Marco Evers

Umgehung des Menthol-Verbots Der bösartige Erfindungsreichtum der Tabakkonzerne

Marco Evers
Ein Kommentar von Marco Evers
Ein Kommentar von Marco Evers
In Europa soll von Mittwoch an eine besonders gefährliche Zigarette aus dem Handel verschwinden. Doch mit gewohnter Hinterlistigkeit unterläuft die Industrie das Verbot.
Mentholzigaretten für Altbundeskanzler Helmut Schmidt, der im Januar 2010 an einer Sitzung des SPD-Parteivorstandes in Berlin teilnahm

Mentholzigaretten für Altbundeskanzler Helmut Schmidt, der im Januar 2010 an einer Sitzung des SPD-Parteivorstandes in Berlin teilnahm

Foto: Tim Brakemeier/ dpa

Dies ist ein historischer Tag im langen Kampf gegen die Nikotinsucht, die allein in Deutschland jedes Jahr 120.000 Menschen tötet. Von Mittwoch an müssen Mentholzigaretten überall in der EU aus dem Handel verschwinden, sie sind künftig illegal.

Die entsprechende Richtlinie haben die EU-Gesundheits­minister schon 2013 beschlossen. Sie hatten damals aus der Erkenntnis die Konsequenz gezogen, dass die Tabakindustrie mit Pfefferminzzigaretten insbesondere Kinder und Jugendliche zum Rauchen verführt. Menthol macht den beißenden Tabakrauch weicher, zudem entfaltet es eine betäubende Wirkung im Rachen. Tiefe Lungenzüge ohne Menthol wären gerade für Ungeübte kaum möglich und sehr unangenehm. Aus diesem Grund sind geringe Mengen Menthol auch in herkömmlichen Zigaretten immer enthalten, ebenso wie Zucker und Ammoniak.

Bösartiger Erfindungsreichtum

Aber müssen Raucher nun wirklich fürchten, dass sie in Zukunft nicht mehr an Mentholzigaretten kommen? Fügt sich die Tabak­industrie endlich dem Gebot des Gesundheitsschutzes und verzichtet auf den Verkauf von Zigaretten, die sich vor allem an den Geschmack und das Rauchverhalten von jungen Leuten richten?

Die Antwort auf beide Fragen lautet: leider nein. Auf den bösartigen Erfindungsreichtum dieser Branche ist Verlass.

Die Tabakkonzerne haben Wege gefunden, die EU-Richtlinie zu unterlaufen. Die Firma Reemtsma bietet seit April sogenannte Aromatisierungsstreifen an. Das sind stark mentholhaltige Kärtchen, die ein Raucher in seine Zigarettenschachtel legen soll. Nach einer Stunde Einwirkzeit hat er damit seine Menthol­zigaretten selbst hergestellt. Der Preis ist überaus taschengeldverträglich: 50 Cent.

Melonenzigaretten zum Selbermachen

Der Lübecker Tabakfabrikant Johann Wilhelm von Eicken ­offeriert gleichfalls solche Streifen mit Geschmacksrichtungen wie Melone, Himbeere, Kirsche oder Heidelbeer-Menthol. Der Zigarrenhersteller Arnold André aus Nordrhein-Westfalen verkauft Aromaampullen zum Beträufeln von Zigaretten, die dann nach Kirsche, Apfel und, natürlich, Minze schmecken sollen.

Die Bundesdrogenbeauftragte Daniela Ludwig (CSU) hat wegen dieser Produkte jetzt das zuständige Bundeslandwirtschaftsministerium alarmiert. "Verbote gelten hier für alle - da kann sich die Tabakindustrie nicht einfach rausnehmen." Das Gebaren der Branche, so sagt sie völlig zu Recht, sei "ein schamloser Versuch", geltende EU-Regeln zu umgehen.