Medizin-Nobelpreis für Svante Pääbo Was Jahrtausende alte Knochen über uns Menschen verraten

Es begann mit dem Versuch, eine Kalbsleber zu mumifizieren: Svante Pääbo experimentierte lange, bis er das Erbgut des Neandertalers entschlüsseln konnte – nun wird der in Leipzig forschende Paläogenetiker mit dem Nobelpreis geehrt.
Svante Pääbo (Aufnahme von 2010)

Svante Pääbo (Aufnahme von 2010)

Foto: Frank Vinken for Max-Planck-Gesellschaft / AP

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Am Beginn von Svante Pääbos wissenschaftlicher Laufbahn, die jetzt mit dem Nobelpreis für Medizin gefeiert wird, steht ein geheimes Experiment mit einer Kalbsleber. An der Universität von Uppsala wollte er das Organ im Laborofen mumifizieren, um anschließend zu erforschen, wie das darin enthaltene Erbgut die Prozedur übersteht.

Das Experiment war »schwer geheim, aus Angst, mein Professor würde das für Unsinn halten. Leider fing die Leber bald an zu stinken, und die Sache flog auf«, erzählte Pääbo 2014 im SPIEGEL-Gespräch . »Aber die DNA hatte sich recht gut erhalten, ich war offenbar auf dem richtigen Weg. Ich wollte damals unbedingt das Erbgut ägyptischer Mumien entschlüsseln.«

Bei Mumien blieb es nicht, der Forscher ging in der Zeit noch viel weiter zurück. Pääbo, Direktor am Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie in Leipzig, verfeinerte über Jahrzehnte Methoden, um Jahrtausende alte Erbgutproben von Neandertalern zu analysieren.

Die Verfahren sind mühselig, denn das Erbgutmolekül DNA ist in den Proben durch die Zeit stark angegriffen. Zusätzlich sind Proben unweigerlich mit dem Erbgut von Bakterien verunreinigt. Und bei der Arbeit muss man penibel darauf achten, dass die Proben nicht mit heutigem menschlichen Erbgut kontaminiert werden, was schon durch einen Kontakt mit Hausstaub passieren könnte. Die Experimente finden deshalb in Reinräumen statt. Im SPIEGEL-Gespräch bestätigte Pääbo, dass er 95 Prozent seiner Zeit damit verbringe, Irrtümer auszuschließen, die auf diesen Problemen beruhen.

Ein 40.000 Jahre altes Fingerknochenstück

Pääbos Arbeit ermöglicht einen Blick zurück zu unseren nahen ausgestorbenen Verwandten, den Neandertalern und den Denisova-Menschen. Zunächst analysierte er die DNA, die in den sogenannten Mitochondrien vorliegt, den Kraftwerken der Zelle, die über ein eigenes, kleines Erbgut verfügen. Bereits in den Neunzigern arbeitete er daran.

2008 präsentierte  Pääbo mit anderen Forschenden zusammen ein vollständiges Mitochondriengenom eines Neandertalers, rekonstruiert aus einem 38.000 Jahre alten Knochenfragment. 2010 das eines Denisova-Menschen , einer zuvor unbekannten Menschenart, die sich von Neandertaler und modernem Menschen unterschied. Ein etwa 40.000 Jahre altes Fingerknochenfragment, entdeckt in der Denisova-Höhle in Sibirien, ermöglichte dies.

Und schließlich gelang Pääbos Forschungsteam auch die Rekonstruktion des vollständigen Neandertaler-Erbguts , die 2013 veröffentlicht wurde. Im Jahr 2010 hatte er bereits eine vorläufige Version publiziert . Eine der Erkenntnisse: Ein wenig des Neandertaler-Erbguts findet sich noch immer in den Menschen. Wir wissen heute, dass sich Neandertaler und moderne Menschen paarten – und dass einige Gene der ausgestorbenen Art so bis heute überdauern. Schätzungsweise ein bis vier Prozent des Erbguts von Menschen mit europäischer oder asiatischer Herkunft gehen auf die ausgestorbene Art zurück. Tatsächlich sind bei heutigen Europäern und Europäerinnen vom Neandertaler stammende Gene verbreitet, die mit Haut und Haaren zu tun haben.

Die Vergabe des Nobelpreises für Medizin oder Physiologie an Svante Pääbo mag überraschen. Zwar wird der Preis oft der Grundlagenforschung gewidmet, die (noch) nicht zu konkreten neuen medizinischen Therapien geführt hat. Aber was hat das Urmenschen-Erbgut mit heutiger Medizin und Physiologie zu tun?

Das Nobelkomitee begründet es damit, dass Pääbos Arbeit einen ganz neuen Forschungszweig ermöglicht habe, die Paläogenetik, also das Erforschen des Erbguts von prähistorischen Proben. Und das Erkunden der Erbgut-Unterschiede zwischen heute lebenden Menschen und ausgestorbenen nahen Verwandten bilde die Basis, herauszufinden, was uns als Menschen einzigartig mache. An etwa 31.000 einzelnen Positionen im Erbgut finden sich typische Veränderungen, die heutige Menschen von Neandertalern und Denisova-Menschen unterscheiden. Sie nun genauer zu erforschen, könnte das grundlegende Verständnis über den Menschen erweitern.

Im SPIEGEL-Gespräch sagte Pääbo die Frage sei, ob man etwas beim modernen Menschen finde, das es beim Neandertaler nicht gegeben habe. »Irgendetwas, das ihn zu einem so verrückten Wesen gemacht hat«. Denn während etwa die Neandertaler in Hunderttausenden Jahren ihr Steinwerkzeug kaum weiterentwickelten, nie das Meer überquerten, besiedelte der moderne Mensch jede Pazifikinsel – und wolle sogar zum Mars fliegen. »Irgendwie ist das doch verrückt.«

Verrückt genug, um heimlich eine Leber zu mumifizieren – und dann ein neues Forschungsgebiet zu eröffnen.

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