vom MDK beanstandet. Wenn das Krankenhaus nicht erfolgreich Widerspruch einlegt, muss es die 986,30 Euro an die Krankenkasse zurückzahlen.

Allein 2010 wurden 1,5 Milliarden Euro zu viel gefordert

Die Prüfungen des MDK sind Fließbandarbeit - rund sechs Millionen Aufträge waren 2012 zu bewältigen, durchschnittlich braucht ein Gutachter für einen Krankenhausfall schätzungsweise zwischen zehn und 30 Minuten - aber der Aufwand lohnt sich: Der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen  schätzte für das Jahr 2010, dass allein die Krankenhäuser den Krankenkassen etwa 1,5 Milliarden Euro zu viel in Rechnung stellten.

Wichtigste Voraussetzung dafür, die riesigen Datenmengen, die bei den zahllosen Prüfungen anfallen, zu bewältigen, ist jedoch ein schnell und zuverlässig funktionierendes Computerprogramm. Darum beschlossen vor rund zehn Jahren elf der Medizinischen Dienste, gemeinsam eine neue, moderne Branchen-Software für ihre Arbeit entwickeln zu lassen. Den Auftrag bekam eine ehemalige Tochterfirma von Siemens.

Rund 23 Millionen Euro an Krankenkassen-Beitragsgeldern sind seitdem nach einer konservativen Schätzung des MDK Nord in das Programm ISmed 3 (Informationssystem der Medizinischen Dienste) investiert worden. Indes - funktionieren tut es immer noch nicht richtig.

Experten schreiben Brandbrief

In einem Brandbrief begleitet von einem Forderungskatalog aus 16 Punkten, der SPIEGEL ONLINE vorliegt, geißelte der Geschäftsführer des MDK Nord bereits im Dezember vergangenen Jahres das offensichtliche EDV-Desaster. Die 23 Millionen Euro stünden "in keinem Verhältnis zu den erbrachten Leistungen und widersprechen unseren Erwartungen an eine Software und IT-Struktur mit ausreichender Flexibilität und Funktionalität".

Brandbrief (Auszug): Der MDK Nord schlägt Alarm

Brandbrief (Auszug): Der MDK Nord schlägt Alarm

Da inzwischen eine französische Firma der Eigentümer sei, so Siemens, könnten "trotz intensiver interner Recherche" die Fragen von SPIEGEL ONLINE leider nicht beantwortet werden. Die "Praxistauglichkeit dieses Informationssystems" stehe "nicht zur Diskussion", entgegnete der Vorsitzende der ISmed-Gemeinschaft, Reiner Kasperbauer. Dennoch gab der MDK Sachsen-Anhalt im März dieses Jahres die Arbeit mit ISmed 3 frustriert auf und verwendet seitdem notgedrungen wieder das Vorgängerprogramm ISmed 2. In einem zehnseitigen Arbeitspapier, das SPIEGEL ONLINE vorliegt, dokumentierte der Dienst seine vernichtende Kritik.

Problem unter den Teppich gekehrt

So sei die Entwicklung der ISmed-3-Software begleitet worden von "Stabilitätsproblemen des Systems und durch Siemens verantwortete Verzögerungen bei der Programmierung". Erst sechs Jahre nach der Auftragserteilung sei das Programm für den ambulanten Bereich einsatzfähig gewesen. Auf die flächendeckende Freigabe der Software für den stationären Bereich warten die MDKen bis heute.

ISmed 3: Kritik von allen Seiten

ISmed 3: Kritik von allen Seiten

Als im April und Mai das Branchenblatt "Dienst für Gesellschaftspolitik" genüsslich über das Software-Debakel berichtete, war das Problem endgültig nicht mehr unter den Teppich zu kehren. Die Beschwerden aus Sachsen-Anhalt, schrieb Chefredakteur Wolfgang Lange, "dürfte ... einigen Entscheidungsträgern die Augen geöffnet haben". Vor allem dämmert den Verantwortlichen allmählich, dass es um mehr geht als um eine Posse. Notgedrungen greifen inzwischen mehrere MDKen wieder oder immer noch auf das Alt-Programm ISmed 2 zurück; oder sie nutzen sogar, wie der MDK Nord, statt ISmed 3 eine eigene Software-Entwicklung. Gezahlt wird also doppelt - und das mit den Geldern der Versicherten.

"Die aktuelle Lage von ISmed 3 und die parallel eingesetzten Produkte innerhalb und außerhalb der ISmed-Gemeinschaft", heißt es mahnend in einem Brief des Verbandes der Ersatzkassen an die beteiligten MDK-Geschäftsführer, "stellen eine Doppelfinanzierung über die Haushalte der MDK und damit einen unwirtschaftlichen Umgang mit Versichertengeldern dar."

Mit "Medikos" dauert es 43 statt 147 Tage

Entspannt zurücklehnen kann man sich indes in Rheinland-Pfalz. Dort hat man ISmed 3 niemals eingesetzt, sondern arbeitet seit jeher höchst erfolgreich und fast pannenfrei mit der selbst entwickelten Software Medikos. Statt durchschnittlich 147 Tage brauchte man dort 2012 lediglich 43 Tage, bis ein Prüfauftrag im Krankenhaus-Bereich von Anfang bis Ende erledigt war. Warum es die anderen MDKen 2003 ablehnten, Medikos zu übernehmen und warum man sich stattdessen für die deutlich teurere Neuprogrammierung von ISmed 3 entschied, ist dort allen ein Rätsel.

Auch Ulrich Striegel, der als Medizincontroller am Evangelischen Krankenhaus Zweibrücken mit verschiedenen Medizinischen Diensten zu tun hat, ist mit der Arbeit der Gutachter aus Rheinland-Pfalz sehr zufrieden: "Sie kommen zur Besprechung der Fälle zu mir ins Krankenhaus. Alles läuft sehr zügig und fair ab." Für andere Medizinische Dienste hingegen müsse er seitenweise Krankenakten kopieren und verschicken. "Und dann hören wir erst einmal lange nichts." Auch Widersprüche des Krankenhauses könnten, wenn man nicht aufpasse, "im Nirwana verschwinden".

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