Traum vom ewigen Leben Wie alt können Menschen werden?

Der Mensch konnte das Leben von Tieren erheblich verlängern, nun ist er selbst dran. Biomediziner Joris Deelen erklärt, wo wir im Streben nach ewigem Leben stehen.
Ein Interview von Julia Köppe
2017 lebten 16.500 Hundertjährige in Deutschland, im Jahr 2000 waren es noch 5937

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Foto: Lucy Lambriex / Getty Images

»Amen, amen, ich sage euch: Wer mein Wort hört und dem glaubt, der mich gesandt hat, hat das ewige Leben; er kommt nicht ins Gericht, sondern ist aus dem Tod ins Leben hinübergegangen.« (Evangelium nach Johannes, Kapitel 5)

SPIEGEL-Serie über Wunder und die Chance, dass sie eines Tages wahr werden
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Jonas Hoffmann / EyeEm / Getty Images

»Der Glaube an Wunder verliert gegenüber dem Fortschritt der Wissenschaft immer mehr Boden, und es ist nur eine Frage der Zeit, bis er ganz verschwunden ist«, sagte einst der berühmte Physiker Max Planck. Hat er recht? Was Forschende über Wunder sagen – und welche biblischen Verheißungen wahr werden könnten. Hier können Sie alle Teile der SPIEGEL-Serie lesen:

Teil 1: Schöpfung

Teil 2: Blinde sehend machen

Teil 3: Sättigung der Welt

Teil 4: Ewig Leben

SPIEGEL: Herr Deelen, wohl kein Mensch ist je so alt geworden wie Jeanne Calment. Die Französin starb 1997 mit 122 Jahren. Dass jemand so alt wird, wollen einige nicht glauben. Russische Forscher witterten gar einen Schwindel. Doch Dokumente sprechen für Calments hohes Alter, und auch andere Menschen haben ihren 100. Geburtstag um mehr als ein Jahrzehnt überlebt. Wie ist das möglich?

Deelen: Solche sehr hochbetagten Menschen leben meist nicht nur länger, sondern bleiben auch länger gesund. Wir vermuten, dass diese Menschen genetische Besonderheiten haben, die sie vor altersbedingten Krankheiten schützen und suchen gezielt danach. Auch bestimmte Biomarker im Blut können anzeigen, wie schnell jemand altert. Unser Ziel ist es, diese Anzeichen zu erkennen und gegebenenfalls einzugreifen, um jedem Menschen ein möglichst langes, gesundes Leben zu ermöglichen.

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K.Link / Max Planck lnstitute for Biology of Aging

Joris Deelen, geboren 1985, leitet eine Forschungsgruppe am Max-Planck-Institut für die Biologie des Alterns in Köln. Er erforscht, warum einige Menschen gesünder alter als andere und welche Therapien sich daraus ergeben könnten.

SPIEGEL: Calment selbst soll ihr hohes Alter unter anderem auf Knoblauch und Portwein zurückgeführt haben. Außerdem rauchte sie fast ihr Leben lang, erst mit 117 Jahren versuchte sie aufzuhören und wurde rückfällig. Ist das ein Rezept für ein langes Leben?

Deelen: Mit 122 Jahren ist Frau Calment ein Ausreißer in der Statistik. Die mittlere Lebenserwartung ist in den vergangenen Jahrzehnten jedoch kontinuierlich gestiegen. Mit Portwein oder gar Rauchen hat das ziemlich sicher nichts zu tun, im Gegenteil. Wer sich gesund ernährt und Sport treibt, hat deutlich höhere Chancen auf ein langes – und das ist wahrscheinlich mindestens genauso erstrebenswert – gesünderes Leben.

SPIEGEL: Das Christentum und andere Religionen stellen Gläubigen ewiges Leben in Aussicht. Wäre das aus wissenschaftlicher Sicht überhaupt möglich?

