Coronavirus-Newsletter Wer wird der neue Helmut Schmidt?

Die Kanzlerin ist vorerst gesund und der Bund gibt Milliardenhilfen: Lesen Sie hier Ihre Zusammenfassung für den Abend.

Timo Lenzen/ DER SPIEGEL

Liebe Leserin, lieber Leser,

die Coronakrise überlagert in diesen Wochen alles. Verschwunden sind die anderen Themen, Konflikte und Wettbewerbe im politischen Berlin deshalb aber noch lange nicht. Verdeckt von der Großlage wirken sie unterschwellig weiter und scheinen von Zeit zu Zeit auf. Das gilt beispielsweise für die Frage, wer künftig die Regierungspartei CDU führen und - vielleicht noch wichtiger - wer für die Union ins Rennen um die Kanzlerschaft eintreten darf.

Ohne einem der offiziellen Bewerber - oder jenen, die sich offenbar für geeignet halten - persönliche Motive beim Management der Coronakrise zu unterstellen, denkt man die ungeklärte Machtfrage unweigerlich mit, wenn man auf die handelnden Personen schaut. So haben meine KollegInnen Lydia Rosenfelder, Veit Medick und Christoph Hickmann, bei ihren Recherchen bereits einen unionsinternen Machtkampf zwischen Armin Laschet und Markus Söder ausgemacht. In der Frage um den richtigen Umgang mit Ausgangssperren und Kontaktverboten soll es zwischen Söder und Laschet gekracht haben.

Söder hatte sich geweigert, im Sinne einer bundesweit einheitlichen Lösung von der härteren Gangart in Bayern abzurücken und gefällt sich zunehmend in der Rolle des obersten Krisenmanagers. Laschet, der zuletzt eher moderierend auftrat, wirkt dagegen zunehmend wie ein Getriebener, so die Beobachtung.

Die Versuchung, in Krisenzeiten aus der Position des Machers politisches Kapital zu schlagen, ist groß. Unvergessen bleibt die Rolle von Helmut Schmidt, der sich am frühen Morgen des 17. Februar 1962 über die geltende Rechtslage hinwegsetzte und das Militär zu Hilfe rief, als eine schwere Sturmflut über die norddeutsche Küste hereinbrach. Auch das in diesen Stunden erworbene Image trug ihn zwölf Jahre später ins Kanzleramt. Oder die erfolgreiche Profilierung von Gerhard Schröder als Krisenkanzler, der im Wahlkampf 2002 mit Gummistiefeln beschuht Betroffene des Elbe-Hochwassers besuchte.

Das ist nun in Zeiten des Kontaktverbots natürlich nur schwer möglich. Und statt Gummistiefeln wären Handschuhe und Mundschutz am ehesten das passende Outfit. Wem das wohl am besten steht?

Hier kommen die wichtigsten Entwicklungen des Tages:

Frisch verheiratet - und hoffentlich nicht frisch infiziert: Diego Fernandes und Deni Salgado aus Neapel, Italien, hätten wahrscheinlich auch nicht gedacht, dass ihre Hochzeit mal so aussehen würde. Vom Vermählt-Werden abhalten konnte das Virus sie dann allerdings auch nicht.

Frisch verheiratet - und hoffentlich nicht frisch infiziert: Diego Fernandes und Deni Salgado aus Neapel, Italien, hätten wahrscheinlich auch nicht gedacht, dass ihre Hochzeit mal so aussehen würde. Vom Vermählt-Werden abhalten konnte das Virus sie dann allerdings auch nicht.

Foto: Ciro de Luca/ REUTERS

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Hilfen für Firmen, Freiberufler, Kliniken: Bundesregierung beschließt umfangreiches Rettungspaket
Mit neuen Schulden in Höhe von 156 Milliarden Euro, Fonds, Krediten und Soforthilfen will die Bundesregierung die deutsche Wirtschaft in der Coronakrise stabilisieren. Das Kabinett hat die Maßnahmen nun verabschiedet.

Covid-19 in weltweiten Zahlen

  • Bestätigte Fälle: 353.692

  • Todesfälle: 15.430

  • Von der Krankheit genesen: 100.443

  • Deutschland: 22.672 bestätigte Erkrankte, 86 Todesfälle

Quellen: CSSE / Johns Hopkins University , Stand: 23. März 2020, 15:38 Uhr; Robert Koch-Institut, Stand: 23. März 2020, 9:00 Uhr

Hintergrund und Service

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Die Leserfrage

Regelmäßig beantworten wir hier eine Frage unserer Leserinnen und Leser zum Coronavirus. Heute die von Leserin Christine Hahn:

"Können keuchende Outdoor-Sportler, die mit dem Coronavirus infiziert sind, aber keine Symptome haben, das Virus über die Luft weitergeben?"

