Medizin-Berichterstattung Pressestellen übertreiben häufiger als Journalisten

Durchbruch im Kampf gegen Demenz! Neue Krebstherapie! In der Medizinberichterstattung wird regelmäßig übertrieben. Forscher haben nun die Gründe untersucht - und geben den Pressestellen von Unis und Instituten eine Mitschuld.
Neue Wunderpille? Sensationen verkaufen sich besser - erst Recht, wenn die Übertreibung schon von der Universität kommt

Neue Wunderpille? Sensationen verkaufen sich besser - erst Recht, wenn die Übertreibung schon von der Universität kommt

Foto: Matthias Hiekel/ dpa

Wenn es um Krankheiten, Medikamente und Therapien geht, haben sich Journalisten in Deutschland strenge Regeln gegeben: Es gelte, eine "unangemessene sensationelle Darstellung zu vermeiden", die Hoffnungen oder Befürchtungen beim Leser erwecken könne. So steht es im Pressekodex , einer Art Selbstverpflichtung für Medien.

Die Wahrheit sieht mitunter anders aus: Da werden Mausstudien so dargestellt, als hätte der untersuchte Ansatz beim Menschen die gleiche Wirkung. Oder es werden Ursache-Wirkungs-Mechanismen beschrieben, die in Wahrheit gar nicht nachgewiesen sind. Ein typisches Beispiel: Wein beugt Herz-Kreislauf-Erkrankungen vor. In der Tat gibt es Studien, laut denen moderate Weintrinker ein verringertes Krankheitsrisiko haben. Aber womöglich liegt das eher an ihrem Lebensstil als am Wein.

Oft gelten Journalisten als die eigentlichen Übeltäter, die auf der Suche nach einer guten Schlagzeile mitunter übertreiben. Doch eine Studie aus dem "Britisch Medical Journal"  zeigt nun, dass ein Teil der Verantwortung für unseriöse Medizin-Berichterstattung woanders liegt. Das Hauptproblem seien Pressemitteilungen der Universitäten und Institute, in denen übertrieben werde oder wichtige Hinweise und Einschränkungen fehlten, schreiben Petroc Sumner und Chris Chambers von der Cardiff University.

Sie haben 462 Pressemitteilungen von 20 britischen Universitäten und insgesamt 668 Medienberichte darüber aus dem Jahr 2011 ausgewertet. Dabei stellten sie fest, dass viele PR-Texte kaum als seriös durchgehen können:

  • 40 Prozent der Pressemitteilungen enthielten übertriebene Ratschläge für Patienten,
  • bei 33 Prozent wurden kausale Zusammenhänge dargestellt, die es so nicht gab,
  • 36 Prozent der PR-Texte enthielten unzulässige Bezüge von Tierstudien zum Menschen.

Der Vergleich der Medienberichte mit den 462 Pressemitteilungen ergab einen eindeutigen Zusammenhang: Wenn der PR-Text übertrieb, geschah dies mit großer Wahrscheinlichkeit auch im journalistischen Text. Eine ausgewogene Darstellung in der Pressemitteilung führte hingegen nur in wenigen Fällen zu Übertreibungen in Medienberichten.

Auch Patienten lesen PR-Texte von Unis

"Das hat mich nicht überrascht", sagt Marcus Anhäuser, der beim Projekt Medien-Doktor  der TU Dortmund die Qualität medizinischer Berichterstattung in Deutschland untersucht. Es habe 2012 schon eine Studie aus den USA mit ganz ähnlichen Ergebnissen gegeben . "Gute Pressemitteilungen erhöhen die Wahrscheinlichkeit für gute journalistische Artikel - und schlechte Pressemitteilungen führen zu schlechten Artikeln", sagt Anhäuser. Seit Kurzem analysieren er und seine Dortmunder Kollegen auch deutsche PR-Texte, um dieses Phänomen genauer zu untersuchen.

Vor allem Berichte über Tierstudien sind nach Anhäusers Meinung ein großes Problem. "Bei einem Großteil dieser Studien kommt später nichts Relevantes für den Menschen heraus." Übertreibungen in PR-Texten seien aber nicht allein für Journalisten ein Problem, die diese Informationen für bare Münze nähmen. "Jeder, der heute im Internet nach einer bestimmten Krankheit oder Therapie sucht, landet über kurz oder lang auch bei Presseinfos von Universitäten oder Instituten", sagt Anhäuser.

Sachzwänge stehen Sorgfaltspflicht entgegen

Betroffene könnten glauben, dass diese Informationen in jedem Fall zuverlässig seien, weil sie von anerkannten Institutionen stammten. Ein ähnlicher Mechanismus ist möglicherweise auch unter Journalisten am Werk. Verlautbarungen von Universitäten und Forschungseinrichtungen bekommen nicht selten einen höheren Vertrauensvorschuss als etwa Mitteilungen politischer Parteien. Zwar sind Journalisten grundsätzlich verpflichtet, sorgfältig zu prüfen, was sie veröffentlichen. Dennoch fehlt in vielen Redaktionen die Zeit oder das Personal, die wissenschaftlichen Studien hinter den Pressemitteilungen in jedem Einzelfall zu prüfen.

Die Autoren der BMJ-Studie ziehen eine klare Schlussfolgerung aus ihrer PR-Analyse: Eine höhere Genauigkeit in Pressemitteilungen der Universitäten könnte entscheidend dazu beitragen, die Menge irreführender Berichte in den Medien zu verringern. Ben Goldacre, Arzt und Autor des Buchs "Die Wissenschaftslüge", verlangt in einem Kommentar im "British Medical Journal" , dass Wissenschaftler nicht nur für ihre Fachartikel, sondern auch für die zugehörigen Pressemitteilungen die Verantwortung übernehmen müssten. So ließe sich womöglich verhindern, dass die Öffentlichkeit immer wieder falsch informiert werde.

Über den Grund der häufigen Übertreibungen machen sich die Autoren Sumner und Chambers keine Illusionen: Es gebe einen immer größeren Wettbewerb zwischen den Universitäten und dem Zwang zu einer besseren Selbstvermarktung.