Großstudie Psychische Leiden zeigen gemeinsame Merkmale im Erbgut

Autismus, ADHS, Depression: Unterschiedliche psychische Krankheiten haben gemeinsame genetische Merkmale - das zeigt eine Studie mit 61.000 Teilnehmern. Offenbar regulieren die Gene Signale zum Gehirn.
Psychische Leiden: Unterschiedliche Symptome, gemeinsame genetische Merkmale

Psychische Leiden: Unterschiedliche Symptome, gemeinsame genetische Merkmale

Foto: dapd

Hamburg - Die häufigsten psychischen Störungen haben gemeinsame genetische Merkmale, die im Erbgut von Betroffenen verankert sind. Für die bislang umfassendste Studie zu psychischen Erkrankungen haben Wissenschaftler in 19 Ländern die Genome von 61.000 Testpersonen analysiert. Viele Probanden litten an häufigen psychischen Störungen wie Autismus, ADHS, einer bipolaren Störung, Depression oder Schizophrenie.

Das Ergebnis der Untersuchung überraschte die Forscher: Sie fanden vier Regionen auf dem genetischen Code, bei denen Veränderungen mit allen fünf psychischen Erkrankungen in Zusammenhang standen. Das berichtet das Team um Jordan Smoller vom Massachusetts General Hospital im Fachjournal "The Lancet ".

Von besonderem Interesse waren Störungen in zwei Genen, die den Kalziumfluss in Hirnzellen regulieren und damit die Signale zwischen Neuronen wesentlich kontrollieren. Dies deute darauf hin, dass die Veränderung einer grundlegenden Hirnfunktion ein früher Einflussfaktor sein könnte, der Menschen anfälliger für psychische Störungen macht, schreiben die Forscher.

Ausgangspunkt für künftige Therapien

"Die Störungen, die wir für ziemlich unterschiedlich hielten, sind möglicherweise doch nicht so scharf gegeneinander abgegrenzt", sagt Smoller. Diese Erkenntnis habe Auswirkungen auf die Art und Weise, wie psychische Leiden diagnostiziert werden, ergänzt Bruce Cuthbert vom National Institute on Mental Health der Vereinigten Staaten.

Die Befunde stützen die Annahme, dass sich die Symptome psychischer Störungen überschneiden können. So könnten beispielsweise Menschen mit Schizophrenie unter Umständen ebenso im sozialen Abseits stehen, wie dies für Autisten charakteristisch ist. Zudem litten Betroffene nicht selten an mehr als einer psychischen Störung.

Die Studie liefere Ausgangspunkte für künftige Therapien, sagt Cuthbert. In anderen Körperregionen können Kalzium-Signalwege mit Medikamenten beeinflusst werden, um beispielsweise Bluthochdruck zu behandeln. Forscher könnten untersuchen, ob auf ähnliche Weise auch psychische Erkrankungen behandelbar sind.

Anders als bei körperlichen Krankheiten müssen sich Mediziner bei der Diagnose psychischer Krankheiten jedoch einzig auf Symptome verlassen, auf die sich Experten als Erkennungsmerkmale geeinigt haben. Das neue Wissen über die genetischen Grundlagen könnte aber womöglich künftig dabei helfen, Symptome einzuordnen. "Wenn wir richtige Diagnosen stellen und Menschen effektiv behandeln wollen, müssen wir ein besseres Verständnis dafür entwickeln, was da eigentlich biologisch falsch läuft", erklärt Cuthbert.

Für Betroffene ergibt sich aus dem Studienergebnis zunächst kein direkter Nutzen. Mediziner glauben, dass solche Krankheiten aus einem komplexen Zusammenspiel zahlreicher Gene und anderer Risikofaktoren entstehen. "Viele Wege sind denkbar, die zu diesen Krankheiten führen", warnt Smoller vor voreiligen Schlüssen.

twn/ap
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