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21. Dezember 2011, 15:45 Uhr

Medizinskandal

Gerissene Brustimplantate auch in Deutschland gemeldet

Der Skandal um fehlerhafte Brustimplantate aus Frankreich sorgt auch in Deutschland für Unruhe. Dem Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte sind 19 Fälle von gerissenen Silikoneinlagen bekannt. Beweise für eine Krebsgefahr gebe es bisher allerdings nicht.

Im Skandal um gesundheitsgefährdende Brustimplantate hat das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) vor den Produkten der französischen Firma PIP gewarnt. In Deutschland seien "19 Fälle von Rissen in diesen Implantaten" bekannt, sagte Sprecher Maik Pommer vom Bundesinstitut am Mittwoch in Bonn. Einen Beweis, dass die defekten Silikoneinlagen auch krebserregend seien, gebe es bisher aber nicht.

Die französischen Behörden wollen bis Freitag entscheiden, ob alle Frauen mit PIP-Implantaten in Frankreich aufgerufen werden sollen, sich die Silikoneinlagen wieder entfernen zu lassen. Jean-Yves Grall, Chef der französischen Gesundheitsdirektion DGS, trat damit einem Bericht der französischen Zeitung "Libération" entgegen, laut dem die Entscheidung für eine solche Empfehlung bereits gefallen sein soll. In Frankreich wären von dem Aufruf rund 30.000 Frauen betroffen.

Hintergrund sind mindestens acht Krebsfälle bei Frauen, die fehlerhafte Implantate eingesetzt bekommen hatten. Zwei von ihnen sollen bereits gestorben sein. Ob die Implantate aber die Ursache dafür waren, ist allerdings unklar. Der französischen Justiz in Marseille liegen insgesamt mehr als 2000 Beschwerden von Frauen vor.

Zahl der in Deutschland vertriebenen Implantate unklar

Für Deutschland liegen laut Pommer keine Zahlen vor, wie viele Implantate vertrieben und tatsächlich eingesetzt wurden. Vermutlich ist Deutschland aber nicht eines der Hauptabsatzländer der südfranzösischen Firma PIP gewesen, die seit 2010 nicht mehr existiert und zuvor als weltweit drittgrößter Hersteller von Brustimplantaten rund 80 Prozent der Prothesen ins Ausland exportiert hatte. In den Jahren 2007 bis 2009 gingen etwa 27 bis 28 Prozent der Exporte nach Westeuropa, vor allem nach Großbritannien und Spanien.

Auch die Deutsche Gesellschaft der Plastischen, Rekonstruktiven und Ästhetischen Chirurgen ist nicht der Ansicht, dass PIP-Implantate für Deutschland ein großes Thema sind. "Wir haben im April 2010 die Warnung an unsere Mitglieder weitergeleitet", sagte Kerstin van Ark, Sprecherin der Gesellschaft, den WAZ-Zeitungen. "Darauf haben sich zwei Chirurgen bei uns gemeldet, die mit PIP gearbeitet haben."

In Großbritannien haben hingegen 40.000 bis 50.000 Frauen die PIP-Implantate eingesetzt bekommen. Eine Sprecherin der britschen Kontrollbehörde für Medizinprodukte hob am Mittwoch in der BBC aber ebenfalls hervor, dass es keinen Beweis für krebsauslösende Substanzen in den Produkten gebe. Die britischen Behörden sehen derzeit keinen Grund, zum Entfernen der Implantate aufzurufen.

Die französischen Behörden hatten festgestellt, dass die meisten seit 2001 hergestellten PIP-Brustimplantate nicht mit dem ursprünglich vorgesehenen Silikongel gefüllt waren. Laut dem Marseiller Staatsanwalt Jacques Dallest verwendete die Firma stattdessen ein "hausgemachtes Gel". Dadurch sei das Risiko von Rissen bei den Implantaten und in der Folge auch von Entzündungen gestiegen. Das verwendete Gel sei zehnmal billiger gewesen, PIP habe auf diesem Weg rund eine Million Euro jährlich gespart.

Der TÜV Rheinland, der die PIP-Produkte ursprünglich europaweit zertifiziert hatte, hat bereits seinerseits Strafanzeige in Marseille gegen die Firma PIP erstattet. Der TÜV sei von der Firma "nachweislich umfassend und fortgesetzt getäuscht worden", weil sie Änderungen an der Silikonart nicht mitgeteilt habe, hatte der TÜV bereits vor Monaten mitgeteilt. Sein Zertifikat hat der TÜV Rheinland bereits nach Bekanntwerden der Fehler im März 2010 ausgesetzt.

mbe/AFP

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