Medienbericht WHO war frustriert über Chinas Informationspolitik

Öffentlich hat die Weltgesundheitsorganisation China in der Coronakrise immer wieder gelobt. Doch intern war man offenbar massiv genervt, weil Peking wichtige Informationen zurückhielt. Das legt ein aktueller Bericht nahe.
Das WHO-Hauptquartier in Genf

Das WHO-Hauptquartier in Genf

Foto: DENIS BALIBOUSE/ REUTERS

Das Verhältnis der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zu China - das ist ein schwieriges Thema. US-Präsident Donald Trump sieht die Sache so: Die Regierung in Peking kontrolliere, so grollte er wiederholt, die Organisation. Das sei inakzeptabel, zumal Peking die Verbreitung des Coronavirus nicht verhindert habe. Trump kündigte deswegen an, alle Zahlungen der USA an die WHO zu stoppen. Das ist ein schwerer Schlag für die internationalen Gesundheitsschützer, schließlich war Washington über Pflicht- und freiwillige Beiträge bisher größter Geldgeber.

Die WHO wiederum hat die Anschuldigungen aus Washington zurückgewiesen, sich aber stets darum bemüht, ihr Verhältnis zu China als exzellent darzustellen. Wiederholt lobte das Spitzenpersonal der Organisation die Hilfe Pekings beim Kampf gegen den Sars-CoV-2-Erreger. Für die WHO ist China ohne Zweifel ein entscheidender Verbündeter. Das galt insbesondere in der Frühzeit des Ausbruchs, als man dringend Informationen über das noch unbekannte Virus und die Entwicklungen im Land des ersten Ausbruchs brauchte. Entscheidende Verbündete verärgert man besser nicht durch kritische öffentliche Äußerungen.

Intern gab es zu dieser Zeit, vor allem im Januar 2020, bei der WHO aber offenbar doch große Frustration über die Informationspolitik der Chinesen. Das legen Informationen nahe, die von der Nachrichtenagentur AP veröffentlicht wurden . Sie zeichnen das Bild einer Organisation, die zwar nicht wie von Trump behauptet unter der Fuchtel Pekings stand, aber von dort womöglich nur selektiv und verspätet mit entscheidenden Daten versorgt wurde.

So habe China die vollständig entschlüsselte genetische Landkarte des Virus eine Woche lang nicht mit der WHO geteilt, obwohl sie von drei verschiedenen Labors erarbeitet worden sei. Die Regierung habe die Erkenntnisse erst weitergeleitet, nachdem ein chinesischer Virologe sie am 11. Januar auf seiner Website publiziert hatte. China hat entsprechende Vorwürfe immer zurückgewiesen. So sagte Wu Ken, der Botschafter des Landes in Deutschland dem SPIEGEL , man habe dem Rest der Welt durch "schnelle Reaktion mindestens sechs Wochen Zeit zur Vorbereitung auf die Pandemie verschafft". Es sei "schade, dass viele Länder diese Zeit nicht genutzt haben".

"Wir arbeiten mit minimalen Informationen"

Laut dem AP-Bericht hat es aber noch weitere Verzögerungen bei der Datenübermittlung durch China gegeben. So seien Informationen zu Patienten und Fällen mindestens zwei Wochen lang nicht an die WHO, die ihren Hauptsitz in Genf hat, weitergeleitet worden. Gerade zu diesem Zeitpunkt habe die Chance bestanden, den Ausbruch der Krankheit an anderen Orten noch zu verlangsamen.

"Wir arbeiten mit minimalen Informationen", beklagte die amerikanische WHO-Epidemiologin Maria Van Kerkhove laut AP in einer internen Sitzung. "Die reichen eindeutig nicht aus, um eine ordentliche Planung durchführen." Der WHO-Vertreter in China, Gauden Galea, habe sich darüber beschwert, dass die Chinesen seine Organisation über neue Erkenntnisse nur eine Viertelstunde vor deren offizieller Verkündung im Staatsfernsehen CCTV informierten.

In der zweiten Januarwoche, so der Bericht weiter, habe WHO-Nothilfechef Michael Ryan gesagt, es sei an der Zeit bei den Gesprächen mit China, "einen anderen Gang einzulegen" und mehr Druck auszuüben. Er beklagte sich, dass man bereits beim Sars-Ausbruch 2002 "endlos" habe versuchen müssen, Informationen zu erhalten. China arbeite nicht so mit der WHO zusammen, wie es andere Länder täten, sagte Ryan demnach. Als positives Beispiel nannte er Kongo in der Ebola-Krise 2018.

Und dann ist da noch das Taiwan-Problem

Die WHO hat sich entschieden, ihre Rolle beim Ausbruch der Corona-Krise unabhängig untersuchen zu lassen. Dabei dürften die aktuellen Berichte noch einmal auf ihre Glaubwürdigkeit überprüft werden. Dass sich die WHO in Bezug auf China allerdings in einer Zwickmühle befand, ist klar: Einerseits brauchte man in Genf schnelle Informationen, um den Kampf gegen die damals drohende Pandemie in anderen Ländern voranzubringen. Zur Lieferung solcher Informationen sind alle WHO-Mitglieder übrigens auch vertraglich verpflichtet. Andererseits wollte man die Regierung in Peking nicht durch zu forsches Auftreten verärgern. Sonst hätte man womöglich gar nichts bekommen – und noch mehr Leben in anderen Ländern gefährdet. Denn ein Druckmittel, um an die ihr zustehenden Daten zu kommen, hat die WHO nicht.

Das delikate Verhältnis zwischen der Organisation und China zeigt auch der Fall Taiwan. Das Land, das von Peking als abtrünnige Provinz betrachtet wird, ist seit einem spektakulären Kurswechsel in der US-Außenpolitik Anfang der Siebzigerjahre kein Uno-Mitglied mehr. Es wäre dies aber gern wieder und möchte auch in der WHO mitarbeiten. Das wäre inhaltlich sicher sinnvoll, hat Taiwan doch beeindruckende Erfolge beim Kampf gegen das Virus erzielt, verfügt über eine hervorragende Forschungslandschaft und ein starkes Gesundheitssystem. Die WHO hat das auch anerkannt . Doch Peking will eine Mitgliedschaft um jeden Preis verhindern, weil sie der Ein-China-Politik widerspräche. Kürzlich hat Taiwan seinen Mitgliedsantrag erst einmal wieder zurückgezogen. China wiederum hat der WHO Zahlungen in Milliardenhöhe in Aussicht gestellt.

chs
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