Massentierhaltung Bakterienbefall im Stall

Bakterien, die gegen alle gängigen Antibiotika resistent sind, verbreiten sich mit rasantem Tempo. Jetzt hat eine neue Untersuchung erschreckende Zahlen aus der Massentierhaltung zu Tage gefördert. Wie groß ist die Gefahr aus dem Stall für die Menschen?
Von Torsten Mehltretter
Schweine im Mastbetrieb: Mediziner warnen vor exzessivem Antibiotika-Einsatz

Schweine im Mastbetrieb: Mediziner warnen vor exzessivem Antibiotika-Einsatz

Foto: Carsten Rehder/ dpa

Der Deutsche Forschungsverbund "Reset" (Resistenzen bei Tier und Mensch) hat in den ersten Zwischenergebnissen einer Studie  einen rasanten Anstieg von ESBL-bildenden Keimen in der Tiermast festgestellt. Die Forscher hatten 54 Viehbestände untersucht - und fanden die Bakterien in 67 Prozent der Ställe für Milch- und Mastvieh, in 88 Prozent der Schweineställe und in allen Hähnchenmastanlagen. Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) hatte erst 2010 in nur 27 Prozent aller Hähnchenmastbetriebe resistente Bakterien gefunden.

ESBL ist ein Stoff, den einige Darmkeime produzieren können. Er zerstört zahlreiche Antibiotika-Arten. Erkrankt ein Mensch an einem derartigen Keim, kann er nur noch mit wenigen sogenannten Reserve-Antibiotika behandelt werden. Setzen die Ärzte das richtige Mittel zu spät ein, kann ein an sich leicht behandelbarer Harnwegs- oder Darminfekt zu schweren Komplikationen und im Extremfall gar zum Tod führen. Bereits im vergangenen Herbst wüteten derartige Bakterien gleich auf mehreren Frühgeborenenstationen, zum Teil mit fatalen Folgen: In Passau starb mindestens ein Baby, in Bremen kamen mindestens drei ums Leben.

Antibiotikaresistente Keime gelten als eine der größten Gefahren in der modernen Medizin. Die Deutsche Gesellschaft für Krankenhaushygiene (DGKH) schätzt, dass allein in Deutschland bis zu 40.000 Menschen pro Jahr sterben, weil sie sich mit Krankenhauskeimen infizieren. Die meisten Fälle gehen auf das Konto multiresistenter Staphylococcus-aureus-Bakterien (MRSA) - doch deren Verbreitung ist derzeit stabil, wie eine im vergangenen Jahr im "Ärzteblatt" veröffentlichte Studie  besagte. Andere multiresistente Bakterien dagegen - auch die ESBL-bildenden - steigen in ihrer Verbreitung, wie die Auswertung von Daten aus mehr als 800 deutschen Krankenhäusern und 586 Intensivstationen ergab.

Wie groß ist die Gefahr aus der Massentierhaltung?

Unklar ist jedoch, in welchem Umfang das Problem mit dem teils exzessiven Einsatz von Antibiotika in der Massentierhaltung zusammenhängt. Das BfR schrieb erst im Dezember 2011, dass zu dieser Frage keine Daten vorliegen. Zugleich betonte das Institut, dass eine Infektion von Menschen mit ESBL-bildenden Erregern über Lebensmittel grundsätzlich möglich sei und deshalb ein Gesundheitsrisiko für den Menschen besteht.

Nach Stichprobenuntersuchungen von Petra Gastmeier, Leiterin des Instituts für Hygiene- undUmweltmedizin an der Charité in Berlin, haben etwa vier Prozent der Menschen derartige Bakterien bereits im Darm. Gastmeier vermutet, dass sie durch Hygienefehler bei der Zubereitung vom Fleisch über die Hände, Messer oder Tranchierunterlagen zur Rohkost und dann in die Nahrungskette gelangen. Den Brat- oder Kochvorgang überstehen die Bakterien allerdings nicht.

In der Dokumentation "Tödliche Keime aus der Massentierhaltung" (Mittwoch, 23 Uhr im ZDF) erklärt etwa der Mikrobiologe Jan Kluytmans von der Universität in Amsterdam die Ergebnisse einer niederländische Forschergruppe, die ESBL-bildende Keime aus dem Geflügelfleisch mit denen bei Menschen verglichen hat. Das Ergebnis der Studie, die im Fachblatt "Emerging Infectious Diseases"  erschienen ist: Über 70 Prozent der im menschlichen Darm nachgewiesenen Keime stimmen in ihrem Genotyp - also ihrer genetischen Ausstattung - exakt mit den Bakterien aus der Tiermast überein.

