Entwicklungshilfe Medizinische Spenden können Armen schaden

Kliniken aus reichen Ländern verschenken ausrangierte medizinische Geräte oft an Krankenhäuser in ärmeren Staaten. Doch die Spenden helfen den Menschen dort nicht, haben Forscher festgestellt. Im Extremfall sind die Gaben sogar gefährlich.
Operation: Geräte-Spenden helfen Ärzten und Patienten in Entwicklungsländern nicht

Operation: Geräte-Spenden helfen Ärzten und Patienten in Entwicklungsländern nicht

Foto: Esteban Felix/ ASSOCIATED PRESS

Während Patienten in den Industrienationen mit ausgefeilten Hightech-Methoden untersucht und behandelt werden, fehlt es in Entwicklungsländern oft schon an den nötigsten medizinischen Geräten. Da liegt der Gedanke nahe, dass Kliniken die Ausrüstung, die sie nicht mehr brauchen, denen spenden, die sie dringend benötigen.

Doch oft achten sie nicht darauf, ob die Geschenke überhaupt sinnvoll sind. "Obwohl sie gut gemeint sind, können Spenden für die Empfänger eine Last sein", schreiben Wissenschaftler vom Imperial College London und anderen Universitäten in der medizinischen Fachzeitschrift "The Lancet".  "Gesundheitstechnologie wird in der Regel für den Einsatz in einer Gegend entwickelt, in der viel Geld für Gesundheit ausgegeben wird und in der es sowohl eine zuverlässige Energieversorgung als auch viel gut ausgebildetes Personal gibt", sagt Peter Howitt, einer der Autoren.

Feuer im OP

Ein Krankenhaus in Gambia etwa erhielt gespendete Geräte, die Sauerstoff konzentrieren. Doch die Ärzte konnten diese nicht in Betrieb nehmen - die Geräte waren mit der dortigen Stromspannung nicht vereinbar. Mit großem Aufwand versuchte das Personal, das Problem zu lösen, jedoch ohne Erfolg. So kommt es, dass in Entwicklungsländern Schätzungen zufolge um die 40 Prozent der Gesundheitsausrüstung gar nicht in Betrieb ist, sondern in Abstellkammern verstaubt.

Manchmal schaden Spenden den Empfängern sogar: Ein Krankenhaus in Nicaragua bekam OP-Leuchten geschenkt - aber keine passenden Ersatz-Glühbirnen. Als ein junges Mädchen wegen eines Herzfehlers operiert wurde, fingen die Lampen plötzlich Feuer, Rauch quoll durch den Operationssaal. Robert Malkin, Professor für Biomedizinisches Ingenieurwesen an der Duke University, erzählt diese Geschichte in einem Vortrag.  Er war bei der Operation dabei und hat das Manifest mitverfasst. Das Erstaunlichste sei für ihn die Reaktion des OP-Teams gewesen, erzählt Malkin. Niemand geriet in Panik, sondern eine Krankenschwester legte routiniert eine Decke über die junge Patientin. Das Personal war daran gewöhnt, dass es gelegentlich im OP brennt. Passende Glühbirnen gebe es in Nicaragua nun einmal nicht, sagte der Techniker, der gerufen wurde, um das Feuer zu löschen und die Birne zu wechseln.

"Technologie sollte nur dann gespendet werden, wenn Spender und Empfänger gemeinsam herausfinden, welche Systeme geeignet sind", fordern die Autoren. In einem Programm der Duke University, das Malkin gegründet hat, wurden OP-Lampen neu verdrahtet, so dass sie auch mit Glühbirnen für Lastwagen funktionieren. Diese sind auch vor Ort billig zu bekommen - und fangen nicht Feuer.

Die Wissenschaftler stellen in ihrem Manifest generell den Ansatz in Frage, ausrangierte Geräte zur Secondhand-Nutzung an ärmere Länder weiterzugeben. Sie fordern Gesundheitsministerien, die Gesundheitsindustrie und Wissenschaftler dazu auf, neue Medizintechnik zu entwickeln, die an die Bedürfnisse der Entwicklungsländer angepasst ist.

Schlichte Hilfsmittel statt Hightech

Das müsse nicht immer Hightech sein, schreiben die Autoren, ganz im Gegenteil: Oft sei den Menschen mit schlichten, billigen Mitteln am meisten geholfen. So wie mit dem Jaipur Foot. Die Gummi-Prothese ersetzt Unterschenkel und Fuß und hat den Vorteil, dass die Patienten damit auch auf unebenen Flächen und ohne Schuhe laufen können. Dies ist mit den meisten Prothesen aus entwickelten Ländern nicht möglich. Das Gummi ist in vielen Ländern vor Ort erhältlich, die Herstellung dauert in handelsüblichen Öfen nur eine Stunde. Die Prothese ist außerdem nicht patentiert, so dass die Hersteller keine Abgaben zahlen müssen.

Auch den sogenannten eRanger loben die Autoren: ein Motorrad mit einem Anhänger an der Seite, in dem jemand sitzen kann. Auf den schlechten Straßen in afrikanischen ländlichen Gegenden kommen Krankenwagen oft kaum voran. Krankentransporte sind dort aber sehr wichtig, insbesondere um Frauen in Kliniken zu bringen, bei denen während der Geburt Komplikationen auftreten. So einfach der eRanger sein mag - in Malawi ließ sich mit ihm die Sterblichkeit werdender Mütter verringern, wie eine Studie der Weltgesundheitsorganisation zeigt.

Ebenfalls einfach und wirksam: Moskitonetze, die mit Insektiziden besprüht sind und sich leicht über dem Bett aufhängen lassen, schützen vor Malaria. In Teilen Afrikas seien zwischen 2008 und 2010 etwa drei Viertel der Bevölkerung mit solchen Netzen versorgt worden, berichten die Autoren. Schätzungen zufolge hätten diese 250.000 Kindern das Leben gerettet. Auch hier haben die Entwickler mitgedacht - die Wirkung des Sprays hält drei Jahre lang, ohne dass man nachsprühen muss. Danach wird das Netz ausgewechselt.

Schon so einfache Ansätze könnten Menschenleben retten, lautet das Fazit der Autoren. Die wichtigste Regel für alle, die helfen wollen, formuliert Malkin: "Hören Sie auf, medizinische Ausrüstung zu spenden."

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