Medizin-Notstand in Russland "Mit dem Rauchen hab ich im zweiten Schuljahr aufgehört"

Alkoholmissbrauch und schlechte medizinische Versorgung sind die Gründe, dass Russlands Bevölkerung dramatisch schrumpft. Im Osten des Landes sind Ärzte so rar, dass Kranke mitunter selbst zum Skalpell greifen. Einmal im Jahr kommt ein Zug vorbei, der helfen soll.

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Aus Wladiwostok berichtet


Als Marina, alleinerziehende Mutter zweier Töchter, an einem Junitag den Knoten in der linken Brust ertastet, legt sie sich in ihrer kargen Einzimmerwohnung Spritze und Skalpell zurecht. In der staatlichen Krebsklinik von Wladiwostok müsste die Frau, die einige Semester Medizin studiert hat, fünf Monate auf eine Operation warten. Also schickt sie ihre beiden Mädchen in die kleine Küche und schließt die Schiebetür. Durch einen Spalt aber beobachtet die siebenjährige Katja, wie sich ihre Mutter den Tumor aus dem Fleisch schneidet.

"Mama hat sehr geblutet", erinnert sich Katja. Sie sitzt auf dem Sofa und schmiegt sich an ihre Mutter. Die arbeitet in einem Kinderheim und verdient umgerechnet 350 Euro monatlich. Das reicht zum Leben, ist aber viel zu wenig, um zu den Ärzten nach Singapur oder Seoul zu fliegen, die in Wladiwostok in Zeitungen und mit großen Plakaten für ihre Dienste werben.

Die Hafenstadt Wladiwostok heißt auf Deutsch "Beherrsche den Osten", doch Russlands Vorposten am Stillen Ozean hat nichts mit den boomenden Glitzermetropolen Ostasiens gemein. Die Wohnsilos hier gleichen wahllos an die Küste gewürfelten Kuben. Nirgendwo im Riesenland haben Krebspatienten schlechtere Überlebenschancen. Laut einem Bericht der Regionalregierung ist die Zahl der Neuerkrankungen seit Mitte der neunziger Jahre um beinahe ein Drittel in die Höhe geschnellt, die Sterblichkeit um 14 Prozent. Noch vor zwei Jahren verfügte das Onkologiezentrum der 600.000-Einwohner-Stadt über keinen Computertomografen. Zwei von drei Patienten in der Region bekommen notwendige Bestrahlungen nicht, weil Geräte fehlen.

So drastisch wie in wenigen anderen Landesteilen zeigt sich im Fernen Osten Russlands der demografische Niedergang des Landes. 1989 haben in der Region acht Millionen Menschen gelebt. 2002 waren es noch 6,7 Millionen, macht einen Verlust von knapp 20 Prozent. Seit 2002, so halten es nun die Volkszähler fest, ist die Bevölkerung noch einmal um rund sechs Prozent gesunken. Die genaue Bevölkerungszahl wird allerdings erst nächstes Jahr veröffentlicht.

Als der Kreml im Herbst sein Volk zählen ließ, protokollierten die 600.000 Helfer auch andernorts das allmähliche Schwinden der Russen. Die ersten Ergebnisse zeigen: Weder Zuwanderung noch die aus Öl- und Gasmilliarden finanzierte staatliche Familienförderung vermochte Russlands Menschenschwund bislang zu stoppen. Seit der letzten Zählung 2002 ist die Bevölkerung offiziell um rund 2,2 Millionen Einwohner auf 142,9 Millionen gesunken, ein Minus von 1,5 Prozent.

Laut Uno-Prognose droht bis 2025 ein weiterer Bevölkerungsrückgang um 11 Millionen. Die Lebenserwartung ist leicht gestiegen, liegt mit rund 63 Jahren bei Männern aber immer noch näher an Entwicklungsländern als an westlichen Industrienationen. Frauen werden im Schnitt 13 Jahre älter als Männer, in keinem anderen Land ist die Differenz zwischen den Geschlechtern größer.

Am Dienstag hat das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung eine detaillierte Studie zur demografischen Krise des Riesenreiches vorgelegt. "Die schrumpfende Weltmacht" haben die Forscher ihre Untersuchung überschrieben. "Es wird deutlich, dass eine flächendeckende Besiedelung des russischen Territoriums zu marktwirtschaftlichen Bedingungen nicht zu verwirklichen ist", sagt Stephan Sievert, einer der Autoren der Untersuchung.

