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20. Dezember 2011, 12:17 Uhr

Medizinskandal

30.000 Französinnen sollen Brustimplantate entfernen lassen

Der Skandal um defekte Brustimplantate nimmt immer größere Ausmaße an. Jetzt kommt es offenbar zu einer beispiellosen Reaktion der Behörden in Frankreich: Laut einem Zeitungsbericht sollen 30.000 Frauen dazu aufgerufen werden, ihre Implantate wieder herausoperieren zu lassen.

Paris - Seit mehr als einem Jahr leben Tausende Frauen in Frankreich und auch in Deutschland in Angst: Sie haben sich ihre Brüste mit Silikonkissen vergrößern lassen, bei denen eine erhöhte Gefahr von Rissen und Brüchen besteht. Die Folgen können Entzündungen sein, inzwischen ist sogar die Rede von einer krebserregenden Wirkung der Implantate.

Jetzt greifen die französischen Behörden offenbar zu drastischen Maßnahmen: Wie die Zeitung "Libération" berichtet, sollen 30.000 Frauen im Land dazu aufgefordert werden, ihre Implantate wieder entfernen zu lassen. Der Aufruf solle noch vor dem 24. Dezember erfolgen. Das hätten Agnès Buzyn, Präsidentin von Frankreichs Nationalem Krebsinstitut, und Jean-Yves Grall, Chef der französischen Gesundheitsdirektion DGS, bestätigt.

Schon im Frühjahr 2010 hat die französische Aufsichtsbehörde für Medizinprodukte (Afssaps) die fehlerhaften Implantate der Herstellerfirma Poly Implants Prothèses (PIP) vom Markt nehmen lassen und ihren weiteren Vertrieb europaweit untersagt. Die Silikonkissen stehen im Verdacht, nicht mit medizinischem, sondern mit Industriesilikon gefüllt zu sein, das sich in der Brust verteilen und Entzündungen auslösen könnte.

Bisher keine Krebsverdachtsfälle in Deutschland

Zudem gehen die französischen Behörden dem Verdacht nach, dass die Implantate auch Krebs auslösen könnten. "Ein kausaler Zusammenhang ist bisher noch nicht bewiesen", erklärte Maik Pommer, Sprecher des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM). "Es handelt sich derzeit um einen Verdacht, der geprüft wird." Das BfArM stehe dazu in Kontakt mit den Kollegen in Frankreich. In Deutschland seien ähnliche Verdachtsfälle bisher nicht gemeldet worden, sagte Pommer. Die Zahl der Frauen, die in Deutschland fehlerhafte PIP-Implantate erhalten haben, sei nicht bekannt - entsprechende Statistiken würden nicht erhoben.

PIP hat nach eigenen Angaben seit 1992 mehr als 200.000 Brustimplantate verkauft. Angeblich soll das nicht zugelassene Silikon seit 2006 benutzt worden sein. Allein in Frankreich sind von rund 500.000 Frauen mit Brustimplantaten rund 30.000 betroffen. Zudem exportierte PIP rund 90 Prozent seiner Produktion. Unternehmensangaben zufolge werden die Implantate in mehr als 60 Ländern vertrieben, auch in Deutschland.

Die französischen Prüfer hatten 2010 die Produktionsstätte der Firma in La Seyne-sur-Mer in der Nähe von Toulon untersucht, nachdem aufgefallen war, dass es bei den Implantaten von PIP doppelt so häufig zu Rissen kam wie bei den Produkten anderer Hersteller. Ärzte waren auf das Problem gestoßen, weil ungewöhnlich viele Frauen mit PIP-Implantaten wegen gerissener Silikonkissen nachoperiert werden mussten. Die Afssaps rief betroffene Frauen auf, regelmäßig zur Mammografie zu gehen.

mbe/dapd

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