Mit künstlichen Antikörpern gegen Corona Wem das neue Medikament hilft – und wem nicht

Corona-Erkrankte sollen in Deutschland künftig mit künstlichen Antikörpern behandelt werden – trotz fehlender Zulassung. Die Chancen und Risiken der Mittel im Überblick.
Infusion (Symbolbild): Rund zwei Stunden dauert die Behandlung mit den Antikörper-Mitteln

Infusion (Symbolbild): Rund zwei Stunden dauert die Behandlung mit den Antikörper-Mitteln

Foto: imago images

Ihren größten Ruhm erhielten monoklonale Antikörper wohl durch Donald Trump. Nachdem er bei seiner Covid-19-Erkrankung mit einem Cocktail aus künstlichen Antikörpern behandelt worden war, erklärte er, alle Amerikaner sollten diese Therapie erhalten. Es handele sich nicht um ein Therapeutikum, sondern um ein Heilmittel.

Schon damals war klar, dass Trump massiv übertreibt. Trotzdem zählen monoklonale Antikörper zu den bislang wenigen Medikamenten, die das Coronavirus gezielt bekämpfen. Am Wochenende hat Gesundheitsminister Jens Spahn in der »Bild« verkündet , für Deutschland 200.000 Dosen der Mittel gesichert zu haben – trotz fehlender Zulassung. Ausgewählte Kliniken erwarten Anfang nächster Woche die erste Lieferung.

Was aber bringen die teuren Medikamente? Wem können sie helfen? Und wo liegen ihre Grenzen? Der Überblick.

Was sind monoklonale Antikörper?

Mittlerweile haben mehrere Pharmafirmen Arzneimittel mit monoklonalen Antikörpern entwickelt, die Covid-19-Erkrankten helfen sollen. Der Ansatz ist immer ähnlich: Forscher nutzen einen natürlichen Antikörper als Vorbild, etwa von einem Corona-Genesenen, entschlüsseln diesen im Labor und bauen ihn anschließend in großen Mengen nach.

»Die Medikamente sind nichts anderes als neutralisierende Antikörper, wie sie auch das Immunsystem bei einer Infektion entwickelt, nur dass sie künstlich hergestellt wurden«, sagt Clemens Wendtner, Chefarzt der Infektiologie an der München Klinik Schwabing.

Neutralisierende Antikörper verhindern, dass das Coronavirus in Zellen eindringen und sich vermehren kann. Wer etwa durch eine Impfung oder eine Erkrankung viele neutralisierende Antikörper besitzt, ist immun.

Welche Mittel genau hat Deutschland bestellt?

Konkret hat der Bund zwei Corona-Antikörper-Medikamente bestellt, für die es in den USA bereits eine Notfallzulassung gibt:

  • den Antikörper Bamlanivimab der Firma Eli Lilly sowie

  • die Antikörper Casirivimab/Imdevimab der Firma Regeneron, die zusammen verabreicht werden.

In der EU hat bislang keines der beiden Mittel eine Zulassung.

Für welche Patientinnen und Patienten sind Antikörper-Medikamente geeignet?

Nach derzeitigem Wissensstand helfen die Medikamente nur, wenn sie sehr früh eingesetzt werden – am besten innerhalb der ersten Tage nach Test oder Symptombeginn. Ziel ist, das Immunsystem bei der Bekämpfung des Virus zu unterstützen und dadurch einen schweren Krankheitsverlauf zu verhindern.

»Hat der Patient nach 10 oder 14 Tagen eigene Antikörper gebildet, bringen die Medikamente nichts mehr«, sagt Wendtner. Hinzu kommt, dass Antikörper gegen Entzündungen oder andere Folgen der Infektion nichts ausrichten können. »Man kann das mit einem brennenden Strohballen vergleichen«, sagt Wendtner. »Wenn er etwas kokelt, ist es noch sinnvoll, einen Eimer Wasser drauf zu schütten. Sobald er lichterloh brennt, ist es dafür zu spät.«

Auch die Notfallzulassungen in den USA beschränken sich auf den Einsatz bei Patientinnen und Patienten mit einer milden bis mittelschweren Covid-19-Erkrankung, die ein hohes Risiko für einen schweren Verlauf haben – sich zum Zeitpunkt der Therapie aber noch zu Hause befinden.

Wie wirksam sind die Medikamente wirklich?

»Die Medikamente könnten ein weiterer Baustein in der Bekämpfung der Pandemie sein. Wir erwarten aber keine ultimativen Heilsbringer«, sagt Marylyn Addo, Leiterin der Sektion Infektiologie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE).

Bekannt sind bislang die Ergebnisse von zwei Studien der Firmen Regeneron und Eli Lilly, bei denen Patientinnen und Patienten zu Beginn ihrer Erkrankung behandelt wurden. »Das primäre Ziel dieser Untersuchungen war eigentlich, nachzuweisen, dass die Medikamente die Viruslast signifikant senken«, sagt Wendtner. »Das ist nicht gelungen.«

Stattdessen werteten die Unternehmen aus, wie viele Menschen innerhalb von 28 Tagen nach der Behandlung mit den künstlichen Antikörpern so schwer erkrankten, dass sie in eine Klinik mussten. Bei dieser Auswertung zeigten die Medikamente Vorteile, als Vergleich diente die Behandlung mit einem Placebo:

»Die Hospitalisierungsrate ist allerdings ein etwas subjektives Kriterium«, sagt Wendtner. Ob eine Patientin oder ein Patient ins Krankenhaus kommt oder nicht, kann auch vom behandelnden Arzt abhängen, von den Wünschen des Erkrankten oder von den verfügbaren Kapazitäten.

