Corona-Inzidenzen über 100 Hohe Werte im Laschet-Land – nur leider die falschen

In Nordrhein-Westfalen liegt die Corona-Inzidenz wieder bei über 100, in Leverkusen sogar über 200. Ist im bevölkerungsreichsten Bundesland zu beobachten, wie es bald in ganz Deutschland aussehen könnte?
Gut gefüllte Einkaufszone in Düsseldorf (Anfang August)

Gut gefüllte Einkaufszone in Düsseldorf (Anfang August)

Foto: Michael Gstettenbauer / imago images

Die Corona-Inzidenz in Nordrhein-Westfalen ist wieder dreistellig und damit so hoch wie in keinem anderen Bundesland. Das Robert Koch-Institut (RKI) gab sie am Montagmorgen auf seiner Website  mit 103,3 an. Am Vortag waren es noch 99,2 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner binnen sieben Tagen gewesen, vor einer Woche lag der Wert noch bei 57,2. Die Zahlen zeigen klar: Das von Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) geführte Bundesland NRW befindet sich mitten im exponentiellen Wachstum.

Der Bundesschnitt lag am Montagmorgen bei 56,4 und damit wesentlich niedriger als im bevölkerungsreichsten Bundesland. Den zweithöchsten Wert unter den Bundesländern hat laut RKI Hamburg mit einer Inzidenz von 71,6. Sind die beiden Bundesländer die schwarzen Schafe der Republik oder zeigt sich dort nur, was uns demnächst wieder bundesweit erwarten wird?

Für die Berechnung des Infektionsgeschehens liegen dem SPIEGEL unterschiedliche Daten vor, es gibt nicht die eine wahre Inzidenz. Je nach Quelle variiert der Wert für ein und denselben Landkreis – wie auch in oben stehender Grafik. Die vom RKI veröffentlichte Inzidenz unterschätzt dabei das Infektionsgeschehen systematisch, das hat hauptsächlich mit den Meldeverzögerungen zu tun. Lesen Sie hier, wie der SPIEGEL auf seine Werte kommt.

Warum die Inzidenz ausgerechnet in NRW so hoch ist, ist nicht ganz klar. Inzwischen haben alle Kreise und kreisfreien Städte in NRW nicht nur die Schwelle von 35, sondern auch die Schwelle von 50 gerissen. In der Stadt Leverkusen stieg sie am Montag sogar über 200.

Hohe Zahlen wegen vieler Tests?

Die Verwaltung von Leverkusen führt laut der »Rheinischen Post«  die Zahlen darauf zurück, dass Familien sich vor allem bei Auslandsreisen mit dem Coronavirus angesteckt haben. Aufgrund der hohen Ansteckungsfähigkeit der Delta-Variante laufe die Virusübertragung im Familienverband höchst effizient, sagte demnach Amtsarzt Martin Oehler. Die Stadt verfolge zurzeit das Prinzip der aktiven Fallfindung: Alle Kontaktpersonen von Infizierten werden zweimal per PCR-Test getestet. Laut Oehler wurden so in der vergangenen Woche rund 20 Prozent der neuen Infektionsfälle an einem Tag gefunden. »Wenn man die 20 Prozent vom Inzidenzwert abzieht, ist unsere Spitzenposition schon wieder weg«, sagte er »RP-Online« zufolge.

Ob die hohen Fallzahlen tatsächlich nur auf die Teststrategie in Leverkusen zurückzuführen ist, bleibt fraglich. Offenbar ist die hohe Inzidenz jedoch nicht auf einzelne Ausbrüche oder Cluster zurückzuführen, wie es zuvor etwa in Lüneburg nach einer Abiturfeier beobachtet wurde.

Sind es also die Reiserückkehrer? Dafür spricht, dass auch in Hamburg und Berlin, wo die Inzidenzen ebenfalls weit über 50 liegen, die Sommerferien bereits zu Ende sind. Doch auch in Südbayern, wo die Ferien erst Mitte September enden, liegen die Inzidenzen in einigen Landkreisen wieder über 50. Und auch in Hessen, Schleswig-Holstein oder Baden-Württemberg zeigen die roten Flecken auf der Coronakarte einige Landkreise mit hohen Inzidenzen.

Die Vermutung liegt daher nahe, dass sich in NRW gerade eine andere Dynamik zeigt. Die hochansteckende Delta-Variante greift nun endgültig in Deutschland um sich. Die Zahlen steigen seit einigen Wochen in allen Bundesländern an – in einigen mehr, in anderen weniger stark – und eines ist immer der Spitzenreiter: Auch zu Beginn der Pandemie traf es vor allem NRW, nachdem im Kreis Heinsberg nach einer Karnevalsfeier der erste deutsche Corona-Hotspot entstanden war.

Die Delta-Variante breite sich laut RKI derzeit vor allem unter der jüngeren und ungeimpften Bevölkerung aus. Dennoch hält sich die Regierung derzeit mit der Wiedereinführung schärferer Maßnahmen zurück. Zudem sind die Menschen aufgrund der Sommerferien gerade besonders mobil. Es scheint daher nur eine Frage der Zeit, wann die Inzidenzen auch in anderen Bundesländern stärker steigen.

»NRW verliert die Kontrolle«

Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach äußerte sich auf Twitter besorgt über die Lage in Nordrhein-Westfalen: »NRW verliert die Kontrolle«, heißt es da. Und: »Wenn wir bis zur Bundestagswahl so weitermachen, werden in den nächsten fünf Wochen zu viele Menschen schwer erkranken. Wir sollten jetzt überall, wo möglich, auch die 2G-Regel anwenden.«

Empfohlener externer Inhalt
An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Twitter, der den Artikel ergänzt und von der Redaktion empfohlen wird. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.
Externer Inhalt

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Derzeit wird darüber debattiert, ob die sogenannte 3G-Regel ausreicht oder ob es einer 2G-Regel bedarf: 2G bedeutet, dass nur Geimpften oder Genesenen Zugang zu bestimmten Innenräumen gewährt wird, 3G schließt noch die frisch negativ Getesteten mit ein. Expertinnen und Experten sind sich uneinig, ob ein negatives Schnelltestergebnis ausreicht, um eine Infektion und damit die mögliche Weiterverbreitung des Virus zu vermeiden.

Die Frage nach 3G oder 2G ist längst eine politische: »2G wird so oder so ab einem bestimmten Zeitpunkt kommen«, sagte etwa CSU-Chef Markus Söder . Das würde auch den Druck auf Impfunwillige erhöhen, so der bayerische Ministerpräsident.

Empfohlener externer Inhalt
An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt, der den Artikel ergänzt und von der Redaktion empfohlen wird. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.
Externer Inhalt

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Die Inzidenz, die lange die Grundlage für Corona-Einschränkungen war, spielt in der Pandemie allerdings inzwischen eine andere Rolle als früher. In der Corona-Schutzverordnung bleibt eine Sieben-Tage-Inzidenz von 35 die einzige Kennziffer, ab der dann die 3G-Regeln (geimpft, genesen oder getestet) beispielsweise für Besuche in der Innengastronomie gelten. Diese Regel gilt inzwischen auch überall in NRW. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) verkündete am Montag, die bisher vielfach verwendete 50er-Inzidenz aus dem Gesetz zu streichen und dafür andere Parameter, wie etwa die Hospitalisierung, einzuführen.

kry/dpa
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.