Langstreckenläufer Kenianer verbrauchen weniger Sauerstoff

Afrikanische Langstreckenläufer dominieren internationale Wettbewerbe. Bayreuther Forscher haben jetzt Sportler aus Kenia untersucht. Das Ergebnis: Sie verbrauchen weniger Sauerstoff für weniger Muskeln - und das ist noch nicht alles.


Bayreuth - Wieder waren es die Männer aus Afrika, die ihren Kontrahenten beim Langstreckenlauf in Berlin davonliefen: Kenenisa Bekele aus Äthiopien siegte am Montag über die 10.000-Meter-Distanz, Zweiter wurde Zersenay Tadese aus Eritrea, Dritter Micah Kipkemboi Kogo aus Kenia.

Warum der Rest der Welt meist nur geringe Chancen gegen die Superläufer aus Afrika hat, beschäftigt Wissenschaftler schon lange. Bayreuther Forscher haben nun eine weitere Erklärung für das Phänomen gefunden - und die hängt mit der besonderen Muskelökonomie der Sportler zusammen.

Für seine Untersuchung hat das Team um Walter Schmidt, Leiter der Abteilung für Sportmedizin und Sportphysiologie an der Universität Bayreuth, zehn kenianische Langstreckenläufer der Weltspitze und eine Vergleichsgruppe mit deutschen Sportlern untersucht. Die Kenianer trainierten normalerweise im Hochland in 2100 Metern über dem Meeresspiegel. Da in dieser Höhe der Sauerstoffgehalt deutlich geringer ist, bildet der Körper mehr rote Blutkörperchen und den Farbstoff Hämoglobin, um mehr Sauerstoff transportieren zu können.

In Bayreuth liefen die Kenianer hingegen nur auf einer Höhe von 350 Metern. Die Analysen zeigten überraschenderweise jedoch, dass der Hämoglobingehalt in den Blutkörperchen der Kenianer genauso hoch war wie bei der deutschen Vergleichsgruppe. Im Lauf der Zeit fiel der Wert sogar darunter, auch das Herzvolumen der Afrikaner war eher kleiner.

Bislang waren Sportwissenschaftler davon überzeugt, dass ein größeres Herz, höheres Blutvolumen und besserer Sauerstofftransport den kenianischen Läufern ihre außergewöhnlichen Leistungen ermöglichen. Die Bayreuther zeigten nun jedoch, dass die optimal auf die Laufbelastung abgestimmte Muskelmasse der Kenianer für deren Erfolge verantwortlich ist.

"Wir haben festgestellt, dass Kenianer bei Geschwindigkeiten von über 18 Stundenkilometern ökonomischer laufen", sagte die Sportmedizinerin Nicole Prommer. "Afrikaner brauchen für eine gewisse Geschwindigkeit weniger Sauerstoff für ihre Muskulatur." Die Männer sind meist sehr schlank, haben vergleichsweise wenig Muskelmasse und wenig Fettgewebe im Körper. Dementsprechend benötigen sie auch weniger Sauerstoff als ihre Kontrahenten. Die Muskelmasse sei optimal auf die Belastung bei andauerndem Laufen abgestimmt. Es werde kein Sauerstoff für Muskelgruppen benötigt, die nicht an der Fortbewegung beteiligt seien.

"Der Ansatz ist interessant und richtig", kommentiert Jochen Mester, Leiter des Instituts für Trainings- und Bewegungslehre an der Sporthochschule Köln, die Ergebnisse aus Bayreuth. Allerdings sei allein auf diese Weise nicht erklärbar, warum so viele Spitzen-Langstreckenläufer aus Ost- und Westafrika kommen. Entscheidend sei auch, wie die Muskelfasern zusammengesetzt sind, ob der Läufer mehr langsame oder mehr schnelle Zuckungsfasern habe. "Zudem unterscheiden sich die Stoffwechselwege, mit denen Energie bereitgestellt werden kann", sagte Mester zu SPIEGEL ONLINE. "Und es gibt ganz eindeutig individuelle Voraussetzungen. Nicht jeder Kenianer ist ein geborener Langstreckenläufer."

Zudem sei das Höhentraining durchaus von großer Bedeutung - auch wenn der Hämoglobinspiegel bereits nach rund zwei Wochen wieder absinke. "Der Sauerstoffmangel in der Höhe führt zu einer verstärkten Produktion von Gefäßen, die wiederum die Durchblutung verbessern", so der Wissenschaftler. Seiner Meinung nach gibt es nicht einen Faktor, der die Leistungen der Afrikaner erkläre, sondern zahlreiche. "Und wir kennen leider noch längst nicht alle", sagt Mester. "Biologie ist manchmal ganz schön kompliziert."

hei/dpa



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