21.000 Morde, 40.000 Selbstmorde

Die Hauptursachen der Misere: Alkoholismus, Kriminalität und vor allem die mangelhafte medizinische Versorgung. Allein auf den Straßen des Landes verunglücken jedes Jahr 30.000 Menschen tödlich, fast zehnmal so viele, wie in Deutschland. 21.000 Russen wurden im vergangenen Jahr ermordet, 30.000 Menschen verschwanden spurlos, 40.000 begingen Selbstmord. 72 Prozent der Morde und 42 Prozent der Suizide gehen dabei auf das Konto von Alkoholmissbrauch, heißt es in der Studie des Berlin-Instituts.

Bei den Schwangerschaftsabbrüchen liegt Russland europaweit auf Platz eins. Die Säuglingssterblichkeit ist in manchen Regionen in den letzten Jahren angestiegen, in der Region Tula sterben Neugeborene so häufig wie sonst nur in Entwicklungsländern. 120.000 Russen erkranken Jahr für Jahr an Tuberkulose.

Die Bewohner abgelegener Regionen leiden besonders unter dem medizinischen Notstand. In Gwosdewo, 80 Kilometer südwestlich von Wladiwostok und 30 Kilometer vor der Grenze zum stalinistischen Nordkorea gelegen, hat sich der alte Juri Andrejewitsch feingemacht, das blaukarierte Hemd angezogen und die buschigen Brauen frisiert. Der ehemalige Offizier der sowjetischen Raketenstreitkräfte muss zum Arzt. Erwartungsvoll steht er am Bahndamm des 400-Einwohner-Dorfes.

Dann kommt ruckelnd das 21. Jahrhundert vorbei und stoppt am Partisanendenkmal: Einmal im Jahr macht der Medizin-Zug "Therapeut Matwei Mudrow" hier Station, eine rollende Klinik der russischen Eisenbahn mit acht Waggons, allesamt vollgepfropft mit erstklassiger Medizintechnik aus Japan und dem Westen. Wenn die Kunst der Ärzte an Bord nicht ausreicht, konsultieren sie Russlands führende Mediziner im rund 7000 Kilometer entfernten Moskau, die Satellitenanlage auf dem Zugdach macht es möglich.

Der alte Juri klopft sich auf die linke Brust, als er das winzige Abteil von Doktor Anna Schagajewa in Waggon Nummer vier betritt. "Das Motörchen rumpelt", sagt er. "Und der Blutdruck geht spazieren." Die 52-jährige Kardiologin mit der goldumrandeten Brille schreibt ihm ein Medikament auf und seufzt. Mehr als 20.000 Kilometer hat sie mit dem Medizin-Zug schon zurückgelegt. Sie kennt die Herzen des Landes.

"Doktor, ich trink' nix mehr"

Jedes Jahre raffen Infarkte und Herz-Kreislauf-Erkrankungen rund eine halbe Million Männer dahin. "Doktor, ich trink' nix mehr", sagt der alte Juri. "Und mit dem Rauchen hab ich aufgehört, als ich im zweiten Schuljahr war." Neben den Herzproblemen hat der 63-Jährige eine kaputte Leber und Nierensteine. "Am Schlimmsten ist die Abgeschiedenheit", sagt Schagajewa. "Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion haben viele Dörfer die Anbindung an die Zivilisation verloren, es fehlen die Busse, die Ärzte vor Ort."

Seit der Eröffnung des neuen Herzzentrums in der Großstadt Chabarowsk muss sie ihre Patienten wenigstens nicht mehr nach Nowosibirsk überweisen. Das ist ein Fortschritt: Nach Chabarowsk sind es rund 900 Kilometer, nach Westsibirien hingegen fast 4000.

Auch das Berlin-Institut konstatiert, die Alterung mache die Sozialsysteme teuer und "die Infrastruktur im ländlichen Raum für die verbleibende Bevölkerung immer kostspieliger".

Als Russlands Präsident Dmitrij Medwedew dem Fernen Osten im vergangenen Jahr einen Besuch abstattete, sprach er besorgt von "Schönheit und Armut" der Region. Auch in Wladiwostok liegen Glanz und Elend eng beieinander, manchmal nur getrennt durch die Bucht, der ein optimistischer Generalgouverneur im 19. Jahrhundert den Namen "östlicher Bosporus" gab.