Deelen: Einige Forscherinnen und Forscher gehen davon aus, dass schon jetzt Menschen leben, die 200 Jahre alt werden können. Ich bin da etwas skeptischer. Im Moment sind wir dabei, dass Maximale aus unserer natürlichen Lebensspanne herauszuholen, indem wir die Umwelt an unsere Bedürfnisse anpassen und neue Behandlungsmethoden entwickeln. Dadurch konnten wir die Lebenserwartung deutlich erhöhen. Altersrekorde sind nicht im gleichen Maße gestiegen. Das spricht dafür, dass wir uns allmählich der natürlichen maximalen Lebensspanne nähern. In einigen Ländern wie den USA stagniert die Lebenserwartung bereits oder ist sogar leicht rückläufig.

SPIEGEL: Viel mehr ist also nicht möglich?

Deelen: Wir haben nur einen Körper und wenn dessen Reserven erschöpft sind, müssen wir unweigerlich sterben. Entscheidend wird deshalb sein, ob wir in der Lage sind, die natürliche Lebensspanne weiter auszureizen. In Tiermodellen ist das bereits gelungen. Die Lebensspanne bei Würmern stieg um 200 Prozent, wenn ihre Kalorienzufuhr drastisch reduziert wurde. Das Leben von Mäusen konnte so im Schnitt immerhin um 50 Prozent verlängert werden. Und es gibt viele weitere Ansätze. Wir erforschen beispielsweise, wie sich der Insulinstoffwechsel auf das Altern auswirkt. Unklar ist, ob sich diese Erkenntnisse aus den Tiermodellen auf den Menschen übertragen lassen.

SPIEGEL: Forscher konnten jüngst Zellen von Mäusen verjüngen, die Tiere konnten dadurch wieder besser sehen. Klingt nach einem Wunder, oder?

Deelen: Wunder sind ja eher etwas Unerklärliches, das Wissenschaft per se ausschließt. Ich würde von einem Durchbruch sprechen. Wenn andere Forschungsteams zu ähnlichen Ergebnissen kommen, wäre das bemerkenswert. Wenn es uns dann noch gelingt, menschliche Zellen in einen früheren Entwicklungsstand zurückzuversetzen, also unsere epigenetische Uhr zurückdrehen, könnten wir durch den Alterungsprozess geschädigtes Gewebe womöglich wieder heilen.

SPIEGEL: Könnte man nicht auch den kompletten Menschen verjüngen?

Deelen: Sie werden sicher Forscherinnen und Forscher finden, die das für möglich halten. Ich fände Therapien aber erstrebenswerter. Was nützt es uns, wenn wir die Zellen in unserem Gehirn verjüngen? Wir wissen gar nicht, was das für Auswirkungen hätte. Gehirnzellen sind eng miteinander vernetzt und Teil des kompliziertesten Organs unseres Körpers. Was wäre, wenn eine Verjüngung einzelner Zellen unseren Verstand oder unsere Erinnerung beeinflussen würde? Wenn wir aber zum Beispiel geschädigte Leberzellen in einen gesünderen Ursprungszustand zurückversetzen können, wäre das ein großer Erfolg. Wir wollen das menschliche Leben nicht maximal verlängern, wir wollen vor allem erreichen, dass wir länger gesund leben.

SPIEGEL: Da klingen die Versprechen in der Bibel verlockender.

Deelen: (lacht) Das ewige Leben aus der Bibel findet ja nicht auf der Erde statt. Das kann die Wissenschaft nicht untersuchen.

SPIEGEL: Haben Sie Ihr Blut oder Genom darauf untersucht, ob Sie das Potenzial haben, lange zu leben?

Deelen: Unsere Forschung an Biomarkern zielt darauf ab, Tests zu entwickeln, die sinnvoll für Therapien sind. Sie sollten niemals darüber entscheiden, ob jemandem eine Behandlung vorenthalten wird, weil er wahrscheinlich nur ein kurzes Leben haben wird. Ich würde nur wissen wollen, wie meine Aussichten auf ein langes Leben sind, wenn ich daran noch etwas ändern kann. Ansonsten hätte ich nur eine Uhr, die sagt, wann ich wahrscheinlich sterbe. Was würde das nützen?