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12. August 2016, 14:24 Uhr

Erklärungsversuch

Warum Brustkrebs häufiger ist als Herzkrebs

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Darm und Brust sind häufig von Krebs befallen, Herz und Hirn dagegen so gut wie nie. Warum? Forscher versuchen, das Rätsel zu ergründen.

Brustkrebs, Darmkrebs und Lungenkrebs gehören zu den häufigsten Krebserkrankungen in Deutschland. Verantwortlich dafür sind teils ungesunde Verhaltensweisen wie Rauchen, Alkoholkonsum und eine einseitige Ernährung. Aber eben nur in Teilen.

Warum manche Organe, unabhängig von ungesundem Verhalten oder Vorerkrankungen, anfälliger für Krebs sind, stellt Forscher vor Rätsel. Frédéric Thomas vom Centre for Ecological and Evolutionary Research on Cancer in Montpellier und Kollegen präsentieren nun eine neue Theorie: Sie vermuten, dass sich im Zuge der Evolution besonders krebsresistente Herzen und Gehirne durchgesetzt haben, weil diese Organe lebenswichtig sind.

Wer Krebs am Herzen hatte, starb demnach schnell und vererbte die Eigenschaft nicht an nachfolgende Generationen. Gleiches gelte bei Tumoren in kleinen Organen, die nur einmal im Körper vorkommen, weil die Wucherungen dort besonders fatal sind, spekulieren die Forscher im Fachmagazin "Trends in Cancer". In großen Organen, wie der Haut oder dem Dickdarm, hätte sich der Schutz dagegen nicht durchgesetzt.

Kritik an der Theorie: Krebs ist eine Alterskrankheit

"Wir sagen nicht, dass die Evolution der wichtigste Faktor ist, um die Unterschiede zu erklären", sagt Thomas. "Aber es ist einer, der mit anderen zusammenspielt." Forscher, die nicht an der Veröffentlichung beteiligt waren, sind da zurückhaltender.

Wichtigster Kritikpunkt: "Die meisten Krebsarten entstehen in fortgeschrittenem Alter, wenn die genetischen Grundlagen schon an die nächste Generation weitergegeben wurden", erklärt Hellmut Augustin, Leiter der Abteilung für vaskuläre Onkologie und Metastasierung am Deutschen Krebsforschungszentrum. Dass Krebs die Evolution der Organe beeinflusst hat, hält er für wenig wahrscheinlich.

Statt der Organgröße oder -wichtigkeit sei womöglich ein anderes Kriterium entscheidend dafür, dass Krebs in manchen Organen häufiger ist: die Art der Zellen. "90 Prozent der bösartigen Tumore sind Karzinome", so Augustin. Sie entstehen, wenn Zellen aus dem Deckgewebe von Haut und Schleimhäuten - sie umgeben viele Organe - entarten. Zu den Karzinomen zählt beispielsweise Krebs in der Leber, dem Magen, dem Darm, der Brust und der Niere.

Je teilungsfreudiger die Stammzellen, desto höher das Krebsrisiko

Viel seltener sind dagegen bösartige Veränderungen in Knochen, Knorpeln, Muskeln wie dem Herzmuskel, Fett und Bindegewebe, sogenannte Sarkome. Sie machen nur ein Prozent der Krebserkrankungen aus. Warum, ist nicht abschließend geklärt. Wahrscheinlich spielt aber eine weitere Beobachtung eine Rolle.

Grundsätzlich gilt: Gewebe, das sich häufig selbst erneuert, etwa im Dickdarm, entartet vergleichsweise leicht. "Dass bei der Zellteilung Fehler passieren, ist eigentlich ganz normal", sagt Augustin. Die meisten davon reparieren die Zellen eigenständig - oder sie sterben dadurch ab. Erst, wenn diese Kontrollmechanismen versagen, kann es passieren, dass sich fehlprogrammierte Zellen unkontrolliert vermehren und Krebs entsteht.

In der Regel sind Fehler in Stammzellen die Ursache für bösartige Wucherungen, also in langlebigen Zellen, die noch nicht vollständig entwickelt sind. Wie häufig sich Stammzellen teilen, ist jedoch nicht für alle Gewebe bekannt.

In einer Arbeit von Anfang 2015 hat der Krebsforscher Bert Vogelstein von der Johns Hopkins University in Baltimore die bekannten Stammzellteilungsraten zusammengetragen und mit der Krebshäufigkeit in verschiedenen Organen verglichen. Karzinome resultieren demnach häufig aus vergleichsweise aktivem Stammzellgewebe. Weit verbreitete Krebsarten wie Brust- oder Prostatakrebs fehlten bei der Untersuchung allerdings.

Wie häufig sich die Stammzellen in Geweben teilen, in denen die selteneren Sarkome entstehen können, ist kaum bekannt. Bei den wenigen veröffentlichten Untersuchungen - sie beziehen sich vor allem auf Knochengewebe - fand Vogelstein aber geringe Teilungsraten. Ob sie allein die unterschiedliche Häufigkeit von Karzinomen und Sarkomen erklären können, bleibt offen.

Einfach Pech gehabt?

Auf die Veröffentlichung der Studie folgte eine Debatte darüber, inwiefern man schlicht Pech hat, wenn man an Krebs erkrankt - besonders in anfälligen Organen wie Haut oder Darm. "Die Debatte erinnert ein wenig an die Diskussion um angeborene und erworbene Intelligenz", sagt Augustin. Für ihn ist die Sache klar: "Unabhängig davon, welche genetischen Voraussetzungen mein Kind mitbekommen hat, kann ich versuchen, es zu einem vernünftigen und gewissenhaften Menschen zu erziehen", sagt er.

Bezogen auf das Krebsrisiko gilt, dass einige Organe zwar anfälliger für bösartige Mutationen sind als andere. Ein Freifahrtschein für unbekümmerten Zigaretten- und Alkoholgenuss und Völlerei ist das aber nicht. Stattdessen lässt sich das erhöhte Tumorrisiko in den Organen durch eine gesunde Lebensweise, ausgewogene Ernährung und Bewegung zumindest reduzieren.


Zusammengefasst: Forscher spekulieren, dass in Organen wie dem Herzen nur äußerst selten Krebs entsteht, weil sie lebenswichtig sind. Im Zuge der Evolution hätten sich deshalb besonders resistente Exemplare durchgesetzt. Andere Forscher halten das für unwahrscheinlich. Plausibler scheint ihnen, dass Zellarten und Teilungsraten von Stammzellen in unterschiedlichen Organen die grundlegende Krebsgefahr bestimmen. Ungesunde Verhaltensweisen wie Trinken oder Rauchen bleiben in allen Szenarien ein Zusatzrisiko.

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