Dilemma bei der Spurensuche

Das Robert-Koch-Institut hat auch den Genotyp des Erregers ermittelt, der für die Todesfälle unter den Frühchen in Bremen verantwortlich war: CTX M 15 lautet die Bezeichnung, produziert von einer Bakteriengattung namens Klebsiella Pneunominae. CTX M 15 haben nun auch die deutschen "Reset"-Forscher gefunden - und zwar in Schweinen, Hühnern und Rindern - wenn auch bisher nur im Zusammenhang mit E.coli-Bakterien. Die Herkunft des Bremer Erregers ist bis heute nicht geklärt.

Das grundsätzliche Dilemma der Spurensuche: die Bakterien verändern sich oft zu schnell für einen Herkunftsnachweis. An der Universität Uppsala in Schweden forscht Mikrobiologe Linus Sandegren seit Jahren an der Verbreitung der ESBL-Keime. Derzeit laufen Versuche mit zwei Entengruppen, die infiziert wurden. Eine wird täglich mit minimalen Mengen von Antibiotika gefüttert. Die Dosis entspricht einer Konzentration, wie die Forscher sie in der Umwelt gemessen haben. Denn dort landet eine ganze Reihe von Antibiotika-Rückständen, zum Beispiel im Klärwasser oder im Fleisch. Sandegren glaubt, dass auch deshalb die Ausbreitung der resistenten Keime nicht mehr zu stoppen ist.

Die europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit hat Studien wie die von Sandegren und Kluytmans zusammengefasst und ausgewertet, über 90 Arbeiten insgesamt. Die Lebensmittelwächter warnten daraufhin bereits im August vor ESBL-Keimen aus der Geflügelmast und forderten die EU-Regierungen auf, die Verabreichung von Antibiotika in der Tierhaltung deutlich zu reduzieren. Denn die Keime vermehren sich immer dort, wo Antibiotika eingesetzt werden. In Deutschland landen zwei Drittel der verabreichten Antibiotika in der Tiermast.

Exzessiver Antibiotika-Einsatz im Stall

Das Procedere, das dann in den Ställen zu einer Vermehrung der resistenten Keimen führt, ist simpel: Die eingesetzte Medizin tötet die Keime ab, die nicht resistent sind. Dadurch nimmt sie den gefährlichen resistenten Keimen die Konkurrenz im täglichen Überlebenskampf. Das gesamte Nahrungsangebot steht nun allein den resistenten Bakterien zur Verfügung, und sie vermehren sich ungezügelt. Anfangs nur in den Tierkörpern. Durch deren Kot verbreiten sie sich im ganzen Stall und gelangen dann in die Umwelt.

Zum Problem werden die Keime erst bei Menschen, deren Immunsystem geschwächt oder - wie im Falle der Frühchen - noch gar nicht ausgebildet ist. Hygiene-Expertin Gastmeier vermutet, dass spontan geborene Kinder im Geburtskanal mit den Bakterien in Kontakt kommen, sofern sich die Keime im Darm der Mutter eingenistet haben. Sind die Erreger erst einmal in der Klinik, breiten sie sich bei mangelnder Hygiene oft schnell aus und können zum tödlichen Problem werden.

Auf der Frühgeborenenstation der Charité werden die Mütter deshalb schon vor der Entbindung auf ESBL-bildende Darmkeime untersucht. Nach der Geburt nehmen die Mediziner dann auch Abstriche bei den Babys - den ersten im Ohr, weil sich dort immer ein paar Tropfen des Fruchtwassers sammeln. Entdecken die Mediziner antibiotikaresistente Keime, sind sie im Falle einer bei Frühchen häufig auftretenden Infektion vorgewarnt und können gleich ein Mittel einsetzen, gegen das die Keime nicht resistent sind.

Werden die Ärzte von dem Krankheitserreger überrascht und setzen auf das falsche Medikament, stirbt das Frühgeborene, weil sich auch in seinem Körper die resistenten Bakterien dann weiter vermehren und das Blut vergiften.

Mitarbeit: Markus Becker