Abgesehen davon laufen noch Studien, die herausfinden sollen, ob bereits im Krankenhaus aufgenommene Patienten seltener auf die Intensivstation verlegt werden müssen, wenn sie mit künstlichen Antikörpern behandelt wurden. Die Ergebnisse stehen noch aus.

Zumindest bei schwer Erkrankten scheint klar, dass die Mittel nicht helfen. Sowohl Eli Lilly als auch Regeneron haben entsprechende Untersuchungen abgebrochen, da es keine Hinweise auf eine Wirksamkeit gab.

Wer wird die Medikamente in Deutschland als Erstes erhalten?

Zunächst werden die Mittel nur ausgewählten Kliniken kostenlos zur Verfügung gestellt, dazu zählen unter anderem das UKE in Hamburg sowie die München Klinik, an der Clemens Wendtner arbeitet. »Die große Kunst wird sein, Patienten in einer so frühen Phase der Erkrankung zu erreichen«, sagt Wendtner. »Eigentlich müssten wir sie zu einem Zeitpunkt behandeln, zu dem sie normalerweise noch nicht in der Klinik sind.«

Denkbar ist aus Sicht des Mediziners etwa, Patientinnen und Patienten zu therapieren, die aufgrund eines Schlaganfalls oder einer anderen Erkrankung in die Klinik kommen und zufällig positiv auf Sars-CoV-2 getestet werden. »Ein anderes Szenario wäre, Klinikmitarbeiter zu behandeln, die etwa durch Diabetes oder starkes Übergewicht ein höheres Risiko für einen schweren Verlauf haben und zum Beispiel im Rahmen eines Ausbruchgeschehens in der Klinik positiv getestet wurden«, sagt Wendtner.

Sollten sich die Medikamente bewähren, geht der Arzt davon aus, dass die Mittel auch im ambulanten Bereich eingesetzt werden. Dann allerdings kommt es zu neuen, ganz praktischen Herausforderungen: Antikörper-Medikamente werden per Infusion verabreicht, Wendtner spricht von zwei Stunden reiner Behandlungszeit. Dass Infizierte für diese Therapie in eine Hausarztpraxis kommen, lässt sich nach dem Infektionsschutzgesetz kaum umsetzen.

»Dafür müssten die Patienten mit einem speziellen Infektionsfahrzeug abgeholt und wieder zurückgebracht werden, außerdem müssten sie in der Praxis unter entsprechenden Vorsichtsmaßnahmen isoliert und behandelt werden«, sagt Wendtner. Vorstellbar sei aber, dass Mediziner etwa bei einem Ausbruch in einem Altenheim positiv Getestete vor Ort behandelten, auch, um die Kliniken zu entlasten.

Welche Risiken haben die Mittel?

Wie bei jeder medizinischen Behandlung besteht auch bei monoklonalen Antikörpern das Risiko für Nebenwirkungen. So können etwa die Antikörper von Regeneron laut der amerikanischen Arzneimittelbehörde FDA einen anaphylaktischen Schock, also eine schwere allergische Reaktion, auslösen. Auch Fieber, Schüttelfrost sowie Jucken oder Rötungen der Einstichstelle sind demnach möglich.

Die Mittel sind teuer – oder im Verhältnis zu einer Intensivbehandlung doch günstig?

Die Produktion von monoklonalen Antikörpern ist aufwendig, aus diesem Grund sind sie auch sehr teuer. Laut Spahns Aussagen in der »Bild am Sonntag« hat der Bund für 200.000 Dosen der Mittel 400 Millionen Euro bezahlt –eine Dosis kostet also im Schnitt 2000 Euro. Pro Person sind in der Regel zwei Behandlungen notwendig.

Sollte es durch den Einsatz tatsächlich gelingen, einen schweren Verlauf und eine Krankenhauseinweisung oder eine Behandlung auf der Intensivstation abzuwenden, würde sich die Therapie dennoch auszahlen – zusätzlich zum enormen individuellen Nutzen für die Betroffenen.

Laut einer aktuellen Auswertung der AOK kostet die Versorgung eines Covid-Patienten im Krankenhaus im Schnitt 11.400 Euro. Müssen die Erkrankten beatmet werden, liegen die Ausgaben der Krankenkasse bei durchschnittlich 41.300 Euro.

Welche Mengen der Mittel stehen zunächst zur Verfügung?

Die 200.000 Dosen sind zwar bestellt, müssen aber noch geliefert werden. Wendtner geht davon aus, dass seine Klinik Anfang nächster Woche die erste Lieferung bekommt, zunächst 100 Dosen. »Für den Start ist das aber gar nicht schlecht, vor allem, weil ja nur ein sehr kurzes Zeitfenster im Rahmen der Erkrankung existiert, in dem die Therapie sinnvoll ist«, sagt er.

Die Medikamente sind in der EU noch nicht zugelassen. Was bedeutet das?

Normalerweise werden Nutzen und Risiken von Medikamenten in Studien streng überprüft, bevor sie zugelassen werden und auf den Markt kommen. In Ausnahmesituationen erlaubt das Arzneimittelgesetz Medizinern jedoch, Medikamente nach eigenem Ermessen außerhalb der Zulassung anzuwenden.

»Der Arzt geht damit dann aber auch in die volle Haftung«, sagt Wendtner. »Das ist bei den Mitteln nicht ohne. Es gab bereits Unverträglichkeitsreaktionen bis hin zur Anaphylaxie«. Dabei handelt es sich um eine schwere allergische Reaktion, die lebensbedrohlich werden kann, sich aber bei einem schnellen Eingreifen der Ärzte auch gut behandeln lässt.

Es zähle zum Standard, die Patientinnen und Patienten darüber aufzuklären, sagt Wendtner. Diese unterzeichneten anschließend auch eine entsprechende Erklärung.