Die Antwort von Katherine Rydlink aus dem Gesundheitsressort des SPIEGEL:

"Um die Frage zu beantworten, muss man sich zunächst einmal die Übertragungswege von Sars-CoV-2 anschauen: 'Es kann davon ausgegangen werden, dass die hauptsächliche Übertragung über Tröpfchen erfolgt', schreibt das Robert Koch-Institut (RKI) auf seiner Website . 'Theoretisch möglich sind auch Schmierinfektion und eine Ansteckung über die Bindehaut der Augen.'

Dabei sind auch Fälle bekannt, in denen asymptomatische Patienten das Virus ausgeschieden haben sollen. Die Evidenz, also die Beweislage, für eine asymptomatische Übertragung ist laut RKI jedoch insgesamt schwach.

Bei einer Tröpfcheninfektion wird der Krankheitserreger über Speichel- oder Schleimtröpfchen beim Husten, Niesen oder beim Sprechen ausgeschieden und kann von einem anderen Menschen eingeatmet werden. Um sich davor zu schützen, empfiehlt das RKI, mindestens 1,5 Meter Abstand von seinen Mitmenschen zu halten.

In der Regel sind die Tröpfchen so schwer, dass sie unmittelbar nach dem Ausscheiden zu Boden sinken. Nun gibt es aber auch Erreger, die in Tröpfchen überdauern, die eine sehr geringe Größe haben (kleiner als 5 µm) und in sogenannten Aerosolen in der Luft schweben bleiben können. Eine Studie , die im 'New England Journal of Medicine' veröffentlicht wurde, hat belegt, dass Sars-CoV-2 bis zu drei Stunden in Aerosolen überdauern kann. Die Wissenschaftler schlussfolgern, dass ein solcher Übertragungsweg plausibel sein könnte. Es kommt jedoch auch darauf an, wie hoch die Viruslast in den Aerosolen ist und ob diese ausreicht, um einen anderen Menschen zu infizieren.

Das RKI schreibt, dass es bisher keine Evidenz dafür gibt, dass sich Menschen über Aerosole mit Sars-CoV-2 angesteckt haben. Da die Studienlage dazu jedoch noch recht dünn ist, kann die Möglichkeit auch nicht völlig ausgeschlossen werden.

Nun zurück zur ursprünglichen Frage: Angenommen, ein Jogger, der unwissentlich mit Sars-CoV-2 infiziert ist, geht laufen und stößt dabei geringe Mengen des Virus durchs Atmen aus. Die Tröpfchen müssten so klein sein, dass sie in Aerosolen in der Luft schweben bleiben. Die Viruslast in den Aerosolen müsste zudem ausreichen, um eine andere Person zu infizieren und sich in deren Rachen zu vermehren. Diese andere Person müsste noch dazu so viel Pech haben, genau diese winzigen Schwebeteilchen im richtigen Moment einzuatmen, bevor sie etwa von einem Windstoß davongetragen werden.

Ausgeschlossen werden kann dieser Übertragungsweg nach derzeitiger Studienlage also nicht. Es scheint jedoch sehr unwahrscheinlich, dass man sich auf diese Weise mit Covid-19 anstecken kann. Derartige Fälle sind derzeit nicht bekannt.

Davon abgesehen gilt auch beim Joggen: Bitte mindestens 1,5 Meter Abstand halten."

Wie geht es Ihnen?

Sie haben medizinische Fragen zum neuartigen Coronavirus oder möchten genauer wissen, welche wirtschaftlichen, politischen, gesellschaftlichen Auswirkungen die Krise für Deutschland und die Welt hat? Wir beantworten eine Auswahl von Leserfragen hier im Newsletter. Schreiben Sie uns an coronafragen@spiegel.de .

Alles Gute aus dem Homeoffice und bis morgen,

Ihr Kurt Stukenberg

Was Sie über das Virus wissen müssen

Alle Antworten auf die wichtigsten Fragen zum Coronavirus haben wir hier für Sie zusammengestellt. Weitere aktuelle Entwicklungen finden Sie auf SPIEGEL.de.