Medizin Facebook für Patienten

Mediziner Meyer, Münch: Warentest für Pflegedienste
Norbert Michalke / DER SPIEGEL

Mediziner Meyer, Münch: Warentest für Pflegedienste

Von

2. Teil: Schon die Wahl des Rollstuhls ist eine Wissenschaft für sich


Im Idealfall legt ein Experte für die jeweilige Krankheit das Behandlungsziel fest: Ist Besserung in Sicht, so dass sich Strapazen lohnen? Geht es nur noch um möglichst komfortable Pflege? Oder gilt es schon, den Sterbeprozess nach Kräften zu erleichtern? Der behandelnde Neurologe vor Ort kann dann mit wenig Aufwand den Alltag des Patienten verfolgen: Von den Pflegern erfährt er, ob dieser es noch in die Dusche schafft oder ob etwa neue Gehhilfen fällig wären. Der Kranke selbst steuert bei, wie es um den Appetit bestellt ist und wie viel Zeit er täglich im Rollstuhl verbringt: nur zwei Stunden oder schon zwölf? Dann sollte er tunlichst andere Sitzschalen bekommen.

Alle Teilnehmer sehen lediglich die Pflegeakten derjenigen Patienten, die sie beliefern oder betreuen. Die Daten liegen auf geschützten Servern der Charité; das Großklinikum steht mit seinem Ruf für die Unabhängigkeit des Portals gerade. Nur so, meint Meyer, ließen sich die Hersteller und Dienstleister unter ein Dach bekommen: "Die konkurrieren ja zum Teil auch miteinander. Sie würden niemals eine gemeinsame Datenbank betreiben."

Zwischen Medizin und Pflegewirtschaft gibt es bislang ebenfalls wenig Austausch. Der Arzt, der die Diagnose stellt, hat mit der Versorgung der Kranken in der Regel nichts mehr zu schaffen. Sobald er seine Rezepte ausgestellt hat, ist er aus dem Spiel. Dann muss sich meist die Familie mit Versicherungen, Apotheken und Sanitätshäusern herumschlagen.

"Die Bewertungsfunktion kann helfen, eine klaffende Lücke zu schließen"

Schon die Wahl des Rollstuhls ist eine Wissenschaft für sich. Gefährte aller Art stehen zur Wahl, die Preisspanne reicht von 300 bis 30.000 Euro. Welches Modell zum Patienten passt, hängt auch von den Lebensumständen ab. Die gelähmte junge Frau, die noch gern Kunstausstellungen und Bars besucht, wird von einem Elektromobil mit Aufstehhilfe profitieren. Der Greis, der zusehends verdämmert, ist in einem bequemen, vielfach verstellbaren Pflegerollstuhl besser aufgehoben.

Ähnliches gilt für viele der gut 50.000 Gerätschaften, die in den Katalogen der Krankenkassen aufgelistet sind. Der Bremer Gesundheitsforscher Gerd Glaeske, der alljährlich einen "Hilfsmittel-Report" erstellt, beklagt schon lange die Unübersichtlichkeit eines Marktes, der auch die Ärzte überfordert: "Wir brauchen Hilfsmittel-Manager, damit die Patienten rechtzeitig bekommen, was nötig ist."

Genau das soll das Portal Ambulanzpartner.de leisten: Ein Koordinator vermittelt dort zwischen Angebot und Bedarf; er sucht beispielsweise nach Pflegediensten mit Erfahrung im jeweiligen Krankheitsbild. Die Patienten selbst können dann online bewerten, wie sich der neue Rollstuhl oder die Atemmaske im Alltag bewährt. Wenn sie Änderungswünsche haben, tragen sie diese einfach ein. Solche Daten aus der Praxis gibt es bislang kaum. Nicht einmal die Hersteller selbst wissen, wie ihre Produkte bei der Kundschaft ankommen. Sie sollen deshalb auch für die Teilnahme am Portal zahlen. Für alle anderen ist es kostenlos.

Speziell die Bewertungsfunktion des Portals, sagt Gesundheitsforscher Glaeske, könne helfen, eine klaffende Lücke zu schließen: "Noch gibt es für all diese Hilfsmittel so gut wie keine Wirksamkeitsprüfungen. Dabei ist das ein Markt, auf dem schon mehr als fünf Milliarden Euro im Jahr ausgegeben werden, mit hoher Steigerungsrate." Glaeske sieht dringenden Bedarf für "eine Art Warentest".

Die Pflegedienstleister müssen sich ebenfalls noch kaum dem Urteil ihrer Klientel stellen. Auch hier will das neue Onlineportal Abhilfe schaffen: Die Patienten können kundtun, inwieweit sie mit ihren jeweiligen Pflegern zufrieden sind. Portal-Gründer Meyer hofft, dass diese Art von Rating heilsame Bewegung in den notorisch undurchdringlichen Markt bringt - auch weit über den Kreis von ALS oder Multipler Sklerose hinaus.

"Wir fangen mit einem Pilotmodell an", sagt er. "Aber im Prinzip ist unsere Plattform auch für Rheuma, Krebs und andere Krankheiten geeignet, die aufwendige Pflege erfordern."


*Name geändert.

Mehr zum Thema


insgesamt 1 Beitrag
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
tiffy.goof 18.03.2011
1. Oje....
nette idee, aber welcher Arzt soll denn auch in so einer Form noch "dokumentieren". Von Pflegekräften ganz abgesehen. Hinzu kommt: Sowohl ALS, als auch Parkinsonpatienten tun sich ab einem gewissen Krankheitsfortschritt sehr schwer ihr Online-Profil zu pflegen. Es gibt so viele Portale, wie z.B. Einweiserportale in Kliniken, die schon nicht genutzt werden und Qualitätssicherungsportale, die ebenfalls nicht genutzt werden, weil keine Zeit dafür da ist. Hinzu kommen die Kompetenznetzwerke, die an einem Strang ziehen sollen mit teils aufwendigen Vernetzungen -und nichts davon klappt wirklich gut. Von daher ist dies irgendwie auch keine bahnbrechende Idee.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.