"Besser hätten wir es nicht machen können"

An einem Ufer lässt der Kreml gerade einen komplett neuen Stadtteil ins Meer betonieren mit Kraftwerk, Elite-Universität und einem riesigen Ozeanarium. 2012 wird Medwedew auf der Insel Russkij die 21 Regierungschefs der Asiatisch-Pazifischen Wirtschaftsgemeinschaft (Apec) empfangen, darunter die Präsidenten Amerikas und Chinas. Dann will er russische Präsenz in der Region demonstrieren, in die sich "das globale Zentrum wirtschaftlicher Entwicklung verlagert", wie er sagt.

Am anderen Ufer des "östlichen Bosporus" dagegen kommen die Bauarbeiten nur schleppend voran. Das Zentrum für Orthopädie, Traumatologie und Endoprothesen sollte eigentlich bereits vor zwei Jahren den Ärzten übergeben werden. Doch das Geld für den Neubau versickerte in den Taschen korrupter Beamter. Wladiwostok gilt als Räuberhöhle unter Russlands Provinzhauptstädten. 2009 wurde ein ehemaliger Bürgermeister wegen Amtsmissbrauch und Vetternwirtschaft verhaftet. Sein Nachfolger Igor Puschkarjow, 36 Jahre alt und Russlands jüngster Rubelmilliardär, hat sich bislang vor allem durch die Akquise von Zeitungen hervorgetan, deren Redakteure er prompt gegen linientreue Mitarbeiter auswechselte.

Dennoch hat es Marina, die Frau, die sich ihren Brusttumor selbst operierte, in die Lokalpresse geschafft. Ein Arzt aus dem städtischen Krankenhaus stattete ihr daraufhin eine Visite ab. "Besser hätten wir es nicht machen können", stellte er fest.

Anfang September fuhr ein Zug in Wladiwostok ein, nicht der Hightech-Medizin-Express "Therapeut Mudrow", sondern ein Krankmacher diesmal. Er brachte Baumaterialien aus dem Nordwesten, und auf seiner 10.000 Kilometer langen Fahrt durchquerte mit ihm eine todbringende Fracht unbemerkt das Land. Als Staatsanwälte und staatliche Verbraucherschützer die Fracht untersuchten, zeigten ihre Messgeräte eine radioaktive Strahlung von 1450 Mikro-Röntgen. Um ein Haar wären die atomverseuchten Rohre in einem Prestigeprojekt des Kreml verbaut worden: Sie waren für die neue Elite-Uni auf der Insel Russkij bestimmt, als Wasserleitungen.



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seine_unermesslichkeit 12.04.2011
1. ..
"Das alles Russlandbashing!" Jedenfalls werden solche Verlautbarungen von unseren so liebenswerten und linientreuen Kremlspatzen hier nicht lange auf sich warten lassen!
dandy 12.04.2011
2. In ostdeutschen Dörfern
In ostdeutschen Dörfern gibt es sowas aber auch ! Wer kein Auto hat, ist erschossen
utada 12.04.2011
3. Wieso Russlandbashing?
Wieso sollte das Russlandbashing sein? Es wird in dem Artikel beschrieben, dass es in manchen abgelegenen Regionen große Probleme mit der medizinischen Versorgung gibt. Und die Gründe für den Bevölkerungsrückgang in Russland. Ich finde den Artikel im Vergleich zu manchen anderen relativ "neutral"...
J-Créme 12.04.2011
4. Ungefähr 2 Zehnerpotenzen
Zitat von dandyIn ostdeutschen Dörfern gibt es sowas aber auch ! Wer kein Auto hat, ist erschossen
Nur sind es dort vielleicht 40 km zum nächsten Krankenhaus und nicht 900 oder 4000 km. Aber stimmt völlig, ohne Auto hat man keine Chance.
J-Créme 12.04.2011
5. Stimmt
Zitat von utadaWieso sollte das Russlandbashing sein? Es wird in dem Artikel beschrieben, dass es in manchen abgelegenen Regionen große Probleme mit der medizinischen Versorgung gibt. Und die Gründe für den Bevölkerungsrückgang in Russland. Ich finde den Artikel im Vergleich zu manchen anderen relativ "neutral"...
Schließe mich Ihrer Meinung voll an.
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