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14. Oktober 2011, 10:30 Uhr

Luftverschmutzung

Kochfeuer töten Millionen Menschen pro Jahr

Die Luftverschmutzung durch primitive Kochstellen tötet weltweit mehr Menschen als Malaria - das ist das erschreckende Ergebnis einer aktuellen Studie. Demnach sterben jedes Jahr fast zwei Millionen Menschen, weil sie verrauchte Luft in den eigenen vier Wänden einatmen.

Washington - Die Malaria tötet nach Zahlen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) jährlich etwa eine Million Menschen. Doch eine andere Gesundheitsgefahr, die ebenfalls vor allem arme Länder betrifft, hat noch schlimmere Auswirkungen: Rauch in Häusern. Fast zwei Millionen Menschen sterben jedes Jahr an Krankheiten, die durch verrauchte Luft ausgelöst werden. Das ist das Ergebnis einer Studie der US-amerikanischen National Institutes of Health.

Von den Folgen des Rauches besonders betroffen seien Frauen und Kinder in extremer Armut, schreiben Studienleiter William Martin und seine Kollegen im Wissenschaftsmagazin "Science". Seit Jahrzehnten werde an dem Thema gearbeitet - allerdings nur mit begrenztem Erfolg.

Fast die Hälfte der Weltbevölkerung lebt in Armut und ist von der Luftverschmutzung gesundheitlich bedroht. Die Haushalte nutzen Holz und Kohle zum Kochen und Heizen. Das Feuer füllt die Häuser mit dichtem Rauch, schwärzt Wände und Decken - und lässt die Bewohner erkranken. Frauen und Kinder, die sich traditionell um Haus und Herd kümmern, litten besonders unter den Folgen, die sonst nur lebenslange Raucher beträfen, schreiben Martin und seine Kollegen. Haupttodesursachen seien akute Lungenentzündungen bei Kindern unter fünf Jahren sowie chronische Atemwegserkrankungen.

Die stark qualmenden Kochfeuer schaden auch der Umwelt. Um an Holz zu kommen, werden die umliegenden Wälder abgeholzt. Außerdem setzen die Feuer viel Kohlendioxid frei. Effizientere Kochherde verbrauchten weniger Brennstoff und schonten das Klima.

Um Abhilfe zu schaffen, sollen 100 Millionen Haushalte in Entwicklungsländern bis zum Jahr 2020 mit sauberen und effizienten Kochherden versorgt werden. Dies hat sich die Globale Allianz für saubere Kochherde der Stiftung der Vereinten Nationen zum Ziel gesetzt.

Damit die alternativen Herde von der Bevölkerung besser angenommen werden, sollten sie eher verkauft statt verschenkt werden, rät Martin. Auch müssten die Verbraucher bei der Entwicklung der Herde beteiligt werden, um die Geräte den Anforderungen besser anzupassen. So würden die Herde besser genutzt, wie ein erfolgreiches Projekt aus Peru zeige.

Der Verkauf schaffe außerdem einen bedeutenden neuen Markt für diese Produkte, der idealerweise die lokale Wirtschaft ankurbele. Nur mit solchen marktgetriebenen Strategie könnten 600 bis 800 Millionen Haushalte mit effizienten Kochherden versorgt werden. Das Projekt habe ein riesiges Potential, so die Forscher. Mit relativ wenig Geld ließen sich Millionen Menschenleben retten, ließe sich die Umwelt schützen und dabei noch die wirtschaftliche Entwicklung fördern.

Gesundheitsgefahren durch dreckige Luft sind aber längst nicht nur ein Problem armer Länder. Erst im September kam eine WHO-Studie zu dem Ergebnis, dass Luftverschmutzung in Metropolen weltweit zu Millionen Todesfällen pro Jahr führt.

mbe/